fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 4.11.2008 | 16:57 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
Rache, aalglatt serviert
  Mit meiner Begeisterung für 'Casino Royale' stehe ich wohl nicht alleine da. Der radikale James-Bond-Relaunch erwies sich als größter Kassenschlager in der weit über vierzigjährigen Erfolgsgeschichte der Agentenfilmsaga.

Statt noch mehr in Richtung hoffnungslos übertriebener Effektspektakel zu gehen, hatten sich die Produzenten 2006 bekanntlich für die ganz andere Richtung entschieden. Raus mit all den futuristischen Gimmicks und Gadgets, raus mit der omnipräsenten Ironie und bewährten witzelnden Nebenfiguren.

Anstelle von comichafter Überzogenheit gab es in 'Casino Royale' plötzlich so etwas wie Ansätze von Realismus zu sehen. Und das war großartig. Dazu passte Daniel Craig perfekt als unsicherer, ramponierter, grantelnder Geheimagent, dem es völlig egal schien, ob sein Wodka Martini geschüttelt oder gerührt serviert wurde.
 
 
 
 
 
  'Quantum Of Solace', der 22. Leinwandeinsatz von James Bond, setzt nicht nur diese im besten Sinne menschelnde Linie fort. Erstmals schließt ein 007-Abenteuer auch mit seiner Story nahtlos an den Vorgängerstreifen an.

Erschüttert vom Tod seiner (Hass-)Liebe Vesper Lynd, glaubt Bond den Drahtzieher hinter ihrer Ermordung gefunden zu haben. Aber der mysteriöse Mr. White entpuppt sich bloß als Teil einer weitverzweigten Organisation, die im Verborgenen finstere Geschäfte abwickelt. Der Staragent des MI6 macht sich bald auf einen unerbittlichen Rachefeldzug, bei dem er seine Lizenz zum Töten ausgiebig ausnutzt.

Leider bricht 'Ein Quantum Trost', der Blockbuster mit dem unbestritten dümmsten deutschen Verleihtitel seit langem, in stilistischer Hinsicht mit 'Casino Royale'. Was den Neustart vor allem auszeichnete, war ein klassischer Ansatz in Sachen Kamera und Schnitt. Regisseur Martin Campbell forcierte eine zeitlosere Bildsprache und ein Tempo, das der Pseudorasanz der Big-Budget-Konkurrenz relativ relaxt den Rücken zukehrte.

Bereits die ersten Minuten von 'Quantum Of Solace' zeigen, dass Marc Forster, bisher für so unterschiedliche Arbeiten wie 'Monster's Ball', 'Finding Neverland' und 'Stranger Than Fiction' verantwortlich, ganz woanders hinsteuert. Eine Autoverfolgungsjagd wird da bemüht physisch inszeniert, als Montagegewitter aus Close Ups auf quietschende Reifen, gehetzte Gesichter und knirschendes Blech.

Was von der ganzen sinnlos hektischen Szene zurückbleibt, und viele weitere Actionmomente in diesem Film werden folgen, ist aber bloß Achselzucken. Keine Begeisterung, keine Emotion.
 
 
 
 
 
  Der darauffolgende Vorspann macht endgültig klar, dass Marc Forster kein richtiges Gespür für den Mythos James Bond hat.

Zum großartigen Themesong von Jack White und Alicia Keys überflutet zwar todschickes Grafikdesign die Leinwand, das oberflächlich an die legendären Titelsequenzen der Vergangenheit erinnert. Aber im Grunde sieht das Ganze dann doch wie eine animierte Strecke aus einem slicken Lifestylemagazin aus oder wie das Cover zu einer Loungecompilation mit Bond-Remixen.

Zu glatt lautet dann auch mein finaler Hauptvorwurf an den Film, als nach 106 Minuten zu den berühmten Klängen von Monty Norman die Schlusstitel abrollen. Marc Forster inszeniert auch die unzähligen aufregenden Schauplätze, die Mr. Bond mal wieder bereist, im Stil einer Tourismusreklame.

Und zu dem Regisseur, der sich bei näherer Betrachtung seines Gesamtwerks als jemand entpuppt, der oft Manierismus mit Eleganz verwechselt, passen die verschnörkselten Schrifteinblendungen, die den jeweiligen Ort des Geschehens angeben. Das ist zwar nur ein winziges Detail am Rande, es sagt aber viel über 'Ein Quantum Trost' aus.
 
 
 
 
 
  Nun könnte die formale Sackgasse, in die sich Marc Forster mit der stylischen Machart begibt, nicht so stark ins Gewicht fallen, wenn die Story alles herausreißen würde. Aber leider kann auch das Autorentrio Haggis-Purvis-Wade, das in 'Casino Royale' so überzeugte, diesmal keine Überraschungen anbieten.

Zwar reihen sich weitere Brüche mit festgefahrenen 007-Klischees aneinander, der richtige Drink spielt nur eine Nebenrolle und auf ein "Gestatten, Bond, James Bond" wartet man ebenso vergeblich wie auf Waffenmeister Q und Miss Moneypenny. Aber gleichzeitig macht der Film mit völlig jenseitigen CGI-Stuntsequenzen und stereotypen Set Pieces auch einen Schritt zurück in die Brosnan-Ära.

Hinzu kommen einige zwanghafte Bezüge zur aktuellen Politwirklichkeit. Positionierte sich 'Casino Royale' mit finsteren verbalen Anspielungen und einer generellen Paranoia-Stimmung bereits unmissverständlich wie abstrakt im Hier und Jetzt, wie es auch 'The Dark Knight' tut, legt 'Ein Quantum Trost' die Karten offen auf den Tisch.

Da sprechen Geheimdienstleute und Politiker unverhohlen und platt von der eigenen Verwicklung in die kriminellen Seiten der New World Order. Und zu diesen Kleiner-Hansi-Dialogen über Geschäfte mit essentiellen Rohstoffen rückt Marc Forster gleich die Opfer der Globalisierung ins Bild.

Ein James-Bond-Spektakel mit politisch korrekten Messages zu unterwandern, mag gut gemeint sein. Aber es wirkt auch höchst aufgesetzt. Dazu agierte Commander Bond einfach viel zu lange als Kalter Krieger und alter Reaktionär im Auftrag Ihrer Majestät.
 
 
 
 
 
  Was 'Quantum Of Solace' letztlich wirklich sehenswert macht und zu mehr als einer Pflichtübung für eingefleischte 007-Fans, ist der Hauptdarsteller.

Nicht zu glauben, dass die puristische Anhängerschar einst Daniel Craig als wahlweise zu langweilig, zu hässlich, zu schroff oder zu soft vorverurteilte. Der mittlerweile 40-jährige Brite scheint einfach der perfekte Superagent für das 21. Jahrhundert zu sein. Craig trägt die Franchise im Grunde ganz alleine und locker auf seinen durchtrainierten Schultern.

Dieser Mann hat eben nicht nur eine eindrucksvolle körperliche Präsenz, sondern auch jede Menge Sensibilität und Intelligenz. Wo andere Akteure große Gesten und viele Worte brauchen, reicht Daniel Craig oft nur ein unterkühlter Blick, um brodelnde Emotionen zu vermitteln.

Frankreichs Cineastenliebling Mathieu Amalric gibt einen interessanten und ungewohnt subtilen Gegenspieler, die junge Russin Olga Kurylenko schlägt sich überzeugend als undurchschaubare Action-Femme Fatale. Aber von Daniel Craig als wirklicher Attraktion dieses Films lenken sie keinen Moment ab.

Nie war James Bond so verletzlich, so melancholisch, so getrieben wie in 'Quantum Of Solace'. Für Hedonismus und Coolness ist kein Platz mehr, Sex spielt eine verschwindende Nebenrolle. Aus der Männermagazin-Ikone ist eine tragische Figur geworden, aber so ist das eben 2008, im Jahr der Kino-Antihelden.

Wer von diesem zwiespältigen Film enttäuscht und von seinem zerknirschten Protagonisten gefesselt ist, der hat immerhin ein Quantum Trost: James Bond kehrt wieder, soviel ist sicher.
 
 
 
fm4 links
  007.com

Delicious Escapism
Why James Bond has more to offer than a Quantum of Solace. (Chris Cummins)
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick