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Wien | 13.10.2008 | 14:04 
Ein kühnes Kratzen an der Oberfläche von Hohlräumen.

Rob, DaddyD, Janis

 
 
Amanda Palmer 1976 - *§#!
  "Dear Amanda,

You stupid cunt. Why don't you keep your iPod in one fucking place and keep track of it when you lend it to people? And why didn't you put your jacket away in your suitcase? You loved your jacket. Now it's gone forever. And why did you leave your fucking computer on the floor where someone could step on it? You are an irresponsible child and I hate you. Will you ever mature and take care of your shit? Way to go, fuckface.

love,
Amanda


Dear Amanda,

I know, I know, I know. Please forgive me. Tour is a bitch. Life becomes random. I am trying.

Please love me,
Amanda"


- Amanda Palmer
 whodunnit?
 
 
Louder than fiction
  "Die Verrenkung und Verschleierung", hat der New Yorker Kulturpsychologe Burt Wolfe 1963 über die Ankunft der Performance Art beobachtet, "... die Camouflage als ganzes für sich wird, ihrer Gefälligkeitspflicht den Eliten gegenüber entbunden, in ihrer Auffächerung eine weitere Schaufel an der Mühle der schöpferischen Intimität - in dieser Funktion ist sie mitverantwortlich für die unermüdliche Zerkleinerung der Identität des Künstlers zur Versorgung der breiten Öffentlichkeit. Und das ist okay so." Es ist eine ebenso naheliegende wie erlässliche Feststellung, dass der unbedingte Drang zu solch einer stilisierten Selbstoffenbarung mit dem Fall von Amanda Palmer seinen logischen Tribut gefordert hat - ein Vorkommnis, über das sie selbst, wenn es einen verspäteten Aprilscherz darstellen würde, wohl raunen würde, dass er hoffentlich wenigstens gut ist.

 Tegan & Sara?
 
 
Zwar
  beharren die ermittelnden Behörden auch noch 2 Wochen, nachdem die 32-jährige ehemalige kreative Triebfeder hinter dem Cabaret-Punk Duo Dresden Dolls im Hinterhof ihres Hauses in Boston unter dem Wrack ihres Pianos aufgefunden wurde, auf dem Standpunkt, dass nach wie vor keine Version zum möglichen Verlauf des Vorlaufs auszuschließen sei. Ein beträchtliches Segment ihrer weltweiten Schar an Fans und Bewunderern, das darauf besteht, einen genaueren Einblick in das Walten ihrer Seele erlangt zu haben als jeder durchschnittlich gebildete Forensiker, zeigt sich aber davon überzeugt, dass Amanda Palmer die Zügel ihres Schicksals nie aus der Hand gegeben hat. Die Anhänger dieses Lagers geben sich unbeeindruckt von der Verwirrung über die Frage, wie und von wem Palmers Klavier auf das Dach ihres Hauses, von wo es offensichtlich auf sie heruntergestürzt ist, geschafft worden sein könnte. Auch der Umstand, dass ihre Stimmbänder zum Zeitpunkt ihres Auffindens um ihren Hals geschnürt waren, kann ihre Überzeugung nicht ins Wanken bringen. Nein, so vollkommen verrückt war sie zwar nicht, betonen diese Devotées, aber sie hatte große, innere Stärke.

Des weiteren, inniglich an ihre Brust geklemmt, fanden die Sachverständigen einen Packen unbeantworteter Fanpost an der Unglücksstelle. Solche hätte sie Zeit ihres Lebens immer mit sich herumgetragen, sagen ihre Freunde.
 
 
 
Es war
  ein chaotischer, buchstäblich schmerzhafter und schmerzhaft anzusehender Weg bis zu diesem Punkt. Erst eine Woche vor dem Ereignis brach ihr in Belfast als Ergebnis ihrer Unachtsamkeit ein vorbeifahrendes Auto ihren rechten Fuß. Davor schon hatte sie sich in Utrecht versehentlich ihre Hände aufgeschlitzt, als sie versuchte, ihren Ukulele-Koffer zu öffnen. Dazwischen kamen ihr nacheinander alle für ihren Lebensunterhalt essentiellen Utensilien abhanden. Palmers Desorganisation war, ebenso wie ihr Temperament, legendär.

Die Sängerin, meinten einige ihrer Bekannten in ersten Interviews, ging mit ihrer Zuneigung nicht weniger freizügig und flatterhaft um, als mit ihren Besitztümern. Quellen, die vermuten, dass die Künstlerin nicht alles von ihrem Privatleben auf ihrem Blog der Allgemeinheit zugänglich gemacht hätte(eine Minderheitenmeinung), spekulieren, sie sei in den letzten Monaten nicht mehr die selbe gewesen, nachdem ein Liebhaber sie zugunsten der Teilnahme an einem Raumfahrtprogramm verlassen hätte.

 Edward Albee?
 
 
  Andere wiederum glauben, Palmer, die 2004 gemeinsam mit dem Schlagzeuger Brian Viglione unter dem Alias der Dresden Dolls mit dem Welterfolg "Coin-Operated Boy" den globalen Absatz von mechanischem Spielzeug um ein Vielfaches in die Höhe schnellen ließ, hätten familiäre Konflikte und Erwartungshaltungen mit den Jahren zunehmend in Mitleidenschaft gezogen. In einigen der bittereren Fälle soll die Trennung von ehemaligen Vertrauten angeblich unter Ausstoß von solch derben verbalen Charakterisierungen wie Crack-Hure erfolgt sein. Aber wenigstens, so tröstete sie sich dann selbst immer wieder, mochten sie sie im Mac-Store. Und schneller als jemand, der sich selbst ungerechtfertigterweise der Prokrastination bezichtigt, jene überhaupt buchstabieren kann, stürzte sie sich nach solchen Erlebnissen wieder in neue Projekte.
 
 
 
Projekte,
  die nun besser spät als nie finanziell ausgeschlachtet werden sollen. Es hat in jüngerer Erinnerung wohl kaum eine Veröffentlichung ein trefflicheres Sittenbild des momentanen Zustands der Plattenindustrie abgegeben, als die im Gefolge der tragischen Nachrichten frenetisch zusammengestellte und noch vor dem ersten Obduktionsbericht auf den Markt katapultierte Debüt-LP der Pianistin. Mit einem geschmacklos-reißerischen Titel wie "Who Killed Amanda Palmer" und morbiden, eigens kommissionierten Mini-Nachrufen des Science Fiction Autors Neil Gaiman, bedeutet dieses Machwerk die wohl bisher schändlichste, vulgärste Form der kommerziellen Vermengung und Verwertung von Wahn und Wirklichkeit - die nicht zuletzt noch das Potential haben könnte, die laufenden Ermittlungen zu beeinträchtigen. Und als ob das noch nicht genug wäre, ist sogar noch ein eigener, begleitender Bildband erhältlich! Der der Öffentlichkeit weithin bekannte Multiinstrumentalist Ben Folds, mit dem gemeinsam Amanda Palmer die Stücke auf diesem Album in seinem Studio in Nashville orchestriert hatte, gibt sich zur diesbezüglichen Nutzung seines Beitrags - so wie immer - seltsam.

 [gouvernantenhaft-entrüsteter Ton] "ihre merkwürdigen Freunde?"
 
 
Erste Fotos vom Tatort, gemeinsam mit Neil Gaiman und Bildbuch-Fotograf Kyle Cassidy.
 
 
Diejenigen,
  die Amanda Palmer in den letzten 5, 6 Jahren persönlich kennen gelernt haben, und jene, die sich von ihrer zutiefst originellen, ermächtigenden Musik inspirieren ließen, trauern um die vielleicht offenherzigste Pop-Musikerin unserer Zeit, trauern um ein Talent, das mit den majestätischen, transzendentalen Stücken auf "Who Killed Amanda Palmer" einen Schritt weiter in Richtung seiner Erfüllung getan hat, weinen über den Verlust einer Person, die, Gerüchte zum Teufel, als Freundin zu nennen sich jede und jeder glücklich hätte schätzen können. Die Filme der Traumfabriken mögen nicht mehr so groß sein wie einst, und die Schlange vor den Variété-Theatern Berlins nicht mehr so lang wie damals, aber schlussendlich erkennen wir mit dieser fürchterlichen Entbehrung nun, was die Schminke tatsächlich verbirgt - es sind unser aller Herzen.

Amanda Palmer hinterlässt nicht nur unzählige Freunde und Verehrer, sondern auch ihre Ambitionen. Eigenen Angaben zufolge wollte sie die nächste Zeit dazu nutzen, endlich zu lernen, das Klavier zu spielen.
 
 
 
Anmerkung:
  Amanda Palmers' angekündigte Konzerte am 18. Oktober 2008 im Komma in Wörgl sowie am 20. Oktober in der Szene Wien sind von ihrem Ableben nicht betroffen* und finden wie geplant statt. Offenbar führt die Künstlerin neben ihrer Tour-Band einen Tross an australischen Anarcho-Zirkusartisten mit, die ihre Darbietungen laut Augenzeugen ihrer bisherigen Shows in das Spektakel des Jahrhunderts verwandeln, für die sie allerdings aber noch auf Suche nach Kost und Logis ist. Und wer für Amanda Palmer nicht nur kocht und sie für einen Abend bei sich unterbringt, sondern sich als Angehöriger ihres Street Teams auch noch zur Mehrung der Bekanntheit ihres neuen Albums als lebendige Statue verdingt, bekommt auf jeden Fall ein Sterndi in sein Heft.


*) Ob das so auch für den Fortbestand der Dresden Dolls gilt, steht auf einem anderen Blatt.

 die Tatwaffe - der ramponierte Laptop?
 
 
Amanda Palmer & das Danger-Ensemble
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  Weil man gar nicht oft genug hinlinken kann...

Das Amanda Palmer - Blog
   
 
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