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  Österreich | 25.10.2006 | 18:06   

 
 
Sasa Stanisic - "Wie der Soldat das Grammofon repariert"
  von Maria Motter

Geht es in Romanen um Krieg, Flucht und Rückkehr, schlägt das Pathos oft bereits auf den ersten Seiten dick an. (Gibt es eigentlich ein literarisches Äquivalent zum Problemfilm-Fan?)

Sasa Stanisic hat für Pathos nichts über. Sein Debütroman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" sprüht vor witziger und fantastischer Details, ohne jemals aufgesetzt zu wirken, nervig zu werden oder ins Absurde zu driften. Und das, obwohl darin die Geschichte des Krieges im ehemaligen Jugoslawien eine tragende Rolle spielt.

Gewalt und Existenzangst lassen sich nicht (einfach) zu Papier bringen. Aleksandar Krsmanovic, die Hauptfigur, macht Listen, stellt Fragen zusammen, die ihm die Menschen in Bosnien beantworten sollen. Von Deutschland aus kehrt er in ein Land zurück, das ihm Zuhause war, bis der Krieg abrupt in die Kindheit einbrach. Langsam rollt die Handlung die Kriegserlebnisse auf.
 
 
 
Die dreiste Drina
  Doch zunächst mal ist die Kindheit Aleksandars in der Stadt Visegrad am Fluss Drina von Familienereignissen geprägt. Gleich zu Beginn stirbt Opa Slavko in jenen 9,86 Sekunden, in denen Carl Lewis in Tokio den damaligen Weltrekord in 100-Meter-Lauf aufstellt.

Trotz der Angst und so kurz nach einem Sterben sah ich, dass Omas Porzellanhund auf dem Fernseher umgefallen war und dass die Teller mit den Fischgräten vom Abendessen immer noch auf der gehäkelten Tischdecke standen. Ich hörte jedes einzelne Wort der herumwuselnden Nachbarn, verstand alles trotz Omas Wimmern und Jaulen. Die zerrte an Opas Beinen, Opa rutschte vom Sofa nach vorne. Ich versteckte mich in der Ecke hinter dem Fernseher. Aber auch hinter tausend Fernsehern hätte ich mich nicht verstecken können vor Omas verzerrtem Gesicht, nicht vor den verdrehten, vom Sofa abfallenden Opa, nicht vor dem Gedanken, dass meine Großeltern nie hässlicher waren als jetzt.

 
 
Ein Auge lacht, das andere weint
  Wenn die Fantasie mit dem kleinen Aleksandar durchgeht, will man die Familie Krsmanovic nicht mehr verlassen. Muss laut lachen und auf der Stelle einzelne Passagen jemandem vorlesen.
Mehr als die erste Hälfte des Buches spielt in der Kindheit der Hauptfigur. "Nur das ermöglichte mir, nicht moralisch zu werden", sagt Sasa Stanisic im Gespräch. "Nur ein junger Philosoph hat die Legitimation, zu sehen, zu erkennen, aber nicht zu urteilen. Am Anfang habe ich versucht, einen Erzähler zu finden, der auf diese Zeit zurückblickt - da wurde es sofort moralisch und politisch. Zu politisch." Stanisic sieht sich nicht als politischen Autor.

Im Zuge seiner Recherchen für den Roman hat er allerdings die Verhandlungsprotokolle des UN-Tribunals in Den Haag durchgearbeitet, persönlich interessierte ihn der sprachlich-kommunikative Aspekt: Wie weisen die Angeklagten die Schuld von sich? Welches Vokabular verwenden sie vor Gericht?
Orte des Verbrechens kommen auch in "Grammofon" vor, als erwachsener Mann ist Aleksandar zwar passiv, erkennt und benennt das (Kriegs-)Geschehen jedoch präziser.
 
 
 
  Sasa Stanisic floh selbst als Vierzehnjähriger mit seinen Eltern in den ersten Kriegstagen aus seinem Geburtsort Visegrad nach Deutschland. Im Roman sind jedoch nur die Eckpunkte des Romans autobiographisch. "Es gibt vier Etappen im Buch: Vorkriegszeit, Krieg, Flucht und Rückkehr. An diesen Eckpunkten ist Aleksandar sehr nah an meiner Person", sagt Stanisic im Gespräch. "Der größte Teil ist fiktionalisiert. Die ganze Familie Aleksandars ist vollkommen anders als meine Familie."


Geschrieben hat Stanisic bereits mit zehn, alte Kalender, die sein Vater ihm aus der Bank mitbrachte, füllte er mit Gedichten und Geschichten.
Im Vorjahr las der 28-jährige Autor eine Geschichte aus "Wie der Soldat das Grammofon repariert" beim Wettlesen um den Bachmannpreis und gewann den Publikumspreis. Noch vor der Veröffentlichung wurde das Buch 2006 für die Shortlist der besten sechs Bücher für den Deutschen Buchpreis nominiert. Den bekam Katharina Hacker Anfang Oktober für ihren Roman "Die Habenichtse".

 Foto: Peter von Felbert
 
 
Stadtschreiber - Was macht der da?
  Zurzeit arbeitet Stanisic an einem Theaterstück über die Träume sehr alter Leute und ist Stadtschreiber 2007 in Graz.

Die Stadt vergibt, wie viele andere Orte auch, jedes Jahr ein Literaturstipendium an eine Autorin oder einen Autor, deren bzw. dessen Anwesenheit "dem kulturellen Austausch sowie der Interaktion mit der Literaturszene vor Ort dienen" soll. Für ein Jahr wird eine Wohnung im Cerrini-Schlössl am Schloßberg zur Verfügung gestellt sowie eine monatliche Geldzuwendung. Ein Werk muss ein Stadtschreiber nicht abliefern - Lesungen, Projekte und Ideen sind sehr willkommen.

Bereits in den ersten Tagen nach seiner Ankunft in der Stadt war Sasa Stanisic unterwegs, hat sich mit lokalen jungen Schriftstellern wie Gerhild Steinbuch getroffen und Pläne geschmiedet. Es könnte ein gutes Literaturjahr an der Mur werden. Für uns alle.



Sasa Stanisic: Wie der Soldat das Grammofon repariert
Luchterhand Literaturverlag, München 2006
 
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