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  Österreich | 3.7.2008 | 12:39   

 
 
unSICHTBAR - Widerständiges im Salzkammergut
  von Claus Pirschner

1933 hat der damalige österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß das Parlament ausgeschaltet und die Zeit des austrofaschistischen Ständestaates eingeleitet . Ab 1938, nach dem Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland, herrschten die Nationalsozialisten im Land. Wer hat sich gegen diese Regime gewehrt?
 
 
 
Die Deutschvilla als Ausstellungsort - einst Sommerhaus einer jüdischen Familie, dann arisiert und Ausbildungsstätte für den Bund deutscher Mädchen, dann Casino in der Besatzungszeit, dann wieder zurückgegeben und nun im Besitz der Gemeinde Strobl (Foto: Archiv Reinhard Deutsch)
 
 
Begriffserweiterung
  Wer an Widerstand denkt, dem fallen wahrscheinlich bewaffnete Untergrundkämpfer ein. Subversion gegen das totalitäre System war aber weit mehr. "Viele Formen von Widerstand sind einer breiten Bevölkerung kaum bekannt, weil Widerstand lange mit dem bürgerlich-militärischen Widerstand gleichgesetzt wurde. Dabei gehen aber wichtige Aspekte des Widerstandes verloren. Nur ein breiter Widerstandsbegriff kann auch den Widerstand der 'kleinen Leute' berücksichtigen", konstatiert Klaus Kienesberger vom vierköpfigen Team von Wissenschaftlern und Künstlern, das die Ausstellung "unSICHTBAR - widerständiges im Salzkammergut" zusammengestellt hat.
 
 
 
Weiße aufgehängte Wäsche in Gärten war Zeichen für die sich versteckenden WiderständlerInnen, dass sie ins Haus kommen konnten. Rote Wäsche bedeutete Gefahr, etwa dass die Gestapo anwesend war. (Foto: Stefan Öhlinger)
 
 
Bilder über Widerstand
  Die Ausstellung beleuchtet historische Voraussetzungen zum Widerstand - insbesondere eine sich organisierende ArbeiterInnenschaft im 19. Jahrhundert, seine Formen zur Zeit des Austrofaschismus und Nationalsozialismus, AkteurInnen, die geschichtlichen und kulturellen Aufarbeitungen sowie Bezüge zur Gegenwart. Mit Schautafeln, Interviews mit Zeitzeugen auf Videos, Dokumenten, Zeitungsartikeln und Installationen versucht man den Mangel an Bildern über Widerstand entgegenzutreten. Der breite Widerstandsbegriff wird in der Ausstellung vielfältig illustriert: Sabotagen, KZ-Häftlingen Brot zustecken, ein Hitlerbild mit Tinte bespritzen, Menschen verstecken oder einfach nicht verraten.
 
 
 
Neben einem historischen Teil beschäftigen sich auch mehrere Künstler in Bildern und Installationen aus aktueller Sicht mit dem Thema Widerstand. Ein Fotoarbeit in der Ausstellung: Tom Cruise - filmischer Darsteller des Hitlerattentäters Stauffenberg und gleichzeitig Mitglied der vom deutschen Verfassungsschutz überwachten Scientology. (Peter Wächtler, © P.Wächtler)
 
 
Regionaler Widerstand
  Ausgangspunkt für die Ausstellung ist die Widerstandsgruppe Willy-Fred um den Kommunist Josef Plieseis, die im Salzkammergut ab 1943 aktiv war. Frauen, lange von der Widerstandsgeschichte ausgeblendet, spielten eine zentrale organisatorische Rolle bei der Widerstandsgruppe. Die Aussteller haben weniger den Anspruch "eine möglichst kohärente Geschichte des Widerstandes zu präsentieren", sondern Schlaglichter auf bislang Unsichtbares zu werfen.
 
 
 
Offener Schusswechsel in Strobl und St.Wolfgang
Tatsächlich unbemerkt oder inszeniert? Die Installation "Perforation" von Leopold Kessler (Bild: © L.Kessler)
 
 
Erinnerungskultur in der Zweiten Republik
  Gerade weil Widerstand unsichtbar sein musste, aber nicht nur deshalb, fehlen im kollektiven Gedächtnis Bilder über die Breite der Widerstandsformen gegen Austrofaschismus sowie die NS-Diktatur. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg gedachte man der Widerständler, nicht zuletzt weil sie dem Opfermythos zweckdienlich waren. Als aber ab 1949 die Parteien bei Wahlen auch die Stimmen von Nationalsozialisten für sich gewinnen wollten, geriet die Erinnerung über Widerstand für Jahrzehnte ins Abseits. Erst mit Oral History in den 70er Jahren setzte eine neue Aufarbeitung ein.

Breiter Konsens zwischen dem christlich-sozialen und dem sozialdemokratischen Lager gibt es bezüglich der Zeit des Ständestaates bis heute nicht. Die einen sehen Engelbert Dollfuß tendenziell als Opfer der Nationalsozialisten und Widerstandskämpfer, die anderen betrachten ihn als Arbeitermörder.
 
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  unSICHTBAR - widerständiges im salzkammergut ist noch bis 2. November täglich in der Deutschvilla in Strobl zu sehen.

www.strobl2008.at
   
 
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