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  Österreich | 5.4.2006 | 16:15   

 
 
Lesestoff: Helen Walsh - 'Millie'
  von Marion Bacher

Schauplatz: Ein Friedhof, nähe der Upper Duke Street in Liverpool.
Zeitpunkt: Freitags, 20 Uhr.
Mitwirkende: Die 19-jährige Millie und ihre vier Jahre jüngere Hure - beide: voll gepumpt mit Chemie.
Und plötzlich ist man mitten drin: Im Leben der Protagonistin von Helen Walshs Debütroman "Millie". Im harten Straßenslang erzählt die 28-jährige Autorin, wie sich Millie die Nächte um die Ohren schlägt. Die Sprache ist abstoßend und klingt fremd - zu Wörtern wie "Fotze, Fresse, Fickfleisch" muss man erst seinen eigenen Zugang finden, und doch macht gerade das das Buch authentisch und lebendig.

Die 19-jährige Millie hat wie ihre Erschafferin bereits sehr früh Kontakt zu Drogen. Im Alter von 13 Jahren lernt sie vor einem Club Jamie kennen, der laut Helen Walsh die typischen Charakterzüge eines fleißigen Liverpooler Jungens besitzt. Mit ihm verbringt sie die meiste Zeit ihrer Pubertät, und als die Mutter die Familie verlässt, ist Jamies Familie ihr Zufluchtsort. Mit ihm und ihren Freunden Billy und Sean schlägt sie sich die Nächte um die Ohren, bis Jamies Freundin Anne-Marie eine tiefe Kluft zwischen die beiden reißt.
 
 
  Früher war alles so mühelos - wir lachten und redeten und absorbierten und verschlangen die Welt des anderen bis zum letzten Zentimeter... Heute ist es, als gäbe es nichts mehr zu sagen. Es ist schon alles gesagt. Wir sind hier, weil wir uns dazu verpflichtet fühlen, nicht, weil wir es selber wollen. Wir sitzen nur unsere Zeit ab.

Seitdem die Mutter die Familie verlassen hat, lebt Millie mit ihrem Vater, einem angesehenen Uniprofessor, zusammen. Ihr Verhältnis ist unkompliziert und freundlich: Der Vater will es ihr leicht machen und versorgt Millie mit genügend Geld. Was sie mit dem Geld anfängt oder ein Gespräch über die Mutter, das sind Tabuthemen, die Vater und Tochter nie streifen. Es wäre wohl zu unbequem, sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen. Probleme werden so lange totgeschwiegen, bis sie nicht mehr existieren - so lautet wohl die vermeintliche Philosophie des Vaters. Doch er hat die Rechnung ohne Millie gemacht, die auf ein düsteres Geheimnis ihres Vaters stößt.
 
 
 
Verlangen nach beiden Geschlechtern
  Millie fühlt sich sowohl zu Frauen, als auch zu Männern hingezogen. Sie empfindet sich selbst schlichtweg als sexbesessener Freak. Das Mädchen flüchtet in einen Nebel aus Drogen, Alkohol und Sex, um ihren eigenen Depressionen zu entgehen. Zu den meisten Mitmenschen ist sie kalt, distanziert, egoistisch und gnadenlos. Sie geht sogar so weit, dass sie ein junges Mädchen auf der Toilette streichelt und fingert, nur um ihre eigene Lust zu stillen.

Nein! Sie hat es genossen!
Sie hat - sie fand es schön.
Du hast sie zum Höhepunkt gebracht. Sie ist gekommen. Und nun foltert sie sich mit allen Waffen, die sie gegen sich selbst richten kann - Schuldgefühl, Selbsthass, Verleugnung.
Aber sie hat es schön gefunden.
Ich schließe die Tür auf und sehe beim Rausgehen flüchtig mein Gesicht im Spiegel, das von Reue und Sex gezeichnet ist.


Was an dem Buch so schockiert, ist nicht nur der Inhalt an sich, sondern die bis ins kleinste Detail gehenden Beschreibungen, die einem ein reales Bild vom Erlebten der Protagonistin vermitteln. Helen Walshs Roman hat in England für sehr viel Aufsehen gesorgt, was ihrer Meinung nach auch daran gelegen sein mag, dass sie dieses Buch aus der Sicht einer Frau geschrieben hat. Doch die Geschichte Millies ist nicht nur dreckig und tragisch, sondern auch berührend und aufregend, sie ist so herrlich lebendig, wie ein Buch nur sein muss, damit es fesselt.
 
 
 
Die Autorin
  Helen Walsh wurde 1977 in Warrington, in der Nähe von Liverpool geboren. Nach einer aufregenden Pubertät - mit 13 schmiss sie sich das erste E, mit 16 musste sie sich ein Jahr in Barcelona vor ihrem Dealer verstecken - fing sie mit 21 Jahren in Liverpool zu studieren an und beendete ihre Studien mit der Doktorarbeit zum Thema "Wenn Pornografie ein so gefährliches Frauenbild vermittelt, muss das Männerbild auch schädlich sein." Mit 25 Jahren hat sie angefangen ihren Roman "Millie" zu schreiben, um ihre - wie sie sagt - Dämonen zu bekämpfen. Das Schreiben sollte ihr helfen, ihre Depressionen zu lindern. Heute wohnt Walsh mit ihrem Freund Kevin in einem Dorf bei Liverpool und genießt die Ruhe.

"Millie" wurde von Clara Drechsler und Harald Hellmann ins Deutsche übersetzt und ist Anfang 2006 bei Kiepenheuer&Witsch erschienen.

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