fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 6.3.2004 | 11:35 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
Alles ist möglich
  'Easy Rider, Raging Bulls' heißt eine fantastische Dokumentation, die unlängst auf 3SAT ausgestrahlt wurde. Im Zentrum steht eine Gruppe von Filmemachern, die von der Aufbruchsstimmung der späten Sechziger erfasst wurde. Mit einer beinahe fiebrigen Energie bemühten sich Regisseure wie Francis Ford Coppola, Martin Scorsese oder Arthur Penn, in den Hollywood-Apparat einzudringen und ihn von innen zu verändern.

Das hat letztlich nicht funktioniert. Aber bei dem Versuch, Sand in die Maschinerie zu streuen, sind einige der großartigsten Filme aller Zeiten entstanden. 'Mean Streets' und 'Taxi Driver' von Scorsese zum Beispiel, 'The Godfather' von Coppola, 'The Wild Bunch' von Sam Peckinpah, 'Badlands' von Terrence Malick, 'Chinatown' von Roman Polanski, die Liste lässt sich viel länger weiterschreiben.

'Easy Rider, Raging Bulls' erzählt nicht nur vom Entstehungsprozess solcher legendärer Streifen. Die Doku ist vollgestopft mit wunderbaren Anekdoten und irrsinnigen Wuchteln über die Zeit, als Sex, Drugs & Rock'n'Roll die amerikanische Filmindustrie in einen Ausnahmezustand versetzten. Nach etwa einer halben Stunde Zuschauen war ich bereits so euphorisiert, dass ich eine Flasche Rotwein aufmachen musste. Um dann in unregelmäßigen Abständen diversen Menschen auf dem Bildschirm zuzuprosten.
 
 
Veränderung liegt in der Luft
  Flashback ins Hollywood von 1967. Im Mekka des Unterhaltungsbusiness herrschen Krisenzustände. Überteuerte Historienschinken wie 'Cleopatra' floppen, immer größer wird auch die Kluft zwischen dem popkulturellen Klima der Sixties und den biederen Produktionen der Studios. Draußen in der Welt herrscht Krieg, amerikanische Soldaten sterben in Vietnam, auch im Land selbst köchelt es. Rassenunruhen, Studentenkrawalle, Drogenexzesse sind in den Schlagzeilen.

Mögen sich die pensionsreifen Studiomogule auch blind und taub stellen, einige jüngere Leute in entscheidenden Positionen spüren diesen Zeitgeist. Dieses Gefühl der Veränderung, das in der Luft liegt. Schließlich paffen und schnüffeln Typen wie Robert Evans oder Bert Schneider (dessen Vater Columbia Pictures leitet) bei den obligaten Parties selber verbotene Substanzen und testen die Limits der "freien Liebe" aus.

Und plötzlich scheint alles möglich zu sein, plötzlich werden Türen aufgestoßen, neue Kräfte in die erstarrten Strukturen gelassen.

 Partytiger in full effect: Produzent Robert Evans und Regisseur Roman Polanski
 
 
Filme in der Farbe des Bluts
  Neben Coppola und Scorsese gehören Peter Bogdanovich, Monte Hellman und Dennis Hopper zu den Regisseuren, die in die muffige Szenerie eindringen. Typen, die ihr Handwerk ganz zünftig gelernt haben und zwar bei Roger Corman, dem König der ultrabilligen B-Pictures. Ende der Sechziger wollen sie selbst andere Wege gehen: Ohne das Feuer der schundigen Genrefilme einzubüßen, möchten sie vom echten Leben erzählen. Von Beziehungstragödien, die hinter den Doris Day-Idyllen schlummern, von sexuellen Kicks und der Gewalt, die untrennbar zur amerikanischen Geschichte gehört.

"Wir wollen keine falschen, polierten, glatten Filme", heißt es bereits 1960 in einem Manifest zum unabhängigen amerikanischen Kino, "wir möchten sie rauh, unpoliert, aber lebendig; wir wollen keine Filme in Rosa - wir wollen sie in der Farbe des Bluts."

Rot war die Farbe des "New Hollywood". Arthur Penn lässt die Stars Warren Beatty und Faye Dunaway in seiner Gangsterballade 'Bonnie & Clyde' im infernalen Kugelhagel sterben. Ein Film, der nebenbei sämtliche Werte umkrempelt, denn plötzlich sind die Outlaws die wirklichen Helden. Ein Publikumserfolg, der anderen Filmemachern den Weg ebnet.

 Outlaws als Helden: 'Bonnie & Clyde', 1967
 
 
Energie, Enthusiasmus, Inspiration
  Angestachelt vom amoralischen Rock'n'Roll wird mit aller Kraft an den klassischen Mythengerüsten gesägt. Schluss mit Gut und Böse, unschuldigen Leinwandküssen und verlogenem Edelmut. Um das Authentische, Dreckige und auch Abgründige hinter all den glattlackierten Fassaden geht es.

"New Hollywood", dieser Sammelbegriff umfasst ein ungemein breites filmisches Spektrum, von den lakonischen Werken eines Bogdanovich ('The Last Picture Show') bis zu den erschütternden Antiwestern von Peckinpah. Aber auch wüste Undergroundfilme und Dokumentationen spiegeln die Energie dieser Jahre.

Überhaupt, Schlüsselworte: Energie, Enthusiasmus, Inspiration. Es ist die Ära des Alles-ist-möglich. Dennis Hopper und Peter Fonda fahren mit etwas Geld, ein paar Freunden und einer geborgten Kamera in die Wüste und kehren mit einem Film zurück, der 1969 die Jugendkultur verändert: 'Easy Rider'.

 Freiheit ist nur ein anderes Wort für nichts zu verlieren haben: 'Easy Rider'. 1969
 
 
The drugs don't work
  Das Ende von 'Easy Rider' hat dann aber schon etwas Prophetisches: Ein paar Rednecks schießen die langhaarigen Außenseiter einfach von ihren Motorrädern. Die Utopien sind gescheitert. In Monte Hellmans tristem Roadmovie 'Two Lane Blacktop' dominieren 1971 bereits Lethargie und Sprachlosigkeit.

Gleichzeitig zerplatzt außerhalb des Kinosaals die Seifenblase von Love & Peace. Die Hippiefrauen unter der Fuchtel des Sektenführers Charles Manson metzeln sich mit langen Messern durch Hollywoods Partyszene.

Alle maßgeblichen Talente flüchten sich bald in einen einzigen gigantischen Drogenrausch. Wahnsinn regiert auf manchen Sets, Budgets werden überzogen, Filme floppen immer häufiger. Bevor die Studios ihre Türen wieder zusperren, gelingt es noch, große Filme durchzuschmuggeln: 'Taxi Driver' etwa, einen urbanen Albtraum des Ex-Alkoholikers Paul Schrader und des kokssüchtigen Scorsese. In 'Easy Rider, Raging Bulls' erzählt eine Produzentin: "These guys were doing whatever they wanted. They were drinking, smoking dope and they lost their minds." Dennis Hopper endet fast im Irrenhaus, viele Kollegen in der Entzugsanstalt.

 Dennis Hopper in einer eher ungesunden Phase
 
 
Why is the public so stupid?
  Am Ende bleiben die schüchternen, nüchteren Geschäftemacher übrig. Ausgerechnet George Lucas und Steven Spielberg, zwei Nerds aus der kreativen Runde um Coppola und Scorsese, erfinden das Blockbuster-Kino. Bei einer ersten Rohschnittvorführung von 'Star Wars' im Kreis befreundeter Regisseure erntet der Film nur Spott und Hohn. Das weltweite Publikum denkt anders. "Popcorn pictures have always ruled", verteidigt sich Lucas, "why do people go see them? Why is the public so stupid? That's not my fault."

Schnitt. Hollywood 2004. Wieder beutelt eine ökonomische und außenpolitische Krise das Land, im Zentrum der Traumfabrik ist davon aber kaum was zu spüren. Die Branche feiert sich wieder einmal selbst, im Blitzlicht der Oscarverleihung ist breites Grinsen angesagt. Der dritte Teil von 'Lord Of The Rings' wird hochbeschenkt, Steven Spielberg überreicht die begehrte Trophäe seinem Kollegen Peter Jackson.

Ist nur mehr Platz für die eine Seite der Medaille, das eskapistische Kino für ewige Kinder? Nein, denke ich optimistisch mit dem Weinglas Richtung Fernseher. Es gibt sie, die kreativen US-Filmemacher, die vom "New Hollywood"-Spirit infiziert sind oder direkt damit verwandt, wie Sofia Coppola. Es gibt Paul Thomas und Wes Anderson, Spike Jonze und Vincent Gallo, Larry Clark und Harmony Korine, und Solondz, Soderbergh, Tarantino drehen auch da draußen. Irgendwas ist immer möglich.

 Klassenstreber George Lucas am Set von 'Star Wars'
 
 
  "New Hollywood 1966-78": Die Retrospektive, die bereits bei der heurigen Berlinale zu sehen war, läuft inklusive Ergänzungen im März und April im österreichischen Filmmuseum.

fm4 links
  filmmuseum.at
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick