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  Österreich | 13.7.2005 | 11:18   

 
 
FM4 Summerreadings
  FM4-Mitarbeiter und ihre Sommerlektüre
 
 
 
Anne Rice
  von Martina Bauer

"I see...." said the vampire thoughtfully, and slowly he walked across the room towards the window. For a long time he stood there against the dim light from the Divisadero Street and the passing beams of traffic."
- Interview with the Vampire

So beginnt die, neben Bram Stokers "Dracula", wohl meistgelesene Vampir-Story aller Zeiten. Anne Rice's "Interview with the Vampire" erschien 1976, und legte den Grundstein für die weltbekannten Vampire Chronicles.
 
 
 
Für mich beginnt die Geschichte ...
  ... in einem Sommer Anfang '90, als - rein zufällig - "Interview with the Vampire" in meinen Händen landet. Eine Freundin meint: Du wirst nicht mehr aufhören können zu lesen - und so war es dann auch. Die Nächte dieses Sommers gehörten Anne Rice.

"My last sunrise. [...] I remember it completely; Yet I do not think I remember any other sunrise before it. I remember the light came first to the tops of the French windows, a paling behind the lace curtains, and then a gleam growing brighter and brighter in patches among the leaves of the trees. Finally the sun came through the windows themselves and the lace lay in shadows on the stone floor, and all over the form of my sister, who was still sleeping [...]."
- Interview with the Vampire

Seitdem hat mich das Anne Rice Fieber - und ja, ich kann eine prinzipielle Affinität zu allem was mit Vampiren zusammenhängt nicht abstreiten, habe auch allen möglichen Scheiß darüber gelesen - jedenfalls dieses Fieber hat mich nie mehr losgelassen.

Ich mochte die Sprache, Rice's Verquickungen mit Kunst, Literatur und Mythologie, und ihren immer wiederkehrenden Gedanken, dass Vampire sich nicht verändern, sondern im Laufe der Zeit nur immer mehr zu dem werden, was sie von ihren (charakterlichen) Anlagen her sind.

 
 
Die Chronicles
  "Interview" kam vier Jahre, nachdem Rice's Tochter Michelle an Leukämie gestorben war, heraus. In einer BBC Dokumentation erzählte Rice, dass sie und ihr Mann Stan damals ständig tranken, um den Schmerz zu betäuben, und dass die Situation sehr ernst war. Dann eines Tages, erzählt Stan weiter, schloss sich Anne ein, um an dieser "Vampirgeschichte" zu arbeiten. Als Anne fertig war, las Stan, selbst Dichter, sie in einem Tag.

Viel Familiengeschichte geistert durch Anne Rice's Bücher. New Orleans ist bei ihr ein beliebter Roman-Schauplatz. Und hier ist Rice auch aufgewachsen - wie sie selbst sagt - ständig umzingelt von Geistergeschichten und vom Aberglauben des Katholizimus.

Die ersten fünf Chronicles jedenfalls waren eine wunderbare (Buch-)Welt für mich, die ich immer wieder gesucht habe. Leider wurden die Vampirstorys mit der Zeit irgendwie platter, so wie Hollywood-Sequels. Zudem trat Rice's christlich-katholische Neuorientierung immer mehr zu Tage. Das ist - laut einer Fanpage - zusammen mit ihrer schweren Krankheit auch der Grund, warum sie nun endgültig einen Schlussstrich unter ihre Vampirgeschichten gezogen hat.

 Anne Rice
 
 
Der Vampir Lestat
  "Lestat [...] war wirklich so atemberaubend, wie er sich selbst immer beschrieben hatte. [...] Der helle Goldton seiner Haut stand in wunderbarem Kontrast zu seinen violettblauen Augen, und sein Haar - wirklich eine goldblonde Mähne - fiel ihm in zerzausten Locken über die Schultern. Die Brille, deren getönte Gläser fast die gleiche Farbe wie seine Augen hatten, hatte er über die Stirn hinaufgeschoben; er sah mich durchdringend an, die goldenen Brauen leicht gehoben [...]. Sein Leinenhemd stand am Hals offen. [...]" Was sich mir jedoch tief einprägte war sein Gesicht - kraftvolle, straffe Züge, große Augen und ein wohlgeformter, sinnlicher Mund.
- Blackwood Farm

Wie Kollegin Eva bereits erwähnte, hat sie mir das letzte, auf deutsch erschienene Chronicle mit in den Urlaub gegeben. "Blackwood Farm" dreht sich um den jungen Tarquin Blackwood, der von frühester Kindheit an von einem Goblin, einer Art Astralwesen, begeleitet wird. Als Tarquin jedoch zum Vampir wird, wird dieser Goblin, einst harmloser Spielgefährte, zu einer tödlichen Gefahr.

 
 
Das Ende der Chroniken
  "Blackwood Farm" - erschienen 2005 bei Hoffmann und Campe - war meine erste Anne Rice auf Deutsch; und die Übersetzung von Barbara Kesper scheint - im Vergleich zu anderen - durchwegs gelungen.

Dennoch: Nichts schlägt das englische Original! Manchmal ist es, als könnte das Deutsche die Rice'sche Sprache nur in einer verkitschen, Billigromanartigen Version transportieren. Denn Rice' schreibt üppig, überbordend, barock. Mit extrem viel Liebe zum Detail. Und ihre Protagonisten sind auch stets sehr besondere Menschen (i.S.v. intelligent, reich, schön). Das muss man eben mögen.

Der nun angeblich allerletzte Band der "Blood Children", wie Rice ihre Vampire neuerdings nennt, heißt "Blood Canticle", ist quasi die Weiterführung von "Blackwood Farm" und bis dato nur auf englisch erhältlich.

Die Anne Rice, die ich liebe, steckt aber in ihren alten Büchern, den sogenannten Ur-Chronicles. Mitunter das Feinste, was es an "gothic fiction" gibt, auch wenn Rice diesen Ausdruck nicht mag.

 
 
  PS: Wer sich weiterführend mit dem Leben und Werk von Anne Rice auseinandersetzen will, dem sei "Conversations with Anne Rice" von Michael Riley empfohlen.

PPS: Die sozusagen Ur-Chronicles umfassen: "Interview with the Vampire", "The Vampire Lestat", "The Queen of the Damned", "The Tale of the Body Thief" und "Memnoch the Devil". Ihnen ist gemein, dass sie sich alle mehr oder weniger um Lestat de Lioncourt drehen. Die folgenden Chronicles (also ab dem sechsten Band) sind je einem Vampir gewidmet, der bereits in den Ur-Chronicles vorkam bzw. begann Rice ihren Vampir-Zyklus mit ihrer Mayfair-Hexen-Saga (die ich übrigens immer ablehnte) zu verquicken. Zudem gibt es auch noch die sogenannten "New Tales of the Vampires".

 
 
  Mehr zu Anne Rice und ihren Vampir-Chroniken gibt es heute, 13. Juli, am Sonnendeck (14-17 Uhr)
 
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