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  Österreich | 31.3.2008 | 15:45   

 
 
Weißrussland: Sendeschluss für freie Radios
  von Josef Gaffl *

All partizan radio and TV companies were arrested by KGB today. Some journalists too :-( BEL_katia 10:14 27-MÄR-08

Das SMS hat mir Katia gesendet. Sie ist Radio-Partisanin und arbeitet in Minsk für das Freie Radio Belarus/Radio Liberty (RFB/RL). Der Sender ist in Katias Heimat nur via Satellit oder als Webstream zu empfangen, eingespeist wird das Programm in Warschau. Recherchiert, interviewt und geschnitten wird jedoch in Weißrussland, besser gesagt: bis Donnerstag, 27. März, war das so.

Seit Donnerstag ist Sendeschluss für freie Radiomacher in der letzten Diktatur Europas. Dafür sorgte der weißrussische KGB mit Hausdurchsuchungen im ganzen Land. Betroffen waren davon nicht nur Radiomacher von Radio RFB/RL und Radio Racja, sondern auch Mitarbeiter von "Belsat", einem Fernsehsender, der via Satellit in Weißrussland zu empfangen ist. Mehr als 30 Personen in zwölf Städten wurden verhaftet, ihr Equipment wurde beschlagnahmt.
 
 
 
 
 
Piraten ohne Schiff
  Im März 2007 bin ich zum ersten Mal Gast bei Radio RFB in Minsk. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich das Studio in einer Wohnanlage am nördlichen Rand der Stadt. Die Bezeichnung Studio ist jedoch eine Übertreibung, das Radio hat sich in einer einfachen Wohnung eingenistet. Aus Zimmer, Küche, Kabinett wurden Büro, Besprechungszimmer und Aufnahmestudio - alles auf engstem Raum. Das Studio für die Tonaufnahmen ist zugleich das Büro des Tonmeisters, das Büro gleicht einer Raumkapsel mit PCs für fünf Radio-Kosmonauten.

Im Jänner dieses Jahres besuche ich das neue RFB-Studio in Minsk. Es befindet sich im Zentrum der Stadt, der Häuserblock ist einfach zu finden, ebenso das Eingangstor. Dort ist jedoch Endstation, denn Läutanlagen mit Namensschildern gibt es in Weißrussland nicht. Hier befindet sich neben dem Eingangstor zumeist ein Tastenblock aus Metall, zum Klingeln benötigt man einen vierstelligen Code. Katia könnte mir helfen, doch sie meldet sich nicht am Telefon. Ich tippe eine SMS und übe mich in Geduld, die absolut wichtigste Tugend in diesem Land. Mir bleibt Zeit, einen weiteren Innenhof zu erkunden. Morbider Charme, wohin man blickt. Fußwege laufen kreuz und quer durch das Gelände, die gepflasterten Gehwege werden wegen der Rutschgefahr im Winter gemieden. Ich frage mich, warum Wohnanlagen in diesem Land niemals von der Frontseite zu betreten sind.
 
 
 
 
 
Press 1234
  Ein SMS von Katia: "press 1234 baby!" Die Eisentür öffnet sich, direkt dahinter befindet sich das "neue Studio" von RFB. An der Größe der Räume hat sich im Vergleich zum alten Standort wenig geändert, immerhin, der Tonmeister hat jetzt einen eigenen Schreibtisch im Büro. Sein konzentrierter Blick löst sich in ein breites Lächeln auf, als er mich wieder erkennt, dann versinkt sein kahler Kopf, über den sich ein dicker Kopfhörerbügel spannt, wieder hinter dem Bildschirm. Katia stellt mich der Kollegin vor, die ich interviewen möchte, da fällt der Strom aus. Notstrom-Aggregate piepsen, ich schalte meine Kamera auf Nightshot, versuche, einige Fotos zu schießen, doch Katia zerrt mich am Ärmel durch die Dunkelheit hinaus ins Freie. "Let's go! People are waiting on us and I need your voice recorder, if you don't mind."

Katia hasst es, mit der Tramway durch die Stadt zu tuckern, noch dazu während der Rush Hour, wenn die öffentlichen Verkehrsmittel heillos überfüllt sind. Minsk ist anders, wir fahren durch Seitengassen, die so breit sind wie der Gürtel. Katia dirigiert mich mit Handbewegungen, während sie ununterbrochen telefoniert. Sie muss an einer wichtigen Sache dran sein, also spiele ich mit, obwohl der ursprüngliche Plan ein völlig anderer war. "What's our destination?" "You gonna see, Baby", und dann kommt wieder dieses Lächeln, das mich immer etwas kostet. Dieses Mal komme ich mit einer Zigarette, also billig, davon. "At the corner left, then let's find a parking place."
 
 
 
 
 
Jeans Generation
  Wir treffen im ersten Stock eines kleinen Lokals im Zentrum auf Mikalay Khalezin und seine Frau Natalya. Die beiden leiten das Freie Theater in Minsk und es steht eine Premiere bevor. Die ganze Stadt spricht davon - doch wo die Premiere tatsächlich stattfinden wird, ist ein großes Geheimnis. Das Freie Theater hat kein fixes Haus, es würde auch keines genehmigt bekommen. Die beiden zählen zu den schärfsten Gegnern des Regimes. Mikalay hat deswegen bereits mehrfach Bekanntschaft mit der Justiz und Haftanstalten gemacht. Seine Erlebnisse hat er im Theaterstück "Jeans Generation" verarbeitet, das auch als Buch erschienen ist. Natalya ist dem weißrussischen Gesetz nach nicht hafttauglich, weil ihre Kinder noch zu jung sind. Verhaftet werden die beiden dennoch regelmäßig, zuletzt bei der Premiere eines ihrer Stücke.

Bei dieser Polizeirazzia wurden nicht nur sie und die Theater-Crew verhaftet, sondern auch das Publikum - an die 60 Personen. Natalya erinnert sich: "Mikalay begrüßte das Publikum und unsere Gäste aus England. Danach setzte er sich. Das Licht ging aus. In diesem Moment stürmten Polizisten in den Raum. Eine meiner Töchter fragte mich, ob das Theaterstück jetzt begonnen habe und ich antwortete 'ja, das ist auch eine Form von Theater, aber es ist nicht das Stück, auf das wir gewartet haben'. Mir war in diesem Moment nicht bewusst, dass unser Publikum die Nacht in einem Gefängnis verbringen wird. Als ich mit den Kindern nach Hause kam, wartete dort die Polizei auf uns."
 
 
 
 
 
Kontakt mit der "Militia"
  Katia ist nach dem Interview ein wenig verärgert. Wo die Premiere des neuen Stückes stattfinden wird, konnte sie Mikalay und Natalya nicht entlocken. Immerhin konnte sie erfahren, dass eigens für die Premiere ein Haus gemietet und umgebaut wurde. Es sei einfach mit dem Taxi zu erreichen, hatte uns Natalya versichert, die Adresse wird per SMS kommen, ebenso der genaue Zeitpunkt. Die Premiere wird als Hochzeit getarnt sein, es wäre daher nett, wenn wir entsprechend gekleidet ankommen, damit Nachbarn keinen Verdacht schöpfen. Und ja natürlich: Hochzeitsgeschenke sind herzlich willkommen!

Katia ist nach dem Interview verärgert, weil sie nicht auf alle ihre Fragen eine Antwort bekommen hat. Doch wer würde schon eine Premiere des Freien Theaters in Minsk besuchen wollen, wenn dort schon die Polizei wartet? Jeder Kontakt mit der "Militia" birgt das Risiko, in die Mühlen der Justiz zu geraten. Für viele bedeutet das: auf schwarzen Listen zu landen, den Job zu verlieren oder von der Uni zu fliegen. Wer sich bei einer Kontrolle ungeschickt verhält, hat schnell ein Verfahren wegen "Hooliganismus" am Hals oder kassiert eine Strafe wegen "Fluchens in der Öffentlichkeit". Polizei und Gerichte arbeiten Hand in Hand, das Regime stützt sich dabei auf unzählige Schreibtischtäter, die sich mit Überwachung und Strafverfolgung selbst mit Arbeit versorgen.
 
 
 
 
 
Eine eigene Form von Journalismus
  Wir fahren zurück, vorbei an Haltestellen, wo noch immer Menschentrauben warten. Die Geschäfte im Zentrum schließen zumeist um 21 Uhr. Mit dem Auto geht es auf den vierspurigen Boulevards hingegen rasch voran. Paval und Yan warten auf uns, als wir bei Radio RFB ankommen. Das Studio gehört uns jetzt alleine. Ich baue mein Equipment in der Küche, pardon, im meeting room auf, dann sitzen wir im Kreis und sprechen darüber, warum sie bei diesem Radio sind und was sie motiviert, im Untergrund zu arbeiten.

Yan erzählt, dass er schon zuvor für einen staatlichen Sender tätig war. Irgendwann hatte er die Selbstzensur satt, die er sich jahrelang auferlegt hatte, um seinen Job nicht zu verlieren. Bei RFB hat er eine neue Form von Journalismus kennengelernt. "Ohne Check und Gegencheck geht hier keine Meldung raus, das bedeutet, dass wir oft mit Leuten reden müssen, die nicht erfahren dürfen, für welchen Sender wir in Wirklichkeit arbeiten. Offiziell existieren wir ja nicht, also erhalten wir auch keine Akkreditierungen. Wir müssen also immer wieder neue Wege finden, um direkt an Informationsquellen heran zu kommen. Das ist spannend, kann aber auch sehr mühsam sein." Yans Augen leuchten hell, wenn er erzählt. Offensichtlich liebt er seinen Job und auch das Risiko, mit dem er verbunden ist. Katia hatte mir zuvor erzählt, dass Yan einen Tag lang eine Polizei-Crew mit dem Mikrofon begleitet hatte und dass ihm sein Report viel Respekt im Radio-Team eingebracht hat. Wie ihm das gelungen ist, will er uns nicht verraten. "Seither habe ich kurze Haare, meinen Bart habe ich auch rasiert, die Jungs von der Polizei würden mich nicht wieder erkennen", lacht Yan.
 
 
 
 
 
Bands auf einer schwarzen Liste
  Seinem Kollegen Paval geht es weniger um Recherchen, sondern um Musik. "Die besten Bands unseres Landes stehen bei den staatlichen Radios auf einer schwarzen Liste. Sie werden von den Redaktionen dieser Sender systematisch tot geschwiegen. Sobald sich Musiker für die Demokratisierung unseres Landes engagieren, gibt es ein Sendeverbot, für viele bedeutet das auch Auftrittsverbot. Gegen diese Form von Zensur und Diskriminierung kämpfe ich, indem ich über solche Bands berichte", erzählt Paval. Ob das denn auf einem Sender Sinn mache, der mit einem Radioempfänger nicht gehört werden kann, frage ich. "Natürlich macht das Sinn", meint Pavel, "viele hören meine Reportagen als Download, ich erhalte genügend Feedback. Darüber hinaus lerne ich hier alles, was ich als professioneller Radiomacher brauche. Unser Regime wird sich nicht für immer und ewig an der Macht halten können. Sobald wir eine Sendelizenz in Weißrussland haben, sind wir das Radio Nummer Eins. Wir beherrschen das Handwerk und wir sind glaubwürdig, weil wir uns von niemandem kaufen lassen. Natürlich wünsche ich mir, in Minsk on Air zu gehen. Ich träume Tag und Nacht davon, es wird der schönste Tag meines Lebens sein."

Als ich Katia eine Frage stellen will, ist da wieder dieses Lächeln und ich weiß, für heute war's das. "Sushi is waiting on us", lacht sie fröhlich. Let's go!

PS. The office is absolutely clean : ((( no work for a month or more. people were let out in the evening but we don't know what'll be tomorrow. I am in train to Warshawa. Hugs! BEL_katia 20:44 27-MÄR-08
 
 
 
Josef Graffl
  * ist freier Kulturarbeiter, Deejay, Photograf und Radiomacher. In Weißrussland war er erstmals 2004 als Deejay unterwegs. 2006 produzierte er mit der weißrussischen Band "Indiga" eine EP mit Remixes, die Musiker des Backlab-Kollektivs bei steuerten. 2007 organisierte er in Linz, wo Josef Gaffl zur Zeit lebt, die Ausstellung "Medienfreiheit - Freie Medien". Zu deren Eröffnung wurden erstmals Musiker aus Weißrussland nach Österreich eingeladen. Im Vorjahr erhielt er das Hans-Nerth-Radio-Stipendium für seine journalistische Tätigkeit, im Jänner 2008 interviewte er für eine Reportage unabhängige Journalisten und Radiomacher in Minsk.
 
 
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