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Wien | 4.11.2004 | 11:02 
Die Stadt als Spielplatz: vom Auswandern und Einwandern, von der Mitte bis zum Rand - und zurück.

Hedi, Schoenswetter

 
 
Theo van Gogh 1957-2004
  Dienstag vormittag wurde der Kolumnist und Regisseur Theo van Gogh auf offener Straße in Amsterdam ermordet. Die Berichterstattung in den Massenmedien erinnert stark an jene nach dem Mord an Pim Fortuyn vor zweieinhalb Jahren.
 
 
 
Kolumnist und Kommentator
  Theo van Gogh war einer der exponiertesten und bekanntesten Journalisten der Niederlande, seine täglichen Kolumnen im Gratisblatt Metro machten ihn letztendlich einer größeren Öffentlichkeit bekannt als seine (preisgekrönten) Dokumentarfilme. Ich hab vor etwa einem Jahr zum ersten Mal von Theo van Gogh gehört und verdanke vor allem seinen berühmten Interviews eine gehörige Portion Motivation, Van Goghs Sprache zu lernen und seinen Gedanken zu folgen. Theo van Gogh wird in den Nachrufen wohl vor allem unter zwei Attributen geführt werden: Van Gogh der Zyniker, Van Gogh der Provokateur. In diesen Interviews hat sich der Fragesteller Theo van Gogh keineswegs als zynisch dargestellt, auch nicht als übertrieben provokant. Sein Stil, Menschen erzählen zu lassen ohne sie auszufragen, hat Theo van Gogh für viele Schreibende in den Niederlanden zur Ikone werden lassen, er selbst wechselte gerne die Seiten und war begehrter Gesprächspartner für Feuilleton ebenso wie für MTV. In seinen politischen und gesellschaftlichen Kommentaren schrammte Van Gogh immer haarscharf an der Kante zwischen den beiden niederländischen Maximen entlang - dem Recht auf freie Meinungsäußerung einerseits und dem Schutz vor Diskriminierung andererseits.

 Foto: EPA
 
 
06.05.2002: Attentat auf Pim Fortuyn
  Sein letztes filmisches Werk, "0605" über den (ebenfalls ermordeten) Politiker Pim Fortuyn, vor allem aber seine Arbeit an "Submission", dem höchst umstrittenen Kurzfilm über die Darstellung des islamischen Frauenbildes durch die somalisch-niederländische Politikerin Ayaan Hirsi Ali, haben Theo van Gogh in den letzten Wochen wieder verstärkt in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Genau wie Hirsi Ali dürfte auch der Regisseur genügend Angriffsfläche für Morddrohungen geboten haben, in einem seiner letzten Interviews spielte er die Bedrohung aber trotz verstärkter Polizeipräsenz in seiner Wohngegend herunter.

 Foto: EPA
 
 
Mord am Fahrrad
  Ausgerechnet in seiner buurt, jener ebenso urban wie dörflich wirkenden Wohngegend am Amsterdamer Oosterpark traf ihn sein Mörder am Fahrrad. Und obwohl seit dem Mord an Fortuyn PolitikerInnen und Prominente auch in den Niederlanden vorsichtiger geworden sind, spielt gerade das Fahrrad als Symbol der gelebten Bürgernähe und Verbundenheit eine große Rolle, schließlich soll auch Amsterdams populärer Bürgermeister Job Cohen seine Dienstwege auf selbigem zurücklegen. Cohen war konsequenterweise auch einer der ersten PolitikerInnen, der die Ermordung Van Goghs als Anschlag auf die Meinungsfreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung interpretierte.
 
 
 
Kampf der Kulturen?
  Der mutmaßliche Mörder Theo van Goghs, ein 26-jähriger Niederländer mit marokkanischem Pass, soll aus "radikal-islamischen Motiven" gehandelt haben und war den Geheimdiensten bekannt, wie der Innenminister heute bekannt gab. Und obwohl sich Van Goghs offen zur Schau gestellte Meinungsäußerungen (im Gegensatz zu jenen Pim Fortuyns) keineswegs exklusiv gegen Moslems und Einwanderung gerichtet hatte und der Regisseur vor seinem Tod massiver Kritik von Seiten moslemischer Organisationen ausgesetzt war, scheint die erste Einschätzung des Bürgermeisters plausibel. Das übrige politische Spektrum regiert bestürzt: der Sozialdemokrat Wouter Bos sieht eine Schlacht zwischen dem "freien Wort" und "religiösen Fanatikern" aufziehen, Matt Herben von der Lijst Pim Fortuyn hingegen befürchtet, der Kampf der Kulturen wäre endgültig in den Niederlanden angekommen.

 Foto: EPA
 
 
Der Unterschied
  Die Sprache der Politik wirkt, allen Beruhigungsversuchen zum Trotz, ziemlich emotionell und zugespitzt, immer wieder taucht der Vergleich mit dem ermordeten Pim Fortuyn auf, obwohl diesen, zumindest politisch, kaum etwas mit Van Gogh verband. Kaum ein Kommentar verzichtet allerdings auf den Hinweis, dass der (islamkritische) Rechtspolitiker Fortuyn von einem fanatischen Tierschützer, Theo van Gogh jedoch vermutlich von einem "Marokkaner" erschossen wurde. Trotz einhelliger Verurteilung der Bluttat durch moslemische und marokkanische VertreterInnen wird befürchtet, dass der Riss durch die Gesellschaft diesmal noch schwerer zu flicken sein wird als nach dem Mord an Pim Fortuyn.
 
 
 
Spontane Demos
  Am Dienstag Abend waren mehr als 20.000 AmsterdamerInnen dem Aufruf ihres Bürgermeisters nachgekommen und haben den Dam zu einem bunten Menschenmeer gemacht. Die Sorge um die Meinungsfreiheit und die Trauer um einen ebenso umstrittenen Provokateur wie bekannten Menschen hat, wie Zeitungen berichten, AmsterdamerInnen verschiedenster Herkunft und Lebenswelt an den zentralen Platz der Stadt geführt. In Den Haag hingegen konnte die Polizei eine rechtsextreme Demonstration gegen Einwanderer und Moslems gerade noch verhindern. Sind das die beiden Szenarien, die in dieser dermaßen polarisierten Gesellschaft entstehen können?
 
 
 
  Der Mord an Theo van Gogh hat die Berichterstattung über die US-Präsidentenwahl etwas in den Hintergrund rücken lassen und die Wahlparty im Melkweg platzen lassen. Dort wäre Theo van Gogh nämlich gerade wegen seiner scharfzüngigen Kommentare als Stargast geladen wesen.
 
fm4 links
  theovangogh.nl
Theo van Goghs Website mit einem Kondulenzbuch (auf Niederländisch)

ORF.On
Aktuelle Berichterstattung zum Mord an Theo van Gogh

Wikipedia.org
Kurzbiographie (auf Niederländisch)
   
 
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