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  Österreich | 28.12.2008 | 23:00   

 
 
Die Sumpf-Jahrescharts
  Manche nennen ihn nonchalant die endgültige Umwertung aller Werte im Zeichen ewig gültiger Listen, andere beiläufig den größten Mehrwert seit der Erfindung des Kapitalismus.
Wir nennen ihn schlicht und einfach den bereits jetzt längst legendärsten Jahresrückblick des versumpften Jahres 2008, der uns nicht mehr, aber auch nicht weniger als die 15 börsennotierten Top-Alben des Jahres beschert.

 
 
 
  Apropos Bescherung: Dieses Jahre bescherte uns unter anderem den schönsten Dialog, seitdem die Sonne im Empire doch wieder untergeht. Und zwar in Form einer Frage von Ulf Poschardt und einer Antwort von Dietmar Dath:
In einer Streitschrift laden Sie dazu ein, Lenin wiederzuentdecken. Ist das als Provokation gedacht?
Ja, genauso wie der Vorschlag "Trink mal was!" bei schwerem Durst.

In diesem Sinn wünschen Edlinger & Ostermayer Prost & Prosit
 
 
 
15: FLYING LOTUS: LOS ANGELES
  Das knallbunte, supercheape Video zu Parisian Goldfish von Flying Lotus macht sich ein recht deftigen Koarl. Mann und Frau, oder sind's Mama und Papa, schwingen die Hüften und später, natürlich gepixelt, die Geschlechtsteile. Ist nicht jeder Tanz ein Paarungstanz?
Flying Lotus ist auch musikalisch an der Verunreinigung interessiert. Illbient nannte man ähnlich kranken Stoff auf Breakbeat-Basis eine Zeitlang. Der hinter dem Projekt stehende Kalifornier Stephen Ellison ist DJ, HipHop-Produzent und Elektronikfrickler, und die Lust an der Verstopfung der Dancefloor-Funktionalität mit komischen Geräuschen aus dem digitalen Fleischwolf ist diesem zweiten Album von Flying Lotus deutlich anzumerken. Obwohl die einzelnen Stücke auf Los Angeles recht kurz sind, segeln sie wie fette Ufos zwischen den Lautsprechern herum, haben mal House, mal Techno-Soul,mal Black Noise und mal Jazz im Getriebe. Flying Lotus bringt dem HipHop das Stolpern neu bei, während irgendwo in den Untiefen der Archive und Sampler noch die Versprechungen warmer, analoger Stehbässe und Vocals lauern: anschnallen und vorwärts in die alte Zeit, als die Bewusstseinserweiterung mittels Musik und anderer Drogen noch geholfen hat.


 
 
14: LYKKE LI: YOUTH NOVELS
  Drei Monate gehörte die junge Schwedin mit der charmanten Hauchstimme nur uns. Wir dachten schon, die bleibt auch für immer im Sumpf stecken, doch plötzlich ging der Welteroberungsplan von Lykke Li doch noch voll auf und seither müssen wir uns das Mädchen mit der ganzen Welt teilen. Was uns aber nur freut, denn Lykke Li ist ein würdige Nachfolgerin großer schwedischer Exportprodukte wie ABBA, Volvo und 1970er Jahre Super-8-Pornos. Nur halt frankophiler in dieser ewig jungen Jane Birkin-Tradition, der so schwer mit traditionellem Feminismus beizukommen ist, weil deren Protagonistinnen ja nur auf schwach spielen, in Wirklichkeit aber eh mit allen Wässerchen gewaschen sind, also strategisch und marketingtechnisch eher der Madonna-Schule zugerechnet werden müssen.

In Schweden ist Lykke Li 2008 für folgende Grammys nominiert: Female Artist Of The Year, Lyricist Of The Year, Best Live Act, Album Of The Year und Composer Of The Year. Wenn ihr unser 14. Platz da nur nicht gleich am Arsch vorbeigeht! Wir freuen uns trotzdem für die sympathische, aufstrebende Künstlerin. Wir, ihre ausländischen Entdecker.


 
 
13: THANK YOU: TERRIBLE TWO
  Progrock wird immer dann zum Problem, wenn es den Progrockern an ökonomischer Intelligenz mangelt und alle immer alles in die Schlacht werfen wollen. Wie spannend und im positiven Sinn Nerven aufpeitschend dieses Genre aber auch funktionieren kann, das zeigte heuer niemand eindringlicher als dieses aus zwei Männern und einer Frau bestehende Trio aus Baltimore. Thank You sind eine Intensitätsmaschine in der Tradition der großen This Heat oder auch Big Black, deren Bestandteile sich durch Reibung gegenseitig erhitzen bis zum kollektiven Siedepunkt, an dem Tribal Beats, Gepfeife, Saxophonröhrer und Gitarren-Tremoli nur noch als alarmistischer Wall of Sound wahrgenommen werden. Das ist so bedrohlich wie erhaben und nur durch den Verzicht auf egozentrische Meisterschaft zu erreichen.

Dieser scheinbare Freak-Out ist in Wahrheit ein ziemlich geniales Spontan-Komponieren dreier freier Geister. Eine Türe weiter wäre man schon beim Free Jazz. Das ist zurecht die derzeitige Lieblingsband unserer New Yorker Freunde von Black Dice, deren Ordnungssinn im Chaos zwar zu anderen Ergebnissen führt, die aber in der chaotischen Ordnung von Thank You zu Recht verwandte Strukturen erkennen. Wir erkennen das auch. Und wir erkennen das auch an. Sehr.


 
 
12: PONI HOAX: IMAGES OF SIGRID
  Wenn sie nicht gleich in jede popmusikalische Lackafferl-Falle tappen, dann kann man gegen französische Rocker nix sagen - schon gar nicht, wenn sie eh längst im Club angekommen sind und dort das LCD-Soundsystem geil finden. Wie Poni Hoax aus Barbes, dieser feuchte Traum jedes Nick Cave-Groupies mit Hang zu treibenden Beats. Kein Wunder, dass der auch existentialistisch gebildete DJ- Hell dieses in Anzügen und mit Schnauzbärten daherkommende Quintett heuer ganz vorn in seinem DJ-Koffer eingereiht hat.

Auch die fette Andockung an die 1980er Synthie-Ästhetik dürfte Hells Geschmack entsprechen. Schön aber auch, wie die damals typischen Oktavensprünge im Synth-Bass von neumodischen Gitarren-Delays überlagert werden, die dann plötzlich genauso alt klingen. Es ist ein Zeiten-Ping-Pong als Passionsspiel. Leiden am Dancefloor - auch das war 2008 recht en vogue. Und Poni Hoax waren da die besten Jesusdarsteller weit und breit. Ein Plus auch für den schön angekrauteten Albumtitel Images Of Sigrid. Wenn das der alte R.W. Fassbinder noch erlebt hätte.

 
 
11: BLAKTRONIKS: MECHANIZED SOUL
  Wer Tekkno mit K schreiben würde, darf auch beim Black das C weglassen. Der Name Blaktroniks ist Programm. Dem Duo aus Oakland geht es um die Verbindung von elektronischen Zaubertricks und Vocals, die sich "schwarzen" Erfahrungen und Ästhetiken verpflichtet fühlen. Hier kann man der afrofuturistischen Dialektik aus Aneignung und historischem Bewusstsein beim Funkenschlagen zuhören. So experimentell, vertrackt und spiralförmig die HipHop-artigen Sounds auch klingen, sie werden doch durch eine überirdische Macht geerdet, die Atheisten wie Theisten gleichermaßen achten und ehren, nämlich den Soul. Soul, verstanden weniger als musikalisches Genre, sondern als Einfühlung, als kollektiv vermittelbare Wahlverwandschaft mit Gospeltraditionen. Immerhin ist mit dem Soulsänger Edward Robinson ja auch jemand an Bord, der als Vater einen waschechten Priester angeben kann...
Naja, jedenfalls wird diese Einfühlung im produktionstechnischem Flavour gegenwärtiger Beatkulturen gekleidet. Und so pumpt die Echokammer vor sich hin und füllt die Räume zwischen den verschleppten, bassweichen Beats. Gemastert wurde das Teil übrigens vom deutschen Dub-Großwesir Moritz von Oswald. Das Resultat erinnert in seiner dynamischen und doch entspannten Beseeltheit ein wenig an die besten Tracks des großen französischen Doctor L. Und der legte ja selbst immer wieder Spuren in seine Stimme, die belegen, dass Detroit-Techno und Chicago-House als technologische Updates des urbanen Blues gehört werden können.


 
 
10: BON IVER: FOR EMMA, FOREVER AGO
  Ein Lied, um es frei nach Franz Kafka zu sagen, muss sein wie die Axt für das gefrorene Meer in uns. Ein zart besaiteter junger Mann namens Justin Vernon kann diese Verwandlung herstellen, zumal er sich selbst vorletzten Winter als Holzfäller betätigt hat. Damals verschlug es ihn in die Wälder von Wisconsin. Vernon war nach einer langen Krankheit und den damit verbundenen hohen Arztkosten pleite. Er wusste nicht mehr ein noch aus, und so bot ihm sein Vater an, für drei Monate seine einsame Blockhütte zu beziehen. Danach kehrte er wieder in die Zivilisation zurück. Er nannte sich nun, nach der französischen Formulierung Bon Hiver für Guten Winter, Bon Iver. Nun hatte er ein Album im Gepäck, das die Isolation und die naturlyrische Versenkung in Erinnerungen und emotionale Intensitäten zum Thema hatte.
Akustische und elektrische Gitarren ein wenig digitaler Schmuck, dezente Bläsersätze und subtil über übereinander geschichtete Stimmen: Das ist das anrührende Rezept des Bon Iver, mit dem man es vorzüglich aushalten kann am digitalen Lagerfeuer und dem beispielsweise österreichische Kollegen wie Folklabor sicher auch gern mal einen Besuch abstatten würden.
Was hat der Wald Ihnen beigebracht?, wurde der Part-Time-Waldschratt Bon Iver in einem Interview gefragt, und er antwortete ganz unromantisch: "Ich habe gelernt, egoistisch zu sein. Man muss auf sich achten, um gut zu anderen zu sein."


 
 
9: THE BUG: LONDON ZOO
  Musik aus dem Druckkochtopf: Der Hexer Kevin Martin nannte schon sein Album von 2003 Pressure, und dieses Jahr wurde in der immer ein bisschen versauten Fusionküche des Meisters wieder an garantiert verkohlten Schmankerl aus Industrial, Noise, Dub und "schwarzen" Beats gerührt. Martin, die britische Verkörperung der Peter Koglerischen Käferfaszination, macht Musik, die Mark Stewart heute machen würde, wenn er noch jünger wäre.
Auf London Zoo mischt The Bug mit Unterstützung des Toasters Ricky Ranking und den Killer-Vocals von Warrior Queen gefährliche Substanzen an, die aus den Partnerwohnorten Kingston in Jamaica und Brixton in London importiert werden: Ragga und Dubstep wabern schön geschärft im Topf, und bei besonders deepen Bässen besteht Entzündungsgefahr. Eine Minenfeld von einem Album: dicht, energetisch, düster, dreckig und zu mächtig für dich und deine Pimperlboxen am Laptop. Grimly side up.


 
 
8: PARTS & LABOR: RECEIVERS
  Bei uns Brian Eno- und Wire-Narren gibt es alljährlich einen Hidden-?Third-Uncle?-Grammy für die klangliche Verschmelzung unser beider Alltime-Lieblinge. Heuer schaffte dies am allerbesten das Brooklyner Quartett Parts & Labor mit seinem meist ungestüm nach vorn preschenden, sanft angenoisetem Pop/Art-Punk. Dass auf Receivers manchmal auch nur im Midtempo gefahren wird, tut unserem zwanghaften Impuls zum Mitgröhlenmüssen keinen Abbruch. Die Gesamtstimmung bleibt hymnisch bzw. hysterisch, auch wenn großes Ungemach und Bitterkeit verhandelt werden.
Parts & Labor sollten ihr nächstes Album unbedingt von Dan Deacon produzieren lassen, dann haben sie 2009 einen sicheren Platz am Sumpf-Stockerl. Aber besser als ein zerplatztes Trommelfell ist ein 8. Platz allemal.


 
 
7: FUCKED UP: THE CHEMISTRY OF COMMON LIFE
  Hardcore in Cinemascope? Punk in epischer Breite? Querflötenintros zum Fürchten? Darf denn das alles überhaupt sein? Yes ma'am - wenn man sich als Sänger-Brülltier mit geschätzten 130 Kilo Lebendgewicht stagedivend in die arme Menge wirft, dann geht alles. Die kanadischen Fucked Up schafften dieses Jahr gleich mehrere schwer zu packende Spagate souverän: den zwischen Proll-Attitude und Exzentrik etwa. Oder den zwischen Stadion-Sound und Proberaum-Geschepper. Und nicht zuletzt den zwischen Pose und Selbstentäußerung, genauer zwischem dreckig eitlem Glam und reiner uneitler Subjektbeharrung. Und das alles mit einer Riesenportion resoluter Beherztheit sowohl im Anklagen als auch im Abfeiern des Status Quo.
Fucked Ups vorangegangene Alben waren im Vergleich zu The Chemistry Of Life liebevoll versaute Super-8-Filmchen. Jetzt sind sie die Sergio Leones des Hardcore. Und das bei gleich bleibender Kompromisslosigkeit. Wenn das der alte G.G. Allin noch erlebt hätte!


 
 
6: WHY? ALOPECIA
  Alopecia, also Haarausfall, ist ein Problem, wenn man daraus eins macht (vgl. Die Ärzte: Le Frisur, Frankfurt am Main 1996). Das kalifornische Quintett um den Anticon-Gründer Yoni Wolf macht sich ja seit jeher per definitionem nichts aus Definitionen, weil: why?
Die in letzter Zeit leider auch manchmal etwas orientierungslos wirkenden Avant-HipHop-Stücke wirken diesmal wieder wie üblich locker aus dem Ärmel geschüttelt, überzeugen aber trotz aller fast schon gewohnter verspielter Schlieren und des instrumentalen und melodischen Reichtums auch durch eine für Why?-Verhältnisse fast schon straighte Entschlossenheit der Montage, die gar so etwas wie Pop-Appeal bereitstellt. Auch wenn uns dieser manchmal bis in die Nähe von psychedelisch dahinswingenden "weißen" Folkbrüdern und Schwestern wie MV&EE führt, um sich dann wieder von insistierenden Pianopassagen gestört zu werden oder sich zu euphorischen Chorälen aufzuschwingen. Alopecia zeigt uns wo der Folk die Hüften hat. Bzw. das auch HipHop-geerdete Musiker aus Oakland gern mal die schwule Freiluftliebe in Berlin besingen. Hier wächst - trotz Haarausfall - etwas nach.


 
 
5: THE VERY BEST: ESAU MWAMWAYA AND RADIOCLIT ARE THE VERY BEST
  Nationale Erscheinungsdaten von neuen Alben sind ziemlich obsolet geworden, seit jeder sich am Tag der Veröffentlichung diese sich auch gleich von den Bandhomepages downloaden kann. Legal - und sowohl Gier als auch Neugier sofort befriedigend. Die erste The Very Best-CD erscheint also offiziell erst im Jänner, aber im Netz ist das Teil schon käuflich erwerbbar. Was jetzt um Himmels Willen kein Aufruf sein soll, euren Local Dealer zu vernachlässigen. Ganz im Gegenteil! Wir suchen einfach nur nach einer Begründung, dieses unglaublich herzerwärmende Stück Musik noch 2008 abzufeiern.

Denn bald schon werden der Malawi-stämmige Sänger Esau Mwamwaya und seine beiden Produzentenfreunde, die man auch als Radioclit kennt, jede internationale Ehrung abstauben, die sich abstauben lässt. Ihr Stilmix, besser: ihr Beutezug durch die neueste globale Popmusik im Geiste afro-technoider Neucodierung ist aber auch zu massenkompatibel, als dass er exklusiv in den Auskenner-Clubs vergammeln könnte. Es wird umgekehrt kommen: die Incrowd wird The Very Best schnell fallen lassen, weil doch zu kommerziell. Hier schreit ja tatsächlich alles nach Umarmung der ganzen Welt, nach Harmonie und Friede-Freude-Eierkuchen. The Very Best werden nächstes Jahr auf Ö3 auf- und abgespielt werden, was allerdings einem humanistischen Quantensprung bei unserer großen Schwester gleichkommen wird, sodass alles Darben und Notleiden bald der Vergangenheit angehören wird. Ein ganzes Album als zeitgenössische Ode an die Freude. Die Menschheit ist gerettet.




 
 
  The Very Best werden vor der UNO aufspielen und alle Nationen in Rührung einen. Diktatoren werden weinend und um Vergebung bittend ihre Sessel räumen. Der Weltfriede, er steht also unmittelbar bevor. Und auch die Erde wird aufhören, sich blöd weiter zu erwärmen, weil der Mensch endlich ein Einsehen haben wird und nimmer alles verpestet, das darf man schon sagen. Diese Hoffnung spritzt nämlich aus den Liedern von The Very Best. Und so viel Musik gewordene Philanthropie muss belohnt werden.
 
 
 
4: TV ON THE RADIO: DEAR SCIENCE
  Alle warteten auf das dritte Album, und viele prophezeiten den Absturz. Und auf den ersten Blick schien Dear Science von TV on the Radio auch nicht unmittelbar einzuschlagen. Doch beim zweiten, dritten Hören wurde klar: Dieses Album führt die Qualitäten der Band hochelegant weiter und arbeitet an einer noch organischeren Verwebung der einzelnen Elemente. Denn die New Yorker schmelzen ihre Stilanleihen aus Rock, Pop, Doo Wop, Soul, David Bowie und sonstigen Chameleons und wasweißichnoch in ihren Stücken so selbst verständlich ein, dass man denkt, genauso ist Popmusik immer schon gewesen, genauso muss sie klingen, genauso wird sie in Zukunft sein müssen.
TV on the Radio ist die Band zum Phänomen Barack Obama. Nicht nur weil sie in ihrer Besetzung die Opposition Schwarz/Weiß nicht einmal ignoriert, sondern weil sie an ein aufgeklärtes (amerikanisches) Bewusstsein appelliert - und trotzdem begeistern kann. TV on the Radio machen aus vernünftigen musikalischen Entscheidungen spirituell anmutende Musik. Eingängig und vielschichtig, schwärzer als weiß und weißer als schwarz.


 
 
3: MARNIE STERN: THIS IS IT AND I AM IT AND YOU ARE IT AND SO IS THAT AND HE IS IT AND SHE IS IT AND THAT IS THAT
  Feiern wir gar die Rückkehr der Virtuosität, verkleidet als räudige Authentizität? Erhebt gar das Muckertum in Form einer Muckerin sein schreckliches Haupt? Mitnichten und gemach: Marnie Sterns rasende Songs brauchen das Handwerk der Instrumentenbeherrschung zur Erzeugung von Dynamik, Dichte und Spannung. Es hätte doch auch niemand je einem Weasel Walter vorzuwerfen gewagt, dass seine Flying Luttenbachers Gitarrenwixer wären. Und niemand käme auf die Idee, bei einem Alleskönner wie Jim O'Rourke Angeberei auf sechs Saiten zu vermuten.

Marnie Sterns Markenzeichen, das Finger-Tapping, mag zwar durch Van Halen bekannt geworden sein, die Technik allerdings ist älter und kommt vom Jazz, als dieser seine Gitarren elektrifizierte und Miles Davis diese Spielweise den weltbesten Gitarristen abverlangte. Da wären also ? wenn schon - die Wurzeln von Marnie Stern zu suchen und zu finden. Und dass sich diese New Yorker Künstlerin bei allem Können aufnahmetechnisch an der dreckigen Ästhetik aktueller Subkultur orientiert, macht dieses Album für Freunde des genießerischen Könnertums eh schnell ungenießbar. Wir allerdings können uns gar nicht satt hören an diesem Funkenflug in Permanenz und der feministischen Dringlichkeit ihres Verlautbarungsorgans.

 
 
2: BURAKA SOM SISTEMA: BLACK DIAMOND
  Das Angola/Portugal-Aushängeschild der diesjährigen Weltformel "Hybrider Dancefloor ohne hierarchisches Kulturgefälle". Was im Alternative Mainstream mit M.I.A. begann und sich via Santogold schnell auch im mainstreamigen Mainstream wiederfand, kehrt hier wieder zu seinen Wurzeln in den lokalen Communities zurück: also einmal um die ganze Welt und doch daheim - das könnte das Credibility-Versprechen von Acts wie dem Buraka Som Sistema aus Lissabon und Luanda sein.

Die so geile Bastardisierung von traditioneller Jahrmarkt-Folklore, brutalen Synthbässen und programmierten Knüppelbeats namens Kuduro ist das neue Geschwisterchen des Baile-Funk aus Rio de Janeiro. Genauso brachial, genauso geerdet, genauso tanzbar und hip. Black Diamond hat keinen einzigen Durchhänger, und wenn wir zwei berühmten Sitz- und Stehtänzern nicht mehr anders können als den ass zu moven, dann kann's nimmer lang dauern, bis auch the mind will follow. So steht es ja geschrieben. So soll es auch sein!

 
 
1: EL GUINCHO: ALEGRANZA!
  Ein junger DJ aus Barcelona cuttet und loopt Chöre aus Nordafrika und der Karibik und editiert sie zu Dancetracks als wäre das Ausgangsmaterial immer schon BpM-Music gewesen. Eigentlich eine ganz simple und obendrein nicht gerade neue Idee, aber im großen Feld der eklektizistischen Künste kam und kommt es halt immer drauf an, wer was wie neu montiert - und da besitzt El Guincho einfach ein unglaubliches Gespür für die Balance zwischen Euphorie und Nachlassen, Druck und Gegendruck. Wir nennen ihn ja auch gern den Panda Bear auf Urlaub in der Karibik.

Kurz: der Knabe ist ein Meister in der Dramaturgie von Stimmen und deren polyrhythmischer Orchestrierung. Und wer bei unserem neo-weltmusikalischen Gelage mit karibischen Steeldrums und nigerianischen Highlife-Gitarren auffährt, dem schenken wir nur zu gern ein Stamperl aus unserem kubanischen Rumtopf a la Castro. Weil fidel sind wir ohnehin selber. Olé!


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