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Wien | 29.12.2008 | 16:33 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
Rewind '08: Das Filmjahr
  Was wurde eigentlich aus den strahlenden Siegertypen des klassischen Hollywoodkinos? Wo sind die edlen Verfechter der Moral und der bürgerlichen Werte hin, die in so vielen Erfolgsstreifen am Ende triumphieren? Sind die Teufelskerle und Haudegen, die unbeirrt ihren anständigen Weg gehen, mittlerweile Geschichte?

2008 gehörte die Leinwand jedenfalls viel glaubwürdigeren Figuren: rabiaten Egoisten und strauchelnden Verlierern, verbitterten Rächern und verstörten Vigilanten. Die Antihelden, die schon länger durch diese Dekade geistern und weite Teile des Indiekinos dominieren, sie unterwanderten heuer auch auf breitester Ebene den Mainstream.

Dank dieser revolutionären Entwicklung konnte man als emotional, philosophisch und politisch gebeutelter Zuschauer plötzlich zu den abgehobensten Blockbustern einen persönlichen Bezug herstellen.

Das Tschinn-Bumm-Kino, die ewige Spielwiese des blinden Eskapismus, rückte einem dank wunderbar neurotischer und defekter Charaktere ganz nahe. Noch im überzogensten Genrewerk entdeckte man Parallelen zur eigenen Zerrissenheit oder zum verschrobenen Freundeskreis.
 'The Dark Knight'
 
 
Zwiespältige Blickwinkel
  Am auffälligsten nutzte diesbezüglich Christopher Nolan die Tatsache, dass notorisch wertkonservative Kollegen wie Michael Bay und George Lucas heuer pausierten und Steven Spielberg auch nur einen altersmüden, verbrauchten Indiana Jones ins Box-Office-Rennen schickte. Ohne ernsthafte Konkurrenz brach 'The Dark Knight' als gigantomanisches Eventmovie etliche Rekorde und konfrontierte die Besuchermassen zugleich mit einem hochgradig zwiespältigen Blickwinkel auf die Welt.

In der Auseinandersetzung von Batman und dem Joker verschwammen die Grenzen von Gut und Böse zu einer gespenstischen Grauzone, so wie eben in der wirklichen CNN-Realität da draußen - oder auch im eigenen schnöden Privatleben.

Bei weitem nicht so avanciert, aber trotzdem auf spannende Weise ambivalent, gaben sich auch andere Vertreter des Comickinos: Mit 'Hellboy 2' gelang Guillermo del Toro wieder einmal eine Ode an das freakige Außenseitertum, verpackt in ein knalliges Fantasyspektakel. Der 'Incredible Hulk' zeigte neben bombastischer CGI-Action auch einen gehetzten Ed Norton als tragischstem Protagonisten des Marvel-Universums.

Inmitten all der frustrierten Antihelden, denen neben endlosen Gefechten kaum Zeit für beziehungstechnische Geplänkel bleibt, wirkte der große Robert Downey Jr. als hedonistischer Playboy schon wieder erfrischend. Aber sobald der virile Tony Stark in die Rüstung des 'Iron Man' schlüpft, muss die Libido auch wieder warten. Der Kampf für das Gemeinwohl und gegen den Terrorismus lässt keinen Raum für Intimitäten.

 'Iron Man'
 
 
Einsame, impotente Wölfe
  Es scheint, als haben sich die toughen Kerle, die im Kinocenter und in der Videothek den Ton angeben, vom Gedanken an körperliche Nähe oder gar ein Haucherl Sex schon verabschiedet.

Sogar vor James Bond, einst Sinnbild des cocktailschlürfenden Verführers, machte die Krise des modernen Actionhelden nicht halt. Eindringlich verkörperte Daniel Craig im ansonsten eher enttäuschenden 'Quantum Of Solace' den Superagenten als gestresste, verwundete Kampfmaschine, die effizient tötet, aber nur mehr keusche Küsse austauscht.

Was man auch sagen muss: Während 007 durch diese Verdrehung der Figur mehr menschelte denn je, trieben andere Filme die Glorifizierung des einsamen, manischen, impotenten Wolfs eher dämlich auf die Spitze.

Vernachlässigbare Videogame-Adaptionen wie 'Max Payne' mit ihren falsch verstandenen Noir-Klischees fallen mir da ebenso ein wie der überstylte Gewaltkracher 'Wanted', der die Grenze vom nihilistischen Bubentraum zur zynischen Amokfantasie kalkuliert überschritt. Nicht zu vergessen das Comeback der Achtziger-Ikone 'Rambo' im hysterischsten digitalen Metzel-Epos des Jahres.

 'Quantum Of Solace'
 
 
Humor und Herzenswärme
  Von der unfreiwilligen Komik diverser überzogener Actionspektakel bis zur bewussten Comedy ist es oft nicht weit. Ich erinnere mich nur an wenige Lacher während der Pressevorführung von 'Tropic Thunder', weil Regisseur Ben Stiller seinen wahnwitzigen Vietnamkriegsklamauk eben so nahe an den blutigen Vorbildern ansiedelte, dass die versammelten Kritiker scheinbar verunsichert wirkten.

Im Fach der eher romantisch angehauchten Komödie demonstrierte das US-Kino, dank des genialen Produzentengurus Judd Apatow, heuer wieder einmal seine Führungsposition. Ein Streifen wie beispielsweise 'Forgetting Sarah Marshall', mit Jason Segel als mitreißend verkorkstem Loser, verquickte Massenappeal und sprühende Intelligenz, Humor und Herzenswärme, Witz und Weisheit derartig spielerisch, dass es schon wieder große Filmkunst ist.

Ebenso mühelos zwischen tragischen Momenten und befreiendem Lachen pendelte 'In Bruges', die Geschichte zweier britischer Auftragskiller, die in einem belgischen Touristenstädtchen stranden, einer meiner Favoriten 2008, mit einem fantastischen Colin Farrell.

Dass all die bisher erwähnten Filme, ob auf actionlastige oder komische Art, leider nur von den Problemen weißer, heterosexueller Männer erzählen, dürfte zwischen den Zeilen schon herausgekommen sein. Gerade mal Ellen Page als 'Juno' bot als nerdiges Vorzeige-Grrl Identifikationsflächen für die Indie-Fraktion unter den Kinogängerinnen.

 'Forgetting Sarah Marshall'
 
 
Männliche Psychosen
  In den Filmen des Jahres, die die langfristigsten Erschütterungen hinterließen, agierten Frauen nur in Nebenrollen oder blieben, wie in Paul Thomas Andersons Meisterwerk 'There Will Be Blood', ganz im Hintergrund. Auf der anderen Seite ist diese Absenz bei einem so sensiblen Regisseur auch wieder als Statement zu werten: Näher ist seit langem kein Streifen der psychotischen männlichen Natur gekommen als dieses Ölsucher-Epos mit dem phänomenalen Daniel Day-Lewis.

Die Schattenseite der amerikanischen Westernmentalität und ihrer maskulinen Ideale offenbarte sich auch grausam-komisch im besten Coen-Brothers-Werk seit Ewigkeiten. 'No Country For Old Men' barg so viel stilistische, inhaltliche und schauspielerische Substanz, dass sich eine belanglose Fingerübung wie 'Burn After Reading' leicht verschmerzen ließ.

Die verheerenden Folgen eines falsch verstandenen Machismo sind auch ein Teil des kriminellen Mosaiks, das Matteo Garrone in seiner schockierenden Mafia-Analyse 'Gomorrha' entwarf.

Am persönlichsten hat mich unter all den großen Filmen heuer eine relativ kleine Produktion des über achtzigjährigen Altmeisters Sidney Lumet berührt. 'Before The Devil Knows You're Dead', diese griechische Tragödie im Thrillergewand, präsentierte ein wahres Antihelden-Pandemonium. Wer in all den Abgründen nicht wenigstens Spuren seiner Familie, Freunde, von sich selbst erkennt, wird den therapeutischen Aspekt des Kinos nie verstehen.

 'Before The Devil Knows You're Dead'
 
 
Very own private Filmliste 2008
  'Before The Devil knows you're dead', 'There Will be Blood', 'Control', 'No Country For Old Men', 'The Dark Knight', 'In Bruges', 'The Mist', 'I'm Not There', 'Gomorrha', 'In 3 Tagen bist du tot 2', 'Forgetting Sarah Marshall', 'Tropic Thunder', 'Iron Man', 'We Own The Night' (DVD), 'Rec', 'Son Of Rambow', '3:10 To Yuma', 'Vicky Cristina Barcelona', 'Sweeney Todd', 'Shine A Light', 'Ne le dis à personne' (DVD), 'La Sconosciuta' (DVD)

 'There Will be Blood'
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