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  Österreich | 18.12.2007 | 15:29   

 
 
Himmlische Töne
  von Maria Motter

Ein klein wenig unheimlich sieht es aus, wenn sich zwei Hände mit exakten Fingerhaltungen vor den Antennen bewegen. Und ohne Berührung das Theremin bizarr singendklingend ertönt.
 
 
 
Aus dem Koffer spielen
  "Ich habe ein neues Theremin bekommen", erzählt Dorit Chrysler begeistert. Es ist ein Koffer, wie ihn James Bond tragen könnte, der sich neunzig Grad öffnen lässt und so gespielt werden kann. Ein Reisetheremin, das ein Russe in Los Angeles gebaut hat. Es ist ein richtiges Theremin, im handlichen Format. "Und dazu habe ich einen winzigen Lautsprecher, einen orangen, aus der DDR. Ich weiß nicht, wofür die den verwendet haben, für kleine Anlagen oder Computer?", beschreibt die Musikerin ihre Ausrüstung. "Das klingt ganz trashig. Ich hänge einen CD-Spieler an und das Theremin kommt über einen mini Marshall-Amp." Weihnachtslieder spielt Chrysler damit zwar nicht, aber ein bisschen kitischig dürfen die Stücke für die Engel-Mission schon sein.


Denn Dorit Chrysler und ihr bizarres Instrument kann man diese Tage mieten. Für fünfzehn bis zwanzig Minuten kommt die Musikerin dann mit dem Köfferchen und spielt ein kleines Set.

 
 
 
 
Engel, bitte kommen!
  Mit dem kleinen aufklappbaren Theremin ist Dorit Chrysler unabhängig von Tontechnikern und Mixern. "Die mechanische Engelsmaschine" schafft Freiraum und ermöglicht Wohnzimmer-Konzerte.
 
 
 
 
 
Snow
  Dorit Chrysler hat die "New York Theremin Society" gegründet. "Am Anfang schrieb die Village Voice: 'Zehn Theremin-Spieler - wer will sich dieses Gekreische anhören?'", erzählt die Sängerin und Musikerin, die seit 1989 in New York lebt. Dann war jedes Konzert ausverkauft.
Wieviele Mitglieder die Society habe, könne man nicht exakt sagen. Es ist ein bisschen verspielt. Immer wieder klopfen Leute per Email oder bei Veranstaltungen an und fragen, wie sie Mitglied werden können. "Das ist nicht genau definiert", sagt Chrysler. "Leute, die wirklich gut sind und sich damit auseinandersetzen, sind gelistet."

Auch in Europa hat die Musikerin und Komponistin einen Theremin-Verein gegründet. Sitz ist in Graz, Chryslers Geburtsstadt. Bislang gab es nur eine Generalversammlung. Die Theremin-Virtuosin ist viel unterwegs, in den letzten Monaten war sie kaum in ihrer Wahlstadt New York zuhause. Auftritte mit dem eigenwilligen elektronischem Musikinstrument bei kanadischen Festivals, ein Workshop an der Sibelius-Akademie in Finnland, mehrere Soundtracks zu Video- und Kunstfilmarbeiten. Das Koffer-Theremin scheint wie für sie gebaut.

"Es gibt nicht mehr als zehn, fünfzehn Theremisten auf der Welt, die vom Blatt Melodien spielen können. Wir kennen uns alle. Wenig Konkurrenz", sagt Dorit Chrysler.

 
 
The Magic Position
  Denn das 1919 vom russischen Physikprofessor Leon Theremin erfundene Musikinstrument ist schwer zu spielen. Es war verpönt und wurde verlacht.
"Es ist ein Windmühlenkampf", weiß Chrysler. "Du musst wahnsinnig viel üben und kannst es trotzdem nicht beherrschen und dadurch hat es so etwas Berührendes. Wenn du die Töne erwischt, hast du so eine Freude."
Jeder hat seine eigene Position, die Hand ruhig zu halten. Einzig durch exakte Handbewegungen in einem vom Metallstab des Theremins ausgestrahlten Magnetfeld erklingt - im besten Fall - Musik.
 
 
 
Ein 10-köpfiges Theremin-Orchester
  Zusammen mit neun Kollegen hat Dorit Chrysler auf Einladung der L.A. Philharmonic im Mai
Leon Theremins reines zehnköpfiges Theremin Orchester gespielt. Wie 1932, wo die Komposition in der Carnegie Hall uraufgeführt wurde, kamen zehn Theremisten zusammen. Drei Tage wurde in der Disney Hall in Los Angeles geübt. "Wir hatten einen Dirigenten und haben hart gearbeitet, da sind einem die Ohren fast abgefallen. Teilweise hat es so schauerlich geklungen, dass wir dachten, es wird nie klappen", erzählt Chrysler. Kommen mehrere Theremine zusammen, kann es technische Probleme geben, wenn sie sich gegenseitig durch ihre Frequenzen übersteuern. Letztendlich kam der große Moment: Fünfzehn Minuten lang spielten die Kenner der "Ätherwellengeige" ganz leise und zart die Arrangements.
 
 
 
A pursuit
  "Es ist unterhaltsam, der eine spielt 'Video killed the radio star' und ein anderer Mozart-Sonaten", erzählt Dorit Chrysler von den Zusammenkünften ihrer New York Theremin Society.
Anfang Jänner wird sie neue Kompositionen hören, wenn die Theremin-Liebhaber wieder in einem Alternative Music Space in New York zusammenkommen. "Es ist toll, denn in der Stadt gibt es nicht mehr viele Non-Profit-Orte. In Brooklyn gibt es eine Szene von Musikern und Intellektuellen. Das ist nicht diese neue Rock'n'Roll-Szene, sondern da sind Ältere wie Steve Buscemi. Sein Sohn ist zwölf und hat eine Rockband, und er hält Reden und geht da ein und aus. Wie auch Eliott Sharp." Ein gutes Umfeld für die Veranstaltungen der Theremin Society.

Wer den bizarr-schönen Tönen des Instruments in seinem eigenen Wohnzimmer lauschen möchte, ruft schnell bei den persönlichen Assistenten der Engel an.

Dorit Chryslers eigenes nächstes Album ist beinahe fertig. Das Theremin ertönt darauf teilweise nur peripher und lässt Platz für Singer-Songwriting.

(c) Mrs. Lee
 (c) Mrs. Lee
 
 
Such a mystery I just wanna stand and stare
  Kurzperformance aller Engel und Abschlussparty von "Rent an Angel" des Tanzquartier Wien mit DJ Shot-Nez von der Balkan Beat Box, am 20.12.2007 im Club Ost, ab 20 Uhr.

Dorit Chrysler ist mit ihrem Theremin ebenfalls am Donnerstag, 20.12.2007, im Rhiz (22 Uhr) zu hören und zu sehen.
 
 
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