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  Österreich | 20.6.2007 | 15:07   

 
 
Joshua Ferris: "Wir waren unsterblich"
  von Marion Bacher

In allen möglichen Medien konnten wir unseren amerikanischen Mitbürgern ihre Ängste, Sehnsüchte, Unzulänglichkeiten und Enttäuschungen vor Augen führen. Und erklären, wie sie damit umzugehen hatten. In sechs Sekunden hatten wir sie so weit, etwas zu wollen, von dem sie vorher gar nicht wussten, dass es ihnen fehlte. Wir waren Kopfgeldjäger der menschlichen Seele. Wir zogen die Fäden im ganzen Land, und bei Gott, alle sprangen auf und tanzten.


Eine Werbeagentur in Chicago Ende der 90er Jahre: Zum Frühstück gibt's gratis Bagels, in der Kantine stehen frisch geschnittene Blumen und die Klatsch&Tratsch-Pausen werden den Kunden verrechnet. Die Arroganz und Geschwätzigkeit der "Kreativen" lenkt anfangs von allen Neurosen und Depression ab. Doch bald darauf platzt die Internetblase. Und wo einst das Weihnachtsgeld eben noch eine Selbstverständlichkeit war, zählt am Ende nur mehr das Fortbestehen einer Anstellung. Der Auftragsschwund hat jedoch auch etwas Gutes für Joshua Ferris' Charaktere: Ihnen bleibt mehr Zeit um ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen.
 
 
  Das Reden war wie Grippe: Wenn einer infiziert war, dann bald auch alle anderen. Aber anders als bei der Grippe konnten wir es uns nicht leisten, ausgelassen zu werden, wenn etwas rumging.
 
 
 
  Getratscht wird über alles und jeden: Von wem hat Carl die Antidepressiva geklaut? Wird Tom nach seiner Entlassung alle niederschießen? Treibt Amber das Kind von Larry ab? Warum spielt Janine in der Mittagspause mit den Plastikbällen im McDonald's? Aber die die wichtigste Frage bleibt dennoch: Wer wird als nächster "spanisch den Flur runterlaufen"? Ein Ausdruck, der übrigens aus dem Lied "Walking Spanish" von Tom Waits "ausgeliehen" worden ist. Die Angst vor der Entlassung geht so weit, dass sie versuchen, ihre Sessel loszuwerden, die sie nach der Entlassung höherer Angestellter aus deren Büros gestohlen und gegen ihre weniger gepolsterten ausgetauscht haben. Der Sessel wird nach und nach zum Symbol für alles, was sie an ihrer Arbeit hassen.
 
 
 
Eine Spendenkampagne für Leidende
  Inmitten dieser nervenaufreibenden Zeit kommt ein Auftrag: Die Kreativabteilung soll eine Spendenkampagne für Brustkrebskranke entwerfen, die die betroffenen Frauen zum Lachen bringen soll. Zeitgleich taucht das Gerücht auf, dass die Chefin - Lynn Mayson - an Brustkrebs erkrankt sein soll. Die Neugier und Ideenlosigkeit der Gruppe treibt sie so weit, Lynn Mayson hinterher zu spionieren und sogar im Krankenhaus anzurufen. Wie es der distanzierten Lynn wirklich geht, erfährt der Leser in einem Kapital, das völlig aus der Reihe tanzt: Das Ungewöhnliche an Joshua Ferris' Roman "Wir waren unsterblich" ist nämlich, dass er in jedem Kapitel - bis auf das eine Mal - die Wir-Form verwendet. "In der Werbung ist es so üblich, dass es die ganze Zeit um ein Gemeinschaftsgefühl geht: Wir geben dir etwas Besseres. Wir haben ein tolles Produkt für dich. Du kannst Teil von etwas sein, was wir gemacht haben.", erklärt der Autor seine Wahl.
 
 
 
  "Komm mal bitte, kannst du hier mal fühlen?" Sie stand unter der Dusche, eines der seltenen Male, die Martin unter der Woche bei ihr die Nacht verbracht hatte. Er kam an die Duschkabinentür. "Hör mal, ich muss jetzt los", sagte er. "Ich muss nach Hause, duschen." Er stand hinter dem undurchsichtigen Glas. "Hast du gehört, was ich gesagt habe?", fragte sie ihn. "Was?", sagte er. "Ich hab dich gebeten, mal zu fühlen." Er bewegte sich nicht. "Was denn? Ich werde nass." - was war das denn für eine Reaktion? Dann krempel dir doch deinen verfickten Ärmel hoch, du Penner!


Joshua Ferris ist ein Arbeitsroman in einer Werbeagentur fernab von grauen Anzügen und Schlips gelungen. Seine Kreativabteilung trägt Röcke von Hulu-Tänzerinnen, Hawaii-Hemden, Clownmasken oder Flipflops. Das ist nur ein Indiz dafür, wie Ferris' Charaktere ticken: schräg, quer, depressiv, durchgeknallt, manchmal sogar ziemlich ehrlich. "Wir waren unsterblich" ist ein Roman über viele Einzelschicksale, die doch alle etwas miteinander zu tun haben. Und zum Schluss bleibt das Wir-Gefühl. Ein wunderbar traurig-komischer Roman.

 Joshua Ferris
 
 
Zum Autor
  Joshua Ferris wurde 1974 in Illinois geboren. Nach dem Abschluss seines Philosophie- und Englischstudiums arbeitete er kurz als Werbetexter in Chicago. Nach einigen veröffentlichten Kurzgeschichten schrieb er seinen ersten Roman "Wir waren unsterblich".

"Wir waren unsterblich" wurde von Frank Wegner ins Deutsche übersetzt und ist im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen.
 
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