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Wien | 4.6.2008 | 15:42 
Ein kühnes Kratzen an der Oberfläche von Hohlräumen.

Rob, DaddyD, Janis

 
 
Der kaltschnäuzige Risiko-Wurf
  Ein Kritiker des Rolling Stone war 1969 mit der Aufgabe betraut, das Album "Unfinished Music: Life With The Lions" von der Plastic Ono Band zu rezensieren. John & Yokos nonkonformistischer Ruf eilte dem Werk voraus, und so hatte sich der Journalist schon darauf eingestellt, dass diese LP die vorderste Front in Sachen avantgardistischer Tonkunst darstellen würde. "Eine Pionier-Arbeit, die mit allem bisher Dagewesenen bricht", schrieb er begeistert über das Schalldokument, nachdem er es sich ausreichend oft angehört (und sich möglicherweise nebenbei üblicherweise mit den 60ern assoziierte Rauschmittel verabreicht) hatte.
 
 
 
  Was sich seine Ohren wiederholt zu Gemüte geführt hatten, war nichts mehr als das Kratzen der Schallplattennadel auf der leeren B-Seite des Albums. So leichtfertig dürften sich auch viele Radiohead-Verehrer und kritisch-Beäuger von ihren vorgefassten Erwartungen hinters Licht führen lassen haben (mich eingeschlossen), als sie im Oktober 2000 "Kid A" einige Male von vorne bis hinten durchlaufen ließen. Track-Markierungen, die nicht mit dem Beginn der einzelnen Stücke zusammenfielen, die ersten 40 Sekunden Aufnahmen von irgendeinem obskuren Live-Konzert, wie auch spätere Passagen plötzlich unterbrochen von verwirrenden Sprengseln der Stille, die Nicht-Übergänge scheinbar ein gleichberechtigtes kreatives Statement neben den Songs selbst. Kein Anfang, kein Ende, keine Anhaltspunkte, Nichts. Bis an die Grenzen der Vorstellungskraft gefinkelt. Nicht so sehr ein Fehdehandschuh gegenüber der Musikindustrie, als ein ganzer in Form eines ausgefahrenen Mittelfingers gestalteter Anorak. Nichts würde so sein, wie es einmal war.

 
 
  Und dann stellte sich heraus, dass der mit der CD-Fabrikation betrauten Manufaktur bei den ersten paar tausend Exemplaren offenbar eine Fehlpressung unterlaufen war. Die fehlerhaften Ausgaben bilden heute das Herzstück des Kuriositätenkabinetts so mancher Musiksammler, doch die Frage, die sich Fans und Skeptikern damals aufdrängte, war: Wirklich? Ein unbeabsichtigter Faux-Pas einer solchen Größenordnung bei der vielleicht meisterwarteten Veröffentlichung des Jahres? Der schwindlig machende Irrgarten an Stil- und vor allem Form(at)brüchen schien jedenfalls im widersinnigen Einklang mit dem anti-ausbeuterischen, anti-abstumpfenden, anti-blairistischen (immerhin volle drei Jahre vor dem Irakkrieg und selbst noch vor der Bush-Ära) Booklet, das unter der CD-Zwischenablage versteckt war. Und den monströsen Morph-Gesichtern, die die visuelle Fassade der Vermarktungskampagne zum Album bildeten. Und der Weigerung der Band, zur Album-Herausgabe weltweit mehr als drei Interviews zu geben - eine Maßnahme, die sich, wenn sie dazu gedacht war, den ebenjene Kampagne begleitenden Presse-Widerhall auf ein Minimum zurückzuschrauben, als zwecklos herausstellte.

 
 
  Aber auch die "bereinigten" Versionen von "Kid A" schienen dazu angetan, einen Großteil der Radiohead-"Laufkundschaft" für immer abzuschütteln. Auf den Ablagestapel die Außenseiterhymnen für gebrochene College-Herzen (obwohl es die eh schon lang nicht mehr gab), die headbanger-kompatiblen Akkord-Gewitter oder auch nur die schwummrig-beschaulichen Xylophon-Seitengässchen, auf den Operationstisch mit frenetischen Zitronenlutscher-Bekenntnissen, halogen-haften Breakbeat-Aussetzern und einer generellen Stimmung gereizter Übernächtigkeit, die auf einen missgünstigen Kulturkritiker der "Zeit" so zehrend wirkten, "als ob ein Bienenkorb als Aufnahmestudio hergehalten hätte".

"Kid A" war ein No.1-Album in Großbritannien und das erste britische No.1-Album in den USA seit der Debütplatte der Spice Girls, und nicht wenige beiläufige Hörer rechneten damit, dass dieser dreiviertelstündige Missstimmungskatalog dafür hauptverantwortlich wäre, wenn Inhaber von Second-Hand-Plattenläden in Kürze einen Aufnahmestop über Erzeugnisse von Interpreten mit dem Anfangsbuchstaben "R" verhängen würden. Und einige wenige konnten ihnen tatsächlich nicht mehr folgen, so wie Celebrity-Fan Mike Skinner von den Streets, der die Periode ab "Kid A" mit dem unter Stehengebliebenen gebräuchlichen Terminus "the time when they went funny" gleichsetzt. Aber wer sich dazu bringen konnte, der aufrechten Haltung der Band Anerkennung entgegenzubringen, war auch dazu disponiert, sich von den nach und nach an die Oberfläche blubbernden Gefühlsfetzen ergreifen zu lassen. Und die meisten zeigen sich von dieser Mischung bis heute so angetan, dass sie ihren Ikonen von ausverkauftem öko-freundlichem Festival-Gig zur ausverkauften Anti-Aufrüstungs-Lesung nachstellen.

 
 
  Das Album, das seinen Titel vom Dateinamen einer in einer Foto-Verarbeitungssoftware beinhalteten generischen Colorierungsschablone bezog (ein unbewusster Akt der Anonymisierung und Entmenschlichung, an dem Thom Yorke & Co, wie man sich vorstellen mag, eine wahre Freude gehabt haben müssen), ist bis heute das am weitesten verbreitete Radiohead-Werk geblieben. Aber der Moment, in dem der fabelhafte Klang der Desorientierung Einzug in die Lautsprecheranlage des Drogeriemarktes um die Ecke hält, während sich ein 14-jähriger seine ersten Kondome kauft, schöpft seinen besonderen Charme ja auch daraus, dass er nicht noch anhält, wenn der Ebenselbe zu einer Familienpackung Windeln greift. Der Reifungsprozess von "Kid A" war laut Band ein in viele kurzlebige Sitzungen aufgedröseltes Martyrium in Dutzenden Studios in allen Ecken der Welt.

Die Entstehungsgeschichte von "Hail To The Thief" nochmal drei Jahre drauf, war nicht viel weniger neurotisch-kompliziert, "Hail To The Thief" mit seinem leicht wiedererkennbaren Anti-Bush-Slogan (denn jeder andere Erklärungsversuch von wegen, er würde sich auf irgendjemand anderen beziehen, erscheint, höflich gesagt, fadenscheinig) im Titel hat nicht minder subversives Potenzial als sein Vorvorgänger, und es hält auch nicht weniger Momente der Offenbarung parat. Und der Vertriebs-Coup rund um "In Rainbows" mutet ja sowieso überhaupt wie eine prototypisch-rührend-kitschige Geste aus einem Dickens-Roman an, in dem ein übelgelaunter Millionär seine gesamte Betriebsratsumlage tatsächlich wohltätigen Zwecken zugute kommen lässt.

 
 
  Aber der Zeitabschnitt, der für immer unauslöschlich den Namen "Radiohead" in der Titelzeile des betreffenden Kalenderblatts tragen wird, ist der Herbst 2000, als der größte, kompromissloseste, kaltschnäuzigste Risiko-Wurf einer eben-doch-noch-nicht-Breiten-etablierten, aber auch schon nicht mehr vernachlässigbar-budgetierbaren-Sparten-Major-Label-Band durchgedrückt wurde.

Deswegen ist "Kid A" die glorreich phobisch-beschwingte Errungenschafts-Marke, die es sich mindestens dann immer wieder anzuhören lohnt, wenn andere im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehenden Bands sich am Scheidepunkt zwischen Selbstverwirklichung und Gefälligkeit wiederfinden. Und die gesammelten Früchte dieses Drucks dann mitunter weniger aussagen als ein paar Sekunden (irrtümlich?) eingestreuter Stille.

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