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Wien | 20.12.2008 | 15:55 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
Alte Männer und das Kino
  Wenn Fernsehzuschauer verschiedenster Altersstufen über ihre Alltime-Lieblingsserien schwärmen, regiert schnell die pure Subjektivität.

Dabei lässt sich objektiv feststellen, dass in bestimmten Perioden einfach innovativere, spannendere oder gar subversivere Bildschirmware produziert wurde als in anderen Phasen. Ganz einfach, weil das jeweilige politische Klima, diverse gesellschaftliche Strömungen und der Zeitgeist an sich noch das harmloseste Stück TV-Unterhaltung prägen.

In Österreich etwa herrschte in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern eine kulturelle Aufbruchstimmung, die auch im Fernsehen spürbar war. Neben den Ermittlungen des Kommissar Kottan begeisterten vor allem die Gemeindebau-Abenteuer des Mundl Sackbauer und seiner Familie. Fluchend, saufend und stänkernd provozierte Karl Merkatz in 'Ein echter Wiener geht nicht unter' aber auch die bürgerlich-blasierten Teile der TV-Nation, was besonders leiwand war.

Beinahe drei Jahrzehnte nach der letzten Fernsehfolge kehrt die Working-Class-Ikone Mundl nun mit einem Kinofilm zurück.
 
 
 
 
 
  'Echte Wiener' zeigt Österreichs legendärsten Fernsehproleten kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag als emotionales Wrack. Mundls geliebtes Kleingartenhäusel muss einer Autobahn weichen, sein bester Freund Kurti liegt im Sterben, die Welt versteht der Sackbauer-Uropa ohnehin nicht mehr.

Aber auch die restliche Familie hat es alles andere als leicht. Seine Frau Toni verbittert hinter dem cholerischen Ehemann, die Kinder weichen dem Mundl ebenfalls aus und wurschteln sich halbwegs durch ihre Existenzen. Enkerl Rene, zu Zeiten der TV-Serie noch ein Baby, reifte zu einem depressiven Software-Spezialisten heran. Und dessen 13-jähriger Sohn wiederum übt sich als Emobub bereits im Komatrinken.

Auch in den späten 70ern hatten Mundl & Co. mit unzähligen Problemen zu kämpfen. Aber im damals aufblühenden Sozialstaat ließ sich das Leben mit derben Schmähs und witzigen Wuchteln noch irgendwie in den Griff kriegen. Anno 2008 hat die Hacklerdynastie auf der Leinwand ebenso wenig zum Lachen wie der Zuschauer im Saal.

Dunkle Zeiten im Gemeindebau also und im Grunde beinahe ein Stoff für Ulrich Seidl und die heimische Deproschule des Films. So weit trauen sich Mundl-Erfinder Ernst Hinterberger und Regisseur Kurt Ockermüller dann aber doch nicht zu gehen. Mit einer ausgesprochen biederen Inszenierung steuert der Film seiner eigenen Melancholie entgegen.

'Echte Wiener' ist leider nicht mehr als eine tränenreiche und vor Verbitterung strotzende Nostalgieveranstaltung, für einstige Fans only.
 
 
 
 
 
  Einen Groll gegen die Welt hegt auch der alte Mann, der im Zentrum des koreanischen Streifens 'Hwal - Der Bogen' steht, der jetzt bei uns anläuft. Immer wenn sich unliebsame Besucher seinem Fischerboot nähern, jagt der grimmige Opa ihnen ein paar Pfeile hinterher.

Dabei lebt der weißhaarige Protagonist nicht alleine auf dem Meer: Da ist auch noch ein Mädchen bei ihm auf dem Boot, das seit seinen Kindheitstagen nicht mehr das Festland betreten hat. Die dubiose Absicht des Alten: Er will seine schöne und stumme Gefangene heiraten, sobald sie 17 geworden ist.

Es wäre kein Film von Kim Ki-duk, wenn die junge Frau ihrem Schicksal nicht milde entgegenlächeln würde. Das Kino des Südkoreaners dreht sich immer um verbotene Liebschaften und ungesunde Leidenschaften, um Beziehungen, die im Zeichen von obsessiven Abhängigkeiten stehen.

Was Kim Ki-duk als Regisseur so kontrovers macht: Er prangert die emotionale Unterwerfung eigentlich nie an. Seine Opfer fügen sich willig in ihre Rolle ein und scheinen die eigene Machtlosigkeit oft sogar zu genießen. Dass die herrischen Unterdrücker meist reifere Männer und die Ausgebeuteten junge Frauen sind, glättet die Wogen nicht gerade.
 
 
 
 
 
  Wer an künstlerisches Kino die Maßstäbe der Aufklärung anlegt, tat sich mit den Filmen von Kim Ki-duk wohl nie leicht. Die Anhänger des Regisseurs, zu denen früher auch der Schreiber dieser Zeilen zählte, ließen sich einfach von bildgewaltigen und wortkargen Parabeln überrollen, die die Maßstäbe der Vernunft außer Kraft setzten.

Aber die heftige, radikale Romantik, die alle gesellschaftlichen Regeln überschreitet, wich in Kim Ki-duks Filmen in den letzten Jahren einer trügerischen Beschaulichkeit. Wirkten seine frühen Arbeiten wie ein Schlag in die Magengrube, versteckt er die Provokation zunehmend in meditativer Ruhe. 'Hwal', Kims zwölfter Streifen, führt diesen Weg fort.

Wir werden von Szenen einer vermeintlichen Idylle eingelullt, auch die Musik plätschert lieblich dahin. Erst als ein junger Student bei einem Angeltrip an Bord des Fischerboots kommt, ändert sich die Stimmung. Verliebt sich die junge Gefangene doch in den Burschen und zeigt ihrem alten Bräutigam erstmals die kalte Schulter.

Aber dieser langatmige Film endet weder in einer Katastrophe noch einer kathartischen Befreiung. Stattdessen bietet 'Hwal - Der Bogen' ein mystisches Happy End, bei dem der Regisseur den Bogen wirklich überspannt. Mehr als eine buddhistisch verbrämte Altmännerfantasie ist Kim Ki-duk da nicht gelungen, mein einstiges Fantum macht jetzt erstmal Pause.
 
 
 
 
 
  Weil wir gerade bei alten Männern und ihren Fantasien sind: Der neue Woody Allen ist ja auch schon letzte Woche bei uns angelaufen. Und damit ich euch noch eine kleine Empfehlung geben kann, abseits der echten Wiener Tristesse und der südkoreanischen Fadesse, ein paar Zeilen dazu.

Ich will gar nicht verschweigen, dass 'Vicky Cristina Barcelona' in der FM4-Filmredaktion äußerst umstritten ist. Für mich funktioniert dieses mediterrane Partnertauschspielchen so, wie ich mir den perfekten Popsong vorstelle: Es gibt eine schimmernde, zugängliche, massenkompatible Oberfläche und darunter schlummern ein paar nicht ganz so angenehme Wahrheiten.

Im konkreten Fall des Films rückt Woody Allen die touristischen Glanzseiten von Barcelona in ein warmes Sommerlicht und lässt dazu ausgesucht attraktive Darsteller in allen Varianten miteinander flirten. Glücklicherweise kann Herr Allen aber nicht aus seiner Haut und so werden wir nebenbei mit der fundamentalen Unmöglichkeit von Beziehungen konfrontiert.

Dabei erteilt der Film via Scarlett Johansson, Rebecca Hall, Javier Bardem und Penélope Cruz sämtlichen L'Amour-Varianten eine pessimistische Absage: Sowohl der funktionale Ehekompromiss als auch die befreite Menage à trois führen ins Leere, bleibt nur noch der düstere Abgrund unerfüllter Obsession und zerstörerischer Affären.

Letztlich ruht unter all dem schicken Schein beim alten Woody mehr Substanz und Weisheit, als wenn sich diverse Hollywoodkollegen an ähnliche Fingerübungen wagen. Ich spazierte einerseits bestens gelaunt, aber wehmütig zugleich aus 'Vicky Cristina Barcelona', mehr verlange ich oft nicht von einem Film.
 
 
 
 
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