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  Österreich | 7.1.2009 | 15:54   

 
 
Giulia Carcasi: Ich bin aus Holz
  von Martina Bauer

"Von außen sieht Holz bewegungslos aus, dabei ist es starken inneren Spannungen unterworfen, aus denen mit der Zeit Risse werden.
Ton springt, er macht aus seinen Scherben kein Geheimnis. Holz nicht. Es schweigt, solange es kann, und würde nicht einmal unter Folter gestehen. Ich bin aus Holz."

 
 
 
Gemacht
  Holz ist im Grunde ein warmes Material, kann Geborgenheit vermitteln, ist formbar. Doch hier steht es für Erstarrung, Gefühlsverweigerung und trennende Keile.

Der erste auf deutsch erschienene - insgesamt jedoch zweite - Roman der 1984 geborenen italienischen Autorin behandelt ein nur allzu gut bekanntes Thema: Mutter und Tochter und ihre Ohnmacht jeweils der anderen gegenüber. Carcasi schildert eine Beziehung bestimmt von Unverständnis, Lieb- und Hilflosigkeit und manchmal beinahe Hass.

Die Wurzeln dieses gescheiterten Verhältnisses liegen bereits in der Kindheit der Mutter Giulia. Aufgewachsen in einem Haus der Regeln und Steifheit, bekam sie als Jüngste stets nur die abgelegten Sachen der beiden, älteren Schwestern. Mit Ausnahme ihrer ungeliebten Gesundheitsschuhe, die einen zusätzlichen Makel für das junge Mädchen darstellten, war nie etwas wirklich das ihre - nicht einmal die erste und vielleicht größte Liebe.
Ihrer Tochter will sie das genaue Gegenteil jenes Heims bieten, ist jedoch, da sie ihre Beweggründe nicht offenbart, zum Scheitern verurteilt.
 
 
 
Gemeint
  Mia empfindet ihre Mutter als unnahbar, als leb- und freudlose Frau, die nicht weiß, was "lieben" bedeutet. Mia hingegen meint es zu wissen, und hält sich eben darum von der Liebe fern. Männer gibt es zuhauf in ihrem Leben, doch stets nur für eine Nacht.

Gefangen in ihren sprachlosen Versteinerungen, die sie immer weiter auseinander treiben, schlägt Mutter Giulia schließlich einen anderen Kommunikationsweg, einen überaus "unschönen": sie greift zum Tagebuch der Tochter.
Und während sie also Passage um Passage liest, schildert sie Mia in einem Brief, ihr Leben, ihre Lieben, ihre Leiden - in der Hoffnung die Tochter so wieder zu der Ihren machen zu können.

Tagebuchseiten wechseln sich mit Briefausschnitten ab - und so breiten sich die Leben von Mutter und Tochter parallel vor uns aus, mitunter scheinen sie sich im Lesen sogar zu vermischen. Es sind mehr als individuelle Biografien, eine Generationengeschichte.

 Bild: C. Bertelsmann
 
 
  Befragt über autobiografische Elemente des Romans, antwortet Giulia Carcasi im E-Mail-Interview:

"Irgendetwas vom Autor steckt immer in den Büchern; der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ich schreibe Geschichten, die irgendwie zu mir gehören, die mich berührt haben, die mich durch geschlossene Türen irgendwie erreicht haben. Ein paar Mal in meinem Leben hab auch ich mich aus Holz gefühlt, wie von einer Isolierschicht umgeben hab ich weder Schmerz noch Liebe gespürt. Nichts kam durch, weder Gutes noch Schlechtes."
 
 
 
Geschrieben
  Carcasi schafft es Mutter und Tochter unterschiedliche Erzähltöne zu verleihen. Ihr Schreibstil ist dabei einfühlsam und auf wunderbare Weise ein wenig pathetisch. Bisweilen sind Ereignisse allzu leicht vorhersehbar, doch eigentlich stört das nicht. Denn es ist ein reifes, kluges Buch, in dem sich viele Kleinod-Sätze verstecken:

Sofia sagte immer, die Welt hat zwei Gesichter: das eine lächelt, das andere weint; dazwischen die Gleichgültigkeit des Äquators.

Die Mutter scheint der Autorin näher zu stehen. Beide heißen Giulia und sind Ärztinnen (Carcasi studiert auch Medizin), obgleich Tochter Mia doch mehr die selbe Altersklasse wäre, dazu Carcasi:

"Ja stimmt, ich fand es leichter, die Mutter zu erzählen als die Tochter. Nicht so sehr, weil ich Medizin studiere, wir haben eine ähnliche Kindheit, ich hab auch immer ortophädische Schuhe getragen aus hartem braunen Leder. Das Leder schränkt die Bewegungsfreiheit ein, wenn du rennst, dann schneidet es ein. Dieses Gefühl, gebrandmarkt zu sein, hab ich lange gehabt, auch später als ich die Schuhe längst nicht mehr getragen habe. Es ist wie mit der Zahnspange, wer sie immer getragen hat, wird auch später nur noch verhalten lächeln. In meinem Leben hab ich immer die Schritte gezählt, ich bin eher innerlich als äußerlich gerannt. Ich hatte keine Bewegungsfreiheit, ich habe versucht, mir eine innere Freiheit zu erkämpfen. Die Schuhe haben mir meine Beine gerichtet, aber nicht nur, sie haben mich auch gelehrt, sich den Problemen zu stellen, wenn man am liebsten davon laufen würde."

 Giulia Carcasi
Foto: Marco Rossi
 
 
  "Ich bin aus Holz" erzählt davon, dass man meint, unendlich weit voneinander entfernt zu sein, obgleich man sich ganz nahe ist; und es ist eine Geschichte von gescheiterter Liebe. Darüber, dass man in den wenigsten Fällen die Kerben vergessen kann, die sie geschlagen hat und man stets versuchen wird, die allererste dieser Furchen wieder auszugleichen, weil sie eine grundlegende Verletzung zurückgelassen hat - die oft genug die Entscheidungen des späteren Lebens beeinflussen wird.

Giulia Carcasi, die in ihrer Heimat als aufstrebender Literatur-Star gefeiert wird, hat ihren ersten Roman bereits mit 21 herausgebracht; dieser ist bis dato jedoch nicht auf Deutsch erschienen, derzeit scheint auch keine Veröffentlichung geplant.

"Ich bin aus Holz" (Originaltitel: Io sono di legno) ist ihr Zweitwerk und laut Klappentext schreibt sie bereits am nächsten Buch - im Interview auf ihre anstehenden Pläne befragt, meint sie jedoch: "Versprechen und Pläne behalte ich für mich, dann merkt keiner, wenn es nichts wird."

(Übersetzung des E-Mail Interviews aus dem Italienischen von Beatrice Beckmann, C. Bertelsmann Verlag)

Giulia Carcasi - "Ich bin aus Holz" ist in der Übersetzung von Christiane Rhein bei C. Bertelsmann erschienen.
 
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