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  Österreich | 10.7.2007 | 12:18   

 
 
Kein Gott. Kein Staat. Kein Mietvertrag?
  von Maria Motter

Luftballons baumeln an einer Schnur quer über die kleine Gasse. Auf der Straße vor dem alten Schulhaus, dem zumindest ein Anstrich nicht schaden würde, sitzen dreißig junge Leute und plaudern. Musik weht halbstark aus nicht ersichtlichen Boxen. Ein kleines Sommerfest unweit des Grazer Kunsthauses? "Dieses Haus ist BESETZT!" steht in fetten Edding-Buchstaben auf einem Plakat, das an die Mauer gegaffert ist.

"532.470 Wohnungen gibt es in der Steiermark ingesamt.
Davon stehen 45.624 Wohnungen leer.
Das sind 8,6% aller Wohnungen, in denen kein Mensch wohnt!" zitiert ein Anschlag das Statistische Jahrbuch der Statistik Austria 2007.
 
 
Wohnen bei Fremden
  Vergangenen Freitagabend begann die Besetzung. Die ehemalige St. Andrä Schule wurde zu "Venedig", einem "zentralen Zentrum". Eine Leiter an die Mauer gelehnt und ein Grillfest angekündigt. "Hausbesetzung bedeutet für uns, dass wir einen Raum, der von der Allgemeinheit errichtet wurde, wieder für die Allgemeinheit zugänglich machen", ließ ein Plakat die "lieben Nachbarn" wissen.

Inzwischen hat die Polizei jeden Tag in der alten St. Andrä Schule vorbeigeschaut, der Grazer Bürgermeister kam gestern früh vorbei, drei Polizisten auch. Und die Besetzer begründeten ihren Einsatz: "Erstens gibt es keinen Ort für alternative Kunstprojekte und zweitens bereichert sich eine kleine Minderheit an überteuerten Wohnungen."

 
 
Dieseits der Mauer.
 
 
Diesseits und jenseits der Mauer
  Ins Grundbuch haben die Hausbesetzer geschaut. Laut Auszug von letzten Freitag stand da die Stadt Graz als Eigentümer.

Doch der Kaufvertrag mit einer Immobilienggesellschaft ist unterschrieben.

Hausbesetzen hat ein kleines Grüppchen bereits im April geübt. Damals nahm jedoch kaum jemand Notiz, nach wenigen Tagen zogen die Besetzer ungefragt wieder aus.

Diesmal saßen drei Viertel der anwesenden Leute auf dem Gehsteig, einige bezogen auf der Mauer Position und ein paar machten es sich im Garten hinter der Mauer gemütlich.
 
 
 
Das Tor des kurzfristigen "Venedig Social Centrum". Am Menüplan: "No Cops No Racists No Liders." Und: "Vegan Griller" und "Soya Schnitsel".
 
 
Jenseits der Grundstücksmauer.
 
 
Sind die Hausbesetzer unterbesetzt?
  Spätestens gestern Mittag war der kleinen Gruppe dann klar, dass das Objekt der Begierde nicht öffentliches Eigentum und nicht mehr im Besitz der Stadt Graz ist. Aus einem Megaphon schallte nachmittags noch ein Aufruf zum Plenum: "Was wir für's Grillen noch kaufen müssen". Angeblich hatten die "Squatter" am Wochenende Verstärkung aus Deutschland, ein G8-Protest-Plakat lag vor dem Haus am Boden, für die Pressekonferenz Montagfrüh rief man medienerfahrene Bekannte zur Hilfe.
Friedlich, doch naiv-herzig wirkte das Geschehen, wie die Forderung nach einem Café ohne Konsumzwang.
 
 
 
 
 
Venedig ist untergegangen.
  Um 19 Uhr fuhr gestern die Polizei vor. Rund achtzig Polizisten begannen mit der Räumung des alten Schulhauses, großteils in Schutzausrüstung.
Ende, aus für das "soziale Zentrum Venedig".

Für das Grillen und Chillen gibt es Besitzstörungsklagen, wie anzunehmen ist.
 
 
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