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Wien | 18.12.2008 | 14:29 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
Schlimmer Wohnen
  Also, ich finde es ja immer schön, wenn Menschen sich an schier unmögliche Utopien wagen und dabei nicht gleich brutal scheitern. So hört man immer wieder von WG-Bewohnern, die sich tatsächlich nicht in endlosen Diskussionen über ungeputzte Klos und dreckiges Geschirr selbst zerfleischen.

Auch der FM4-Gruppenwohnversuch Zimmer mit Aussicht führte bislang noch zu keinen schwerwiegenden Amokläufen oder Bluträuschen. Vielleicht auch, weil sich hier eine Gruppe junger Frauen gefunden hat, die im Gegensatz zu den meisten mir bekannten Buben-WGs auch bei den banalen Essentialitäten des Alltags miteinander harmoniert.

Dabei wissen wir aus dem Kino, dass auch vermeintliche weibliche Wohnungsidyllen trügerisch sein können. 'Single White Female' ('Weiblich, ledig, jung sucht?', 1992) ist beispielsweise als Psychothriller nicht besonders meisterlich geraten, aber äußerst lehrreich in Sachen falscher Freundinnen, deren krankhafter Anhänglichkeit sich leider nur mit schwerer Gewalt beikommen lässt.
 
 
 
 
 
  Mag es auch noch so viele bemüht liebenswürdige WG-Komödien etwa aus Frankreich geben, die ein trautes Gemeinschaftsglück beschwören, mein dunkles Weltbild wird durch einen morbiden Klassiker des neuen britischen Kinos bestätigt. Danny Boyles Regiedebüt 'Shallow Grave' ('Kleine Morde unter Freunden', 1995) ist ein perfekter Leitfaden für alles, was man eher nicht machen sollte, wenn einer der Mitbewohner an einer Drogenüberdosis stirbt.

Wer kommunenähnlichen Wohnexperimenten möglichst aus dem Weg geht und am liebsten ganz alleine und ungestört haust, ist aber natürlich vor dem blanken Grauen nicht sicher.

Gruselige Besichtigungstermine, Treffen mit gespenstischen Vormietern, Kontakten mit diabolischen Maklern - all das macht nämlich bereits die Wohnungssuche in einer großen Stadt zu einer Erfahrung, gegen die Splattermovies wie purer Kinderkram wirken.
 
 
 
 
 
  Einer der wohl eindringlichsten Filme zum Komplex "Schlimmer Wohnen" trägt den schlichten deutschen Verleihtitel 'Der Mieter'. Roman Polanski führt in dem 1976 gedrehten Psychothriller nicht nur Regie, er spielt auch den schüchternen Einzelgänger Trelkovsky, der in eine schäbige Pariser Bruchbude einzieht. Eine Atmosphäre der Paranoia und Isolation durchzieht 'Le Locataire', die aufdringlichen Nachbarn treiben den jungen Mann allmählich in den Untergang.

Seltsame Hausgenossen umgeben auch die Protagonistin eines anderen Klassikers von Mister Polanski: In 'Rosemary's Baby' (1968) kümmern sich die Bewohner eines altehrwürdigen Gebäudes hingebungsvoll um die junge werdende Mutter Mia Farrow. Aber irgendetwas Bedrohliches schlummert hinter den freundlichen Fassaden der älteren Damen und Herren. 'Rosemary's Baby' ist möglicherweise in Gefahr...
 
 
 
 
 
  Die ultimative Albtraumwohnung zeigt David Lynch in seinem phänomenalen Debütstreifen 'Eraserhead' aus dem Jahr 1977. Der verstörte Henry Spencer (Jack Nance) lebt da mit seinem Kind in einem verdreckten Loch, irgendwo in einer anonymen Industriewüste. Eine tiefbassig brummende Geräuschkulisse durchzieht den Streifen, im dröhnenden Heizkörper tanzt eine deformierte Miniaturfrau, das fischähnliche Balg schreit in seiner Wiege quälend vor sich hin. Henry verfällt dem Wahnsinn und auch wir Zuseher trauen Augen und Ohren bald nicht mehr.

Es ist viel zu leicht, 'Eraserhead' bloß als surreale Stilübung abzutun, in Wahrheit verbirgt sich hinter den Schwarzweißbildern eine Parabel auf gestörte zwischenmenschliche Beziehungen, allein erziehende Väter und natürlich den Terror moderner Wohnverhältnisse.

Wie auch Polanski erweckt Lynch die beklemmende Stimmung eines Franz Kafka, zeigt Durchschnittsbürger, die machtlos von ihrer Umgebung in einen ausweglosen Abgrund gesogen werden.
 
 
 
 
 
  Weitaus komischer geht es in dem unterschätzen Hollywoodstreifen 'Duplex ('Der Appartement-Schreck', 2003) zu, auch wenn einem das Lachen öfter im Hals stecken bleibt. In dieser Satire konfrontiert der schauspielernde Regisseur Danny De Vito ein junges Ehepaar mit einer, milde ausgedrückt, etwas schrulligen Nachbarin.

Ben Stiller und Drew Barrymore freuen sich in 'Duplex' nur kurz über ihre teuer erworbene Maisonette in Brooklyn. Die nette und völlig unkündbare Oma (Eileen Essel), die in ihrer Dachkammer haust, entpuppt sich als Lärmterroristin und Nervensäge extraordinaire. So lange traktiert sie das Pärchen, bis es zum offenen Krieg kommt.

Das Böse lebt nebenan. Mir hat dieser Gross-Out-Klamauk, der stellenweise an die Derbheit der Farrelly-Brüder erinnert, echten Schrecken eingejagt. Und die resolute Pensionistin provozierte bei mir mehr niedrige Instinkte als jede 'Punisher'-Verfilmung. Aber wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, schon wirklich einmal mit Nachbarn so richtig im Clinch gelegen ist, der kann sogar über 'Apocalypse Now' nur noch schmunzeln...
 
 
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