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  Österreich | 5.8.2008 | 11:32   

 
 
Punk statt Playstation
  19 Tore schoss der Fußballer Andreas Bammer vergangene Saison in der Ersten Liga. Seinen letzten Treffer nutzte er, um gegen die Umsiedelung und Umbenennung seines damaligen Klubs Schwanenstadt zum FC Magna zu protestieren. Im Gespräch mit dem ballesterer fm erzählt der Ried-Heimkehrer über die Hintergründe der Aktion, sein Fantum und seine Punk-Vergangenheit.

Interview: Robert Hummer & Martin Nagl
 
 
 
  Sie haben in der vorletzten Runde der vergangenen Saison gegen die Red Bull Juniors nach Ihrem Tor ein T-Shirt mit dem Slogan "Fußball mit Herz statt Kommerz" entblößt. Wie ist es dazu gekommen?

Andreas Bammer: Der Spruch war nicht direkt auf Magna bezogen. Ich gebe Magna nicht die Schuld für das, was passiert. Aber ich finde es eine Sauerei, dass sportliche Hürden finanziell übersprungen werden dürfen. Es kann nicht sein, dass man einen Aufstieg schafft, weil man eine Lizenz kauft und damit in einer höheren Liga spielen darf. Man kann sich Spieler einkaufen, wie es Salzburg macht: Das ist ihr gutes Recht. Aber mit dem Verkaufen von Lizenzen entstehen komplett neue Vereine. Das nennt sich dann "moderner Fußball", der hat für mich aber nichts mehr mit dem Eigentlichen zu tun.
 
 
 
  Wie ist die Umsiedelung nach Wiener Neustadt in Spielerkreisen aufgenommen worden?

Manche waren der Meinung, das ist ein Arbeitgeber wie jeder andere auch. Aber mir war diese Idee grundsätzlich unsympathisch. Ich habe mich bei der ganzen Sache unwohl gefühlt. Angefangen hat diese Entwicklung ja schon in Salzburg, wo man einem Verein die Farben und damit die Wurzeln nahm. Schade, aber im österreichischen Fußball gibt es das. Ich habe ein halbes Jahr in Salzburg gewohnt und mitbekommen, wie sehr so etwas die Leute trifft. Man hat ihnen ihre Leidenschaft genommen, etwas, das in ihrem Leben gleich nach der Familie kommt.

 
 
 
  Wie hat der Verein auf Ihre T-Shirt-Aktion reagiert?

Der Vereinsseite hat das gar nicht gefallen. Die wollten mir gleich den Vertrag kündigen, eine hohe Geldstrafe geben und so weiter. Und das, obwohl ich meinen Vertrag bei Schwanenstadt und nicht bei Magna unterschrieben hatte. Aber Trainer Schmid hat sich sehr für mich eingesetzt - ich habe die Saison fertig spielen dürfen. Zuvor hatte ich mir überlegt, was mir schlimmstenfalls passieren könnte: Würde ich gleich ausgewechselt werden? Dann habe ich gedacht: Wenn sie mich jetzt hinauswerfen, kriege ich höchstens noch mehr Berichterstattung.
 
 
 
  Wenig später wurde Ihre Rückkehr zu Ried bekannt, wo Sie schon zum Auftakt gegen Altach als "Junge der Kurve" besungen wurden. Warum?

Ich wohne in Ried seit ich 16 bin. Hier stehen meine Freunde in der Kurve. Ich bin selbst dort gestanden und auch auswärts mitgefahren - sogar während meiner Zeit bei Schwanenstadt: am Freitag spielen, am Samstagvormittag noch Training - und danach zum Ried-Spiel. Schließlich war und bin ich Mitglied bei den Supras. Ich bin einer von ihnen. Dass ihnen das taugt, habe ich schon gemerkt, als meine Verpflichtung immer konkreter geworden ist. Es ist einfach ein Unterschied zu jemandem, der von irgendwo herkommt und dann für den Verein am Platz steht.
 
 
 
  Haben sich nach Ihrem Erfolgslauf in der Ersten Liga auch andere Klubs neben Ried für Sie interessiert?

Es gab einige Interessenten. Der Vertrag mit Innsbruck war praktisch unterschriftsreif, bezog sich aber nur auf die Bundesliga. Ich hatte auch Kontakt zu Austria Wien, Austria Kärnten und Altach. Zudem gab es Anfragen aus Schottland, aber da war mir das Risiko zu hoch. Das Überdrüber-Talent bin ich nicht. Wo ich mich durchsetzen will, muss auch das Umfeld passen. Ried sehe ich deshalb als die beste Möglichkeit, mich sportlich zu entwickeln. Wenn es gut läuft, kann ich vielleicht in vier, fünf Jahren Torschützenkönig in der Liga sein. Danach könnte ich mir einen Wechsel nach Griechenland oder Portugal vorstellen. Möglicherweise bleibe ich aber auch zehn Jahre bei der SV Ried ? damit hätte ich kein Problem.

 
 
 
  Was macht Ried für Sie so besonders?

Ich bin als 16-jähriger Schüler dorthin ins Internat gekommen. Da war überall Fußball - anders als in Bad Ischl, meinem Heimatort. Jeder hat darüber geredet, das war mir völlig neu. Ganz egal, ob alt oder jung, jeder ging dort ins Stadion. Das hat mich fasziniert, und ich habe begonnen, mich damit zu identifizieren. Wenn man so will, haben die Wikinger im Stadion gewissermaßen die Gallier aus den Asterix-Comics abgelöst, die Helden meiner Kindheit. Wenn ich am Freitag heim nach Bad Ischl gekommen bin, wollte ich am Samstag schon wieder unbedingt in Ried sein, um mir das Spiel anzuschauen. Da habe ich begonnen, per Autostopp nach Ried zu fahren. Einmal bin ich zu Fuß nach Ebensee gegangen, dort eineinhalb Stunden im Regen gestanden und habe dann gemerkt, dass ich an diesem Tag wohl nicht mehr nach Ried kommen würde. Wo ich schlafen sollte, wusste ich auch nicht. Und die Leute kannte ich eigentlich nicht wirklich. Dann habe ich wieder umgedreht. Aber ab da bin ich regelmäßig ins Stadion gegangen und mit 19 erstmals auswärts mitgefahren.
 
 
 
  Wie wirken sich diese Erfahrungen auf Ihre heutige Sichtweise aus?

Dazu muss ich erwähnen, dass ich eigentlich nie den Wunsch hatte, Fußballprofi zu werden. Ich habe immer gespielt, weil es mir Spaß machte. Dass ich Profi werden könnte, hat sich erst mit 16, 17 Jahren ergeben. Dagegen habe ich als Fan erlebt, wie vielen Leuten man als Spieler eine Freude machen kann. Die meisten anderen Profis empfinden es ja als normal, dass Leute wegen ihnen ins Stadion kommen, sich ihre Dressen und den Klubschal kaufen. Denen ist oft nicht bewusst, was Fans alles investieren - nicht nur in finanzieller Hinsicht. Wenn ich am Platz stehe, dann möchte ich diese Art Leidenschaft auf jeden Fall wiedergeben.
 
 
 
  Worin unterscheidet sich Andi Bammer noch von anderen Spielern?

Während andere vor der PlayStation gesessen sind, habe ich in meiner Jugend viele Menschen kennengelernt, die weniger haben und auf andere Dinge Wert legen. Ich bin mir sicher, dass beruflicher Erfolg stark mit der persönlichen Entwicklung zusammenhängt. Beispielsweise habe ich vor meinem Durchbruch bei Schwanenstadt ernsthaft überlegt, mit dem Fußball zu pausieren und ein Jahr um die Welt zu reisen. Auf der anderen Seite sehe ich mich nicht als Außenseiter, ich kann mich da schon anpassen. So bin ich etwa im Rieder Aufstiegsjahr, als ich nicht mehr im Kader war, mit der Rieder Mannschaft auf den Ballermann geflogen. Und in Schwanenstadt war ich sogar der DJ in der Kabine.
 
 
 
  Ja? Welche Lieder sind denn da gelaufen?

Die Mannschaft war in zwei Kabinen aufgeteilt. Ich war der DJ in der Kabine der Jüngeren. Der Ratajczyk ist dann hin und wieder herübergekommen und hat abgedreht. Dann bin ich wieder hingegangen und habe aufgedreht. Großteils waren das Lieder, die für die meisten verträglich sind, beispielsweise Nirvana oder Pearl Jam.
 
 
 
  Und was hören Sie privat?

Ich habe mich schon als 16-, 17-Jähriger mehr für Punk-Gruppen als für Fußballer interessiert. Damals bin ich hin und wieder nach Linz in die Stadtwerkstatt oder in die Kapu zu Konzerten gefahren. Mehr oder weniger zufällig bin ich da auf meinen Lieblingsverein außerhalb Österreichs gestoßen. Dort waren überall St. Pauli-Aufkleber zu sehen. Ab da habe ich immer geschaut, wie es dem Verein geht. Vergangenen Winter hat mein Berater für mich sogar angefragt, ob ich nach Hamburg wechseln könnte. Erst Monate später kam der Rückruf - da hatte ich allerdings schon bei Ried unterschrieben. Ich kann nicht sagen, ob St. Pauli gescheiter gewesen wäre. Aber es ist mit Sicherheit ein Lebenstraum.
 
 
 
  Das Interview ist unter dem Titel "Rieder Rebell" in der aktuellen Ausgabe des Fußballmagazins ballesterer fm erschienen, die sich diesmal den Schwerpunkt "Taktik - Wie der Fußball zum System fand" gesetzt hat.

 
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