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  Österreich | 17.12.2007 | 21:17   

 
 
Goodbye, Soulseduction
  von Phekt

Die Nachricht über die Insolvenz des Wiener Vertriebs Soulseduction hat wie eine Bombe eingeschlagen: Der ohnehin kleine österreichische Musikmarkt verliert einen weiteren Player.

Die Soulseduction war unter anderem dafür zuständig, Platten von Labels wie G-Stone oder Klein Records international zu vertreiben. Umgekehrt haben sie dafür gesorgt, dass die Tonträger von Ninja Tune, BBE Music, uvm. bei uns in den Plattenläden erhältlich waren.

Diese Ära geht nun zu Ende.
 
 
Vom Club ins Black Market
  Ursprünglich war die Soulseduction ein regelmäßig stattfindender Club in Wien. 1990 wurde expandiert und der Plattenladen "Black Market" gegründet.

In einer Zeit vor Internet-Portalen, Webshops und Streams war es das "Black Market", das die heimischen DJs regelmäßig mit dem schwarzen Gold versorgt hat. Die Wiener hatten den Heimvorteil, dass sie jeden Tag ins Geschäft gehen konnten, um die heißesten Releases zu bekommen.

Für Leute, die nicht in Wien lebten, gab es eine Alternative: Die mittlerweile legendäre, sehr kleingedruckte "orange Liste" mit dem Logo vom offenen Schaltkreis. Sie wurde jeden Monat von der Post zugestellt, egal ob man in Salzburg, Innsbruck oder Vorarlberg lebte. In meinem Fall kam sie immer nach Steyr.

Nach stundenlangem studieren und aufschreiben der Bestellnummern, musste man nur noch in Wien im "Black Market" anrufen und einem gewissen Fritz sagen, was man gerne hätte. Zwei Tage später waren dann die neuen Scheiben von "Lords of the Underground", "MC Lyte" oder "Cora E" im Postkasten.

Kürzlich hab ich so eine orange Liste in meinem alten Kinderzimmer gefunden: Um 99 Schilling gab es da Maxis, die heute um 100 Euro gehandelt werden. Manchmal wünsch ich mir, ich könnte die Telefonnummer mit der alten Wiener Vorwahl 0222 einfach wieder anrufen und dem Fritz sagen, er soll mir bitte doch noch die eine "Artifacts"-Maxi schicken. Ich hab sie nämlich bis heute nirgends mehr gefunden.

 
 
Das Kaufverhalten ändert sich
  Die "Black Market"-Geschichte veranschaulicht ganz gut, welchen Stellenwert Plattenläden einmal hatten. Ich will jetzt keinen auf "früher war alles besser" machen, aber diese beschränkten Möglichkeiten haben zumindest eines bewirkt: Die Platten bzw. Musik, die man kaufte, war etwas Exklusives und Besonderes. Man musste sich schon bemühen, wenn man die wirklich heißen Scheiben haben wollte. Dadurch hatten sie eine andere Wertigkeit als gratis heruntergeladene MP3s.

Heute konkurrieren Tonträger mit vielen anderen Produkten: Die Käufer haben Mobil-Telefone, Spiel-Konsolen, Internet-Zugang, etc. Das Geld ist knapp und muss gut eingeteilt werden. Warum also für eine CD bezahlen, wenn man sie gratis aus dem Netz saugen kann?

 
 
Das Ende
  Alexander Hirschenhauser, Geschäftsführer und Gründer der Soulseduction, hat schon in den frühen 90er Jahren damit begonnen, Musik zu vertreiben. Er hat die strukturellen Veränderungen in der Branche hautnah miterlebt.

Seit Freitag gehören Alex, seine Kollegen und alle beteiligten Künstler zu den "Opfern" des Paradigmenwechsels in der Musikindustrie. Man kann ihnen nicht vorwerfen, dass sie die digitale Revolution verschlafen hätten: Es gab einen Webshop und seit einiger Zeit werden über die Firma Ordis digitale Downloads angeboten (beides soll übrigens auch in Zukunft weiter bestehen). Ob das "Black Market" offen bleibt, ist fraglich.

Laut Alex Hirschenhauser ist es sich heuer "einfach nicht mehr ausgegangen". Die Verkaufszahlen wurden immer kleiner, das Repertoire des Vertriebs immer größer.

Für ihn und sein Team ist es jetzt wichtig, das sinkende Schiff nicht zu verlassen und dafür zu sorgen, dass kein Chaos ausbricht. So gut es geht wird versucht werden, ausstehende Forderungen zu begleichen und fair mit Kollegen und Künstlern umzugehen.

Im Interview schiebt er die Schuld nicht weg, er gesteht durchaus auch persönliche Fehler ein. Trotzdem beklagt er die fehlende Moral bei Menschen, die ohne schlechtes Gewissen kreatives Gut nehmen, ohne dafür zu bezahlen.
Er vergleicht digitale Musikfiles mit einem Fahrrad, das man nicht absperren kann. Auch wenn es moralisch verwerflich sei, brauche man sich nicht wundern, wenn ein unabgesperrtes Rad entwendet wird.

 
 
  Die Insolvenz der Soulseduction ist leider kein Einzelfall, momentan gehen fast wöchentlich Vertriebe und Labels Pleite.

Die Schuld einfach dem Internet zuzuschieben wäre sicher zu einfach, Tatsache ist aber, dass das illegale Downloaden und Tauschen von Musik ein Hauptgrund für die Krise in der Tonträgerindustrie ist. Durch lokal Betroffene wie der Soulseduction bekommen die ohnehin bekannten Statistiken und Zahlen dann aber plötzlich ein Gesicht.
 
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