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Wien | 11.12.2008 | 18:54 
Ein kühnes Kratzen an der Oberfläche von Hohlräumen.

Rob, DaddyD, Janis

 
 
Wörter/Unwörter
  Für die Anhänger der sprachwissenschaftlichen Gemeinschaft ist das ein Anlass wie Weihnachten und Ostern zusammen: Die Wahl des Wortes und Unwortes des Jahres.

Endlich ist nun also weißer Rauch aus dem Grillgestell emporgestiegen, an dem verdiente Koryphäen der Sprachwissenschaften sowie einige Journalisten mit leistungsstarken Betriebssystemen behutsam jeden lexikalischen Neuankömmling in Beurteilung seiner Qualifikation und Mehrwerts für das eingesessene österreichische Idiom hin- und herwenden. Und wieder einmal erweist es sich, dass es nicht nur ein Land der Äcker, sondern auch der Checker ist, die einerseits bei der Berücksichtigung erlässlicher Lehnwörter mit großer Sorgsamkeit walten, und andererseits über ein scharfsinniges Bewusstsein für die eigene Geschichte verfügen.
 
 
 
Gewinnwarnung
  So kann man die Pointiertheit nicht verkennen, mit der die Entscheidung dieser terminologischen Treuhänder behaftet ist, den Schöpfer so vieler verbaler Entgleisungen posthum, quasi à la bande, für sein Lebenswerk mit "Lebensmensch" als Wort des Jahres auszuzeichnen. Bei der Wahl des Unwortes "Gewinnwarnung" hingegen ist anzuerkennen, dass diese Experten trotz der chronisch prekären Platzverhältnisse in ihrem Elfenbeinturm davon abgesehen haben, einen Themenkreis aufzugreifen, der ihre Verhältnisse zwar zu spiegeln scheint, aber dafür den guten Ruf des Landes zwischenzeitlich in Geiselhaft zu nehmen drohte. Stattdessen ist hier ein Ausdruck gekürt worden, mit dem sich jedermann mit einem Anflug der Beklommenheit identifizieren kann, und das nicht nur bei uns zu Hause, sondern in allen Ländern auf der ganzen in das vermaledeite konjunkturelle Kesseltreiben eingezwängten Welt.

Die übrigens dieser Tage ebenfalls ihre Lieblingsbegrifflichkeiten gewählt haben, derer an dieser Stelle ein kurzer fiktiver Querschnitt präsentieren werden soll.

 
 
Diskurswerfer
  Auch in Griechenland beispielsweise sind die Leitungen heiß gelaufen, wo die Mehrheit der griechischen Hobby-Philologen in einer ausgesprochenen Spätzünder-Reaktion ihre Zustimmung für "Diskurswerfer" demonstriert hat.
 
 
 
Spitze
  Andere Länder - andere Sitten, das gilt natürlich nicht zuletzt auch, was die Wahl zum Wort des Jahres betrifft. So zum Beispiel auch im Irak, wo sich der Lehrkörper der sprachwissenschaftlichen Fakultät Baghdad jeden November zu einem Scrabble-Spiel trifft. Für jeden gelegten Begriff mit dreifachem Wortwert feuert der aktive Spieler sein Luftdruckgewehr in den Nachthimmel, um schließlich am Ende der Partie die Differenz zwischen den Wort- und Patronenhülsen zu ermitteln. Als Zeichen eines vorsichtig um sich greifenden Optimismus ist dieses Jahr "Anschlagqualität" als Sieger aus dieser akribischen Prozedur hervorgegangen. Punktewert: 25.

In einem Verfahren, das sich in der sprachwissenschaftlichen Community in China schon über Jahrzehnte hinweg erfolgreich bewährt hat, ist der von einem eigens ernannten Sonderkomitee eingereichte Vorschlag vom 55. philologischen Kongress der Partei abgesegnet, und der Bevölkerung anschließend als einzige Wahlmöglichkeit zur Abstimmung vorgelegt worden, von der er mit 100% Zuspruch angenommen wurde. Chinas Wort des Jahres 2008: Spitze.

 
 
Schnee
  Leer gehen heuer wieder einmal die Freunde verbal-ästhetischer Auffrischung in Somalia aus, wo die geplante Internet-Abstimmung zum Wort des Jahres nach einem verheerenden Fall von Online-Piraterie, im Zuge dessen sich die Täter mit dem gesamten Wortschatz aus dem Staub gemacht haben, abgesagt worden ist.

Und nichts neues in Grönland, wo zum 27. Mal hintereinander "Schnee" zur bemerkenswertesten Vokabel gewählt worden ist, beziehungsweise, wie er dort sonst noch heißt, shiya, trinkyi, quinaya, tlalam, erolinyat, hootlin, carpitla, gristla, fritla, tlaslo, dinliltla ...
 
 
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