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Wien | 16.8.2008 | 01:58 
Ein kühnes Kratzen an der Oberfläche von Hohlräumen.

Rob, DaddyD, Janis

 
 
Resigned to Life: Manic Street Preachers
  Eigentlich müssten die Manic Street Preachers für Dutzende krasse Fehltritte und Exaltiertheiten zur Rechenschaft gezogen werden. Der komplett unkritische, regime-affirmative Kuba (Publicity?)-Besuch 2001. Im Zusammenhang damit die entsetzlich bescheuklappten, einseitig-propagandistischen Lieder "Baby Elian" (= der 2000 vor Florida gestrandete Bub Elian Gonzalez gehört Kuba, und was die USA da aufführen, ist eine Frechheit) und "Freedom Of Speech Won't Feed My Children" (= Hey! Diktatur ist okay, solange der Typ an der Spitze einen Voll- und keinen Schnurrbart hat). Die furchtbaren Cover: Ein bierernstes Remake eines der plakativsten und daher nicht coverbarsten Songs, "Working Class Hero" von John Lennon, auf ihrem letzten Album (auf seine Art ungefähr in einer Liga wie die Idee einer Neu-Interpretation von "The Final Countdown"). Das peinliche Gimmick-Tam-Tam, das sie immer um die Veröffentlichung ihrer Singles aufgeführt haben: Einmal zwei Singles auf einmal veröffentlicht ("So Why, So Sad" und "Found That Soul" im Jahr 2001), einmal eine Single nach genau einer Woche wieder aus den Regalen genommen ("The Masses Against the Classes" 2000), einmal drei verschiedene Formate zum Preis von einem auf den Markt geschmissen ("The Love Of Richard Nixon"), alles ausgehend von der unverhohlenen Gier nach einem #1 - Charts-Hit. Die billigen Provokationen: Nicky Wires 1992 geäußerter Wunsch, Michael Stipe möge bald den Weg Freddie Mercurys beschreiten.

Vielleicht ist ja aber genau das der Punkt.

Vielleicht kann das alles okay sein.
 
 
 
 
 
  Ich habe mal mit jemandem ein eher beiläufiges Gespräch über die wenig erquickliche Perspektive geführt, früher oder später mal fast jeden Menschen, den man kennt, sterben erleben zu müssen. Seine trocken formulierte These "but we might not be able to get rid of Paul McCartney" hat der deprimierenden Fabuliererei dann ein jähes Ende gesetzt. Aber genau das sollt's ja eigentlich geben: Neben wenigsten einem Typen, der das ganze Blabla der Weltgeschichte auf unbestimmte Zeit hinaus aus erster Hand weitergeben könnte (ich hätte gegen Paul McCartney für diesen Job nicht einmal was einzuwenden), eine Band, die haarsträubende Scheiße bauen darf, und dafür, solange sie niemanden damit direkt oder indirekt verletzt, auch nicht gleich wieder von allen Seiten niedergemäht wird. Weil sie sich selbst auch nicht dafür niedermäht.
 
 
 
 
 
  "We wanted to destroy the Royal Family" war laut Bassist und Freund des cross-dressing Nicky Wire eines der irrsinnigen, aber zumindest kurzfristig ernsthaft angesteuerten Motive der Band, sich überhaupt zu gründen. Und eine Kritik ihres ersten, unglaublichen Albums "Generation Terrorists" hat die Waliser am Ende mit Ikarus verglichen; sie mögen sich noch ihre Flügel verbrennen, aber wenigsten trauen sie sich, zu fliegen. Und dann ist da natürlich noch die Sache mit Richie Edwards, dem ehemaligen Rhythmusgitarristen, der den Geist der Rebellion am furiosesten verkörpert hat, und der ganzen Sache dann den bleibenden, unguten, tragischen Beigeschmack verliehen hat, als er sich 1995 (vermutlich) das Leben genommen hat. Wenn man sich dann dazu entschließt, zu überleben, weiter zu machen, verliert nach so einem Erlebnis die praktizierte, aber auch die rhetorische, Grenzwertigkeit an Reiz, man wird älter, und das Leben wird, nachdem sich die Aufregung erster Erfahrungen nur noch schwer wiederholen lässt, irgendwie kleiner, bis es sich vielleicht irgendwann in eine Abfolge nur in bestimmten Details variierender Live-Shows, die man jeden Tag nacheinander absolviert, einkasteln lässt.
 
 
 
 
 
  Dass ihnen diese Schamlosigkeit, die da immer wieder unerhörterweise aufflackert, das Gehör auf die eigenen Instinkte, dieser Drang, zuerst zu springen, und dann erst zu schauen, wie hoch der Sims ist, hat in dem Zusammenhang eine imponierende, befreiende Qualität. Denn es ist ja nicht so, als ob das musikalische Schaffen, das von all diesem Bruhaha überdeckt wird, nichts kann; im Gegenteil. An sehr vielen Liedern der Manic Street Preachers gibt es sehr viel zu lieben, und insgesamt hat ihre Musik eine große, berührende Seele. Überhaupt verhalten sich James Dean Bradfield und Co. so ähnlich wie ein Fußball-Trainer, der mit seinen hanebüchenen, angeberischen Aufmerksamkeitshaschereien eigentlich nur den Druck von seinen Spielern nehmen will.
 
 
 
 
 
  Seit ein paar Alben hat sich irgendwie der thematische Rhythmus eingependelt, dass ein Album abwechselnd entweder eher persönlich und eines eher global gerät. Eins von der letzteren Kategorie (obwohl's eigentlich eine Mischform ist), ist "Everything Must Go" aus dem Jahr 1996. Und das genaue Gegenteil davon ist "Lifeblood" aus 2004, wahrhaft eine zärtliche Schönheit, die eigentlich entsprechenderweise "Nothing Goes" heißen müsste, und hauptsächlich davon handelt, jetzt einmal nicht mit privatem Schmerz und Verlust fertig werden zu können oder zu wollen. Die Platte ist wundervoll und ich habe sie sehr gern.
 
 
 
  Von "Lifeblood" ist beim Frequency-Set, das sich generell nicht großartig von anderen heuer gespielten Konzerten unterscheidet, nichts dabei, dafür die großartige Idee (vor allem eingedenk des gemischten Nicht-Fan-Publikums) einer "Umbrella"-Coverversion, die das Stück im Vergleich zum Original wie Atari Teenage Riot klingen lässt. Und eine Solo-Akustik-Version von "The Everlasting", obwohl die Band ja eigentlich irgendwann zu Protokoll gegeben hat, sie hasse den Song.
 
 
 
Die beste Methode, mit gegen den eigenen Kopf gerichteten Bierbechern umzugehen, zur Schau gestellt am Beispiel vom Nicky Wire: Beim ersten Bierbecher: Nicht mal ignorieren. Beim zweiten Bierbecher: Die unaufgeregte "Geh Bitte"-Geste mit dem leicht in die Höhe gestreckten rechten Zeigefinger. Gentleman-haft und äußerst effizient: Von den Bierbechern ward keiner mehr geflogen. Bravo!
 
 
  Aber vielleicht haben sie auch darüber ihre Meinung geändert. Beim vorangegangenen Interview sagt ein reumütiger James Dean Bradfield nämlich, dass ihm die meisten der oben erwähnten anmaßenden Arschloch-Aktionen heute irgendwie leid tun. Und das ist eigentlich schade. Sich es zuzutrauen, ein Leben zu leben, indem man sich jenseits von Verdächtigungen der Heuchelei positioniert; das wäre wirklich ein erstrebenswertes "design for life".
 
 
 
 
 
  Alle Fotos: Dominique Hammer
 
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