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  Österreich | 18.12.2008 | 19:10   

 
 
Art School Pop aus heimischen Gefilden
  Von Alexandra Augustin
 
 
 
Kult & Mythos...
  Die Kunstschule als Brutstätte für avantgardistisches, musikalisches Schaffen, die Hochburg der musikalischen, vorausdenkenden Créme de la Créme. Das Pendant zum singenden, seicht an der Oberfläche dahinschwimmenden Pop-TV-Starmania-Treibgut und die einzige Chance, den Einheitsbrei immer wieder in die Schranken zu verweisen. Zumindest könnte man diesen Eindruck bekommen, wenn man die Popmusik-Produktion von Kunstschulen der letzten Jahrzehnte betrachtet.

Ob nun Mythos oder nicht: Ohne die diversen Brians, Bryans und Byrnes, Franz Ferdinands und PJ Harveys wäre uns wahrlich ganz schön fad. Diese 'Nebenprodukte', die zwischen Staffelei, Performancevideos und anderem Kunstgut entstanden sind, haben einen prägenden Einfluss hinterlassen, auch hierzulande.
 
 
 
Sonne statt Reagen
  Denkt man an Musik, die dem deutschsprachigen, vor allem österreichischen Kunsthochschulraum entsprungen ist, fallen einem natürlich nicht sofort Kunsthochschulstars á la Talking Heads oder Roxy Music ein. Gegeben hat es natürlich trotzdem eine Menge musizierender Kunsthochschüler.

Projekte, wie das 'Hotel Morphila Orchester' zum Beispiel, das mitunter vom Künstler, Kurator & Theoretiker Peter Weibel mitbegründet wurde. Unter Tag Professor an der Angewandten, des Nächtens wurde im Wiener U4 'Sex in der Stadt' zelebriert. Dann gab es da noch Musiker und DJs wie Gerwald Rockenschaub und Gunther Damisch, die sich in ihrer eigenen Studienzeit an den Wiener Kunsthochschulen in Formationen wie 'Molto Brutto' zusammengetan haben, um die pompösen Gemäuer zum Wackeln zu bringen. Auch das offene Künstlerinnenkollektiv 'Pas Paravant' war damals Thema.

Größtenteils eben alle nun renommierte Künstler oder selbst Professoren. Und die nächste Generation KunststudentInnen ist eingezogen.

 Peter Weibel
 
 
Freiräume & neue Felder ausloten
  Manchmal ist man gar überrascht, wer heute eigentlich 'auch' bildende Kunst studiert: Zum Beispiel Paperbird, A Thousand Fuegos, Soap & Skin, Rabe, Gustav, Cherry Sunkist - das sind nur einige, die den kunstakademischen Freiraum nutzen, um sich auch musikalisch auszutoben und zu experimentieren. Denn wie es Anna Kohlweis alias Paperbird so schön auf den Punkt bringt:

'Es ist ein total entspanntes Gefühl, wenn man weiß, dass das, was man macht, auch im Studium anerkannt wird. Ich habe früher auf der Universität Wien studiert und musste mich immer zerreissen zwischen Uni oder Kunst & Musik machen. Das ist nun anders.'

Musik als Bestandteil des eigenen Schaffens, als verlängerter Arm der bildenden Kunst. Gunther Damisch, der mittlerweile die Klasse für Grafik und druckgrafische Techniken an der Akademie der bildenden Künste Wien leitet, begrüßt es, dass sich in seiner Klasse verstärkt musizierende KünstlerInnen finden:

'Die Formen, unter denen die Kunststudenten arbeiten, ist von mir nicht vorgeben. Hier sollen sich Künstler und Künstlerinnen entwickeln, die ein größeres Feld ausloten. Dieser gewisse Freiraum, dass man etwas wagen darf und eine schräge Sache probieren darf, ohne gleich wissen zu müssen, was der Sinn und Zweck des Ganzen ist, den gebe ich ihnen. Die Kunsthochschule ist ein guter Nährboden, auch für das musikalische Schaffen. Wenn wir Künstler sein und werden wollen, dann geht das nur, wenn man noch etwas dazugewinnt zu den gegebenen Dingen und Formen. Das ist es was die Sache am Laufen hält.'

Experimente wagen und sich ausprobieren. Das machen beispielsweise diese hier:
 
 
 
Makki und Frau Herz
  Kennengelernt haben sich die schon von Binder & Krieglstein und Lada Tiga bekannte Sängerin Makki und Kathrin Füßl alias Frau Herz zwischen Mensa und Malereiatelier. Schnell wurden Symphatien für das musikalische Schaffen der anderen gehegt. Frau Herz, die Multiinstrumentalistin und ausgebildete Sängerin, Makki die sich für Soundproduktion interessiert. Seit etwas mehr als einem Jahr gibt es beide nun im Doppelpack.

Ihr Métier: Das Seemannslied. In die sonst von Matrosen und Seemännern gesungen Lieder lassen sie bei ihren Auftritten performative Aspekte und die Auseinandersetzung mit gängigen Rollenmustern und Genderthematiken einfließen. Dazu gibt es aufwändige Kostümierungen und Bühnenbauten. Für Kathrin Füßl sind Musik und bildende Kunst stark verwoben, denn auch sonst beschäftigt sie sich in Comics und Bildern stark mit der Figur des Seemanns und dem Meer als Metapher für einen unendlichen, undefinierten Raum in dem sich Mustern und Strukturen verlieren.

 
 
Makki und Frau Herz
 
 
Musik aus der Batterie
  Durch Zufall entdeckte der Kunststudent Daniel Hafner, der auf der Akadmie der bildenden Künste in der Klasse für 'Kunst im öffentlichen Raum' bei Mona Hahn studiert, dass die Soundchips seines Kinderkeyboards, wenn sie mit einer falschen Stromquelle versorgt werden, ein bisher unentdecktes Klangspektrum aufweisen. Aus dem entdeckten Zufallseffekt wurde die Grundlage für seine Soundkunst.

Aus sprechenden Stofftieren und anderen Kinderinstrumenten baut er die billigen Soundchips aus und versorgt sie anstatt mit gängigen Batterien mit falschen Stromspannungen. Das Ergebnis sind zufällig entstandene Töne, Takte und Melodien, die so nie zu hören wären und somit eigenwillige Kompositionen bilden. Frühstücken oder tanzen kann man dazu wahrscheinlich schwer. Muss ja nicht immer sein. Daniel Hafner sieht sich selbst nicht als Musiker, sondern eher als Mittelsmann um das volle, verkannte Potential der Soundchips auszuloten.
 
 
 
Musik aus der Batterie
 
 
Nach der Doktor Vornoff Strategie
  Um eine Band handelt es sich bei Nach der Doktor Vornoff Strategie nicht. Es geht um eine Strategie. Das Motto: 'From the brain of a mad scientist'. Inspiriert von der wahnsinnig-genialen Figur des Doktor Vornoff aus Edward Davies Wood jr.'s Film 'The Bride of the Monster' nehmen es auch die Musiker mit dem Wahnsinn auf. Sie stellen selbstgebaute, zeitmaschinenartige Gebilde auf die Bühne, spielen fernab von Bühnen in Luftschächten der Akademieräume und verstören sogar gerne einmal eingefleischte Metaller durch ihre irritierenden Shows. Sie selbst sehen ihre Musik 'ähnlich einem seltsamen Gemälde, bei dem man davor steht und sich fragt, was das eigentlich sein soll'.

 Nach der Doktor Vornoff Strategie. Foto: David Murobi
 
 
Crazy Bitch in a Cave
  Zwischen Elektropop und extrovertierter Performance bewegen sich die Shows von Crazy Bitch in a Cave. Cross Dressing, theatralischer Gesang, mit R'n'B Elementen gesprickte Songs. Aufgetreten wird in selbstgemachten
Kostümen oder in solchen des befreundeten Labels von House of the Very Islands. Vorhangstoffe, die zu zwischen Nonnenkutten und Klux Klux Klan anmutenden Gewändern trapiert werden, darunter Glitzer- und Glühbirnenketten.

Um die reine Performance geht es hier nicht, hier geht es darum, Pop mit anderen, wenn auch weniger Mitteln zu produzieren - im D.I.Y. Format. CBC IS HOT!
 
 
 
Crazy Bitch in a Cave. Foto: Bettina Kattinger
 
 
  Mehr zu Art School Pop und den erwähnten Bands gibt es heute, 18. Dezember, in der Homebase (19-22) Uhr. Robert Rotifer, Alexandra Augustin und Michael Schmid werfen einen Blick auf die Geschichte diverser School Pop-Musiker mit Schwerpunkt auf die Brutstätte Großbritannien, aber auch auf den musikalischen Output heimischer Kunsthochschul-Gefilde.
 
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  myspace.com/makkiundfrauherz

myspace.com/crazybitchinacave

myspace.com/nachderdoktorvornoffstrategie

myspace.com/musikausderbatterie
   
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  Art School Pop aus Großbritannien
Warum es ohne britische KunstschülerInnen heute schlicht keine Pop- und Rock-Kultur gäbe.

"Den sexy Intelletuellen suchen"
Diedrich Diederichsen über Artschool-Pop und den Künstlertypus, den man an der Kunstschule zu finden glaubt.
   
 
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