fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
  Österreich | 8.3.2006 | 05:51   

 
 
Sadie Plant: Nullen und Einsen
  von Astrid Schwarz

Mädchen spielen mit Puppen und Buben mit Autos. Heute total überholt, doch für die Generation unserer Großeltern ziemlich einleuchtend. Mittlerweile steht zwar in jedem Kinderzimmer mindestens ein Computer - doch hat sich wirklich etwas verändert? Hat frau im digitalen Raum die gleichen Chancen?
Die Cyberfeministin Sadie Plant gibt in ihrem Buch "Nullen und Einsen" (erschienen 1997) einen geschichtlichen Abriss digitaler Technologien mit zurechtgerücktem Fokus auf weibliche Beteiligung und untersucht geschlechterspezifische Wechselwirkungen und Entwicklungen.
 
 
Weben als Methode
  "Spinnen ist ein gefährliches Gewerbe. Der Mond spinnt die Zeit, er webt das Dasein der Menschen. Die Schicksalsgöttinnen sind Spinnerinnen."
(Mircea Eliade)

Dem Spinnen haftet seit jeher etwas Mythischen an und wurde nicht selten in Verbindung mit der Hexenkunst gebracht. Die Zusammenkünfte der Frauen, die in den Kulturen am Spinnrad saßen, wurden von den männlichen Pendants misstrauisch beäugt. Die Frauen teilten sich die Aufgaben vom Wolle streichen über das Faden drehen bis hin zum Weben. Sie färbten das Garn und prägten die Muster ihrer Kulturen. Lange bevor Schreiben zum Kommunizieren benutzt wurde, transportierten sie mit den Webtexten Information. Das Weben komplexer Muster erforderte weit mehr als nur ein paar Hände.
"Weben war bereits Multimedia: wenn Spinnerinnen und Weberinnen bei ihrer Arbeit sangen, Geschichten erzählten und tanzten, so waren sie auch und tatsächlich Netzwerkerinnen."
Sadie Plant kommt von der Metapher des Webens und des Knüpfens über das Tippen von Zahlenkolonnen quasi direkt zum Programmieren und beschreibt das digitale Arbeiten als dem Weiblichen sehr entgegenkommend.

 
 
Die ewigen Fußnoten
  Anhand des Beispiels Ada Lovelace, der Tochter Lord Byrons, zeigt Plant die Unsichtbarkeit der Frauen in der Geschichte der digitalen Entwicklung auf. Ada Lovelace hatte 1835 einen nicht unwesentlichen Beitrag zu Charles Babbages Entwicklung der Differenzmaschine, eine mit Lochkarten programmierbare Rechenmaschine, geleistet. Seine gute Freundin Ada Lovelace, hieß es, war lediglich für den Schriftverkehr und die Fußnoten verantwortlich. Doch bei genauerer Betrachtung findet man in den Fußnoten die eigentliche theoretische Auseinandersetzung. Die Selbstverständigkeit, mit der Ada Lovelace in die zweite Reihe zurücktritt, ist heute wahrscheinlich undenkbar, gesetzt dem Fall es wüsste jemand von der Existenz dieser Frau. Doch wenn heute Frauen vorgeführt werden als Beispiele für Erfolg im Bereich der digitalen Technologie, so sind es immer nur Spitzen und nicht die Regel, vor allem im kommerziell-wirtschaftlichen Bereich. Die Kampagnen "mehr Frauen in die Technik", der "Töchtertag" und ähnliche gibt es seit relativ langer Zeit. Doch wenn es um Umwälzungen und Neustrukturierung der Gesellschaft geht, muss mit Jahrzehnten gerechnet werden.

 
 
Digitale Größe
  "Schon der Niedergang der Schwerindustrie, die Automatisierung der Produktion, das Auftauchen des Dienstleistungssektors,... haben die Bedeutung der einst ökonomisch so hoch belohnten Muskelkraft und Hormonenergie reduziert."
Mit jeder Phase, die auf die industrielle Revolution folgte, wurde die Arbeiterschaft zunehmend weiblicher, je raffinierter die Maschinen wurden. Durch neue Maschinen, Medien- und Telekommunikationsmittel gab es laut Plant ein "Geschlechterbeben" in den frühen 90ern. Die ökonomischen Möglichkeiten, die Frauen damals erhielten, löste bei Männern Verstörung aus, da sie sich plötzlich in einer Welt wiederfanden, die nach anderen Regeln zu funktionieren schien. Betonung auf "schien". Der Geschlechterunterschied ist in der digitalisierten Welt so klein wie sonst nirgendwo geworden. Das digitale Zeitalter hat zwar das körperliche Ungleichgewicht ausgehebelt, und doch bleiben die Unterschiede. Laut Plant finden sich Frauen in der vernetzten Welt weitaus leichter zurecht als Männer. Im Vergleich zur realen Welt stimmt das sicherlich, nur haben sich die Vorzeichen im digitalen Raum wirklich umgedreht? Ist das, was männlich war, eigentlich weiblich? Funktioniert der digitale Raum heute tatsächlich mit anderen Regeln als der reale?


 
 
Information overflow
  KI, Rhizom, Anna O., Alan Turing, Mary Shelley und ihr Frankenstein, Zitate aus Cyberpunkliteratur kommen in der nachgeahmten Hypertextstruktur ebenso vor wie Linné, Quantenphysik, Hysterie, Amazonen, Sigmund Freud, Orgasmusfähigkeit der Frau und Cybersex. "Nullen und Einsen" ist eine groß angelegte Wissen- und Zitatesammlung, die aber zum Teil übers Ziel hinausschießt und die Leserin mitunter den roten Faden nicht finden lässt.
 
 
 
Machtspiele
  Besonderes Augenmerk legt sie auf die Frage: Was ist männlich und was weiblich? Oder ist nicht doch alles gleich und es gibt keine Unterschiede? In einer fortpflanzungsbiologischen Abhandlung werden wir aufgeklärt:

"Eier sind Computer, verglichen mit den Floppy Disketten der Spermien und enthalten zu großen Teilen die Maschinerie, die ein Embryo braucht, um die Gene lesen und verwenden zu können." (Gilles Deleuze)

Wer war zuerst da, die Henne oder das Ei? Wer ist mächtiger, die Spermien oder das Ei?
Auch an dieser Stelle arbeitet Sadie Plant mit Zitaten und wissenschaftlichen Erkenntnissen und drückt sich so vor einer klaren persönlichen Aussage.
 
 
 
  Sadie Plants "Nullen und Einsen" durchpflügt die Geschichte der digitalen Technologie in atemberaubender Geschwindigkeit und Dichte und zeigt Facetten der Entwicklung in einem anderen Licht. Als Lektüre und Dokument der Anfangszeiten des "Computing" und des Cyberfeminismus ist es absolut empfehlenswert. Die weibliche Sicht auf den Cyberspace und die weiblichen Seiten der Technologie haben Sadie Plant vor fast 10 Jahren großen Respekt eingebracht. Doch ihre postive Sicht auf die digitale Weiblichkeit hat mittlerweile ein wenig Patina angesetzt. Auch im Cyberspace gelten marktwirtschaftliche Regeln. Die Geschlechterdifferenzen sind zwar zunehmend aufgeweicht, doch fehlt es immer noch an Respekt für die nun mal eben existierenden Unterschiede.
 
 
 
  Sadie Plant, *1964, studierte Philosophie an der Universität Manchester, lehrte an der Universität Birmingham und war Research Fellow und Direktorin der "Cybernetic Culture Research Unit" an der University of Warwick, England. Derzeit arbeitet sie als freischaffende Autorin und beschäftigt sich mit Themen, die sich mit den gesellschaftlichen und kulturellen Auswirkungen neuer Technologien beschäftigen.
 
fm4 links
  Sadie Plant im Netz:

info.wlu.ca/...

t0.or.at/...

fringecore.com/...
   
fm4 links
  Feministische Klassiker
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick