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Wien | 25.6.2001 | 22:16 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
Grantscherben attacks again: Das Foetus-Comeback
  Was tut man(n) eigentlich so, als eingefleischter Grantscherben, notorischer Schwarzmaler und hochgradig paranoider Misanthrop, wenn einen das Leben gerade besonders schlimm hernimmt? Schwierige Sache. Die Lebenspartnerin hat sich endgültig vertschüsst. Ein vertrauliches Gespräch mit engen Freunden wäre ganz gut, aber dazu müsste es mal welche geben. Sich von dahergelaufenen Ärzten in ein triviales psychologisches Schema einteilen lassen, hilft auch nicht weiter. Da kann man genauso gut allein zuhause, in der Eremitenkammer, auf der Couch liegen und Monologe führen. Hallo, Freund Alkohol! Hallo auch, sehr verehrte illegale chemische Substanzen!
 
 
 
  Eine Option hat unser an der Welt leidender Patient aber noch: Er wird Künstler. Am besten Rockmusiker, denn da kann man seine Befindlichkeiten sogar anderen Leute direkt von der Bühne ins Gesicht spucken - und die zahlen auch noch dafür. That's it, perfekt, bis auf ein Problem: Die lästigen anderen Musiker in der Band. Unerträglich, der Gedanke, sich mit einem Haufen unverlässlicher, neidischer, dämlicher Exemplare der menschlichen Spezies herumzuschlagen.

 Die 80er: A foetus is born...
 
 
"Eine Weile war ich in einer Band, aber ich mochte dieses diplomatische Agieren überhaupt nicht. Ich wollte Erfolg haben oder abstürzen, aber nach meinen eigenen Regeln und nicht mit irgendeiner blöden Jazzrock-Gitarre dabei"
  Unser Protagonist, nennen wir ihn einfach mal Jim Thirlwell, hat eine Lösung: Wer braucht schon Mi(e)t-Musiker, wenn es doch auch als Einmann-Band geht. Die Zeit, wir schreiben gerade Mitte der 80er, kommt ihm entgegen. Keyboards und Drumcomputer gehören dank Synthie-Pop und frühem Hip Hop zum Zeitgeist, durch Tricks kommt Mr. Thirlwell in diversen Studios an (damals noch unerschwingliche) Sampling-Gerätschaften ran. Fertig ist die einzelgängerische Phantom-Combo. Statt einem knalligen, griffigen Namen fallen Jim gleich mehrere ein: Foetus Under Glass, Foetus Art Terrorism, Scraping Foetus Of The Wheel.

 
 
  Die 80er helfen Foetus auch noch auf andere Weise: Hasserfüllt-dunkle Manifeste gegen die moderne Zivilisation zu verfassen, ist damals nämlich extrem angesagt. So wie sich anno 2001 jede Band ihres gesunden Optimismus verkaufsfördernd rühmt, versumpfen in den frostigen Eighties nicht wenige Hipster im Weltekel. Wobei sich bald erweist, dass der wahre Hardcore-Stoff, abseits der wehleidigen britischen Prä-Gruftie-Truppen, aus New York kommt. Dort basteln Sound-Terroristen wie die Swans oder Lydia Lunch an einem betonharten Ritual-Sound, der Metal wie konservativen Kinderkram klingen lässt. Ein idealer Platz zum Leben, findet Jim Thirlwell und lässt sich Begriffe wie "Asphaltdschungel" oder "Großstadtmoloch" auf der Zunge zergehen.

 Ein Mann und seine Sonnenbrillen-Kollektion: Jim "Foetus" Thirlwell
 
 
"Ich denke, meine Arbeit ist durchaus massenkompatibel, man müsste Leute nur dazu bekommen, es sich anzuhören"
  So, könnte spätestens jetzt die Frage kommen - was ist denn nun der besondere Verdienst dieses schlechtgelaunten Herren? "Leidender Künstler" zu sein, ist doch wohl ein bisschen wenig, oder? Berechtigter Einwurf. Vielleicht ist es nicht unwichtig zu erwähnen, dass Mr. Foetus einer der größten Innovatoren im Bereich der so called Alternative Music ist (früher: "Underground"), den heute kaum wer kennt. Der Exil-Australier (siehe auch unter Cave, Nick) leistete nicht nur samplingtechnisch extreme Pionierarbeit. Er mixte auch als erster scheinbar konträre Genres wie Electro und Rock, Filmmusik und Rap, Opern-Bombast und Industrial-Noise, lange vor der dubiosen Schublade "Crossover". Ein Gutteil der intelligenten, coolen und erfolgreichen Härtlings-Bands der Gegenwart verdankt sich irgendwie seinen Forschungen.

Wobei Foetus eines von vielen Nachzüglern unterscheidet: Bei aller Bösartigkeit den Mitmenschen gegenüber, gehört tiefschwarzer Humor als fixer Begleiter zu seinem Schaffen. Und eine plakative Überzogenheit, die jedes kleinste seelische Wehwehchen zu einem gigantischem Comic Strip aufbläst. Da rast das Foetus-Monster im pinkfarbenen Cadillac durch einen Kosmos, in dem es vor mörderischen Cops und herumlungernden Serienkillern nur so wimmelt, da stehen verrückte Prediger, Geisteskranke und Femmes Fatales am Straßenrand Schlange. Und das viele Jahre vor Quentin Tarantino und Oliver Stones "Natural Born Killers"

 Im Monster-Schlitten durch den Glam-Industrial-Jazz-Pop-Horror-Rock Kosmos rasen: Jim "Evil Knievel" Thirlwell
 
 
"Ich habe meine eigene Religion, die Foetus-Religion, und es gibt nur ein einziges Mitglied, und das bin ich"
  Ein berüchtigtes Sub-Genre erfand Thirlwell 1986 quasi im Alleingang mit dem Album "Dirtdish" seines Projekts Wiseblood: Industrial Rock. Erst Jahre später fand ein Journalist das passende Etikett für die Mischung aus brutal verzerrten Gitarren und Samplingattacken. Da benutzten Bands wie Ministry oder Nine Inch Nails schon die Blaupausen von Maestro Foetus, machten den Stil massenkompatibel und dankten dem Erfinder dafür auch recht schön. Der langweilte sich aber bereits mit den Zusammenprall von Schwermetall und Elektronik. Dann schon lieber Rotlicht-Barjazz und Richard Wagner, Duke Ellington und Charles Manson.

Der Output von Foetus während der 80er und frühen 90er ist enorm. Sein Alkohol- und Suchtgiftkonsum auch. Irgendwie klappt die Sache mit der Katharsis und dem therapeutischen Effekt der Musik nicht so ganz. Und während im Zuge der Alternative Rock-Explosion der early Nineties viele Musiker ihr verdientes Stück vom großen Kommerz-Kuchen abzwacken, Filme von Oliver Stone vertonen oder leichtes Werbespot-Geld kassieren, sitzt Foetus alleine in seinem Wohnungsbunker in Brooklyn und verpasst die abfahrenden Züge. Sein letzter Versuch, bei einem Majorlabel mit dem Album "Gash" zu punkten, geht daneben. Zu desolat sind die Wahrheiten, die unser Patient verbreitet, zu verschroben die Musik für die Industrial Pop-Zielgrupppe.

 
 
"Ich hatte einen Nervenzusammenbruch auf der Bühne. Ich weinte andauernd während des Auftritts und endete danach im Spital"
  Schließlich beginnt Jim Thirlwell, tief in der Krise, dann auch noch die eigene Reputation zu demolieren. In den späten 90ern, wo überall spannende Elektronikacts punkten, Techno, Hip Hop und Trip Hop florieren und auch Lounge-Music abräumt, zieht sich der Sampling-Godfather trotzig in den Schweinerock zurück. Echt kein guter Schachzug, zumal der einstige De Sadsche Serialkiller des Underground auf der Bühne herumtorkelt wie ein schwerst bedienter Helge Schneider. Das hat natürlich, in aller Lächerlichkeit, etwas schwer Ergreifendes. Ist doch die interessanteste Elvis-Phase nicht der junge, schneidige Rockabilly-Rebell, sondern die Las Vegas-Zeit mit ihren Exzessen, dem Stolpern, dem Zusammenschießen der Fernseher. Deep, down and dirty. Für Jim Thirlwell muss das sehr unlustig gewesen sein.

 Hallo Alkohol, hallo chemische Substanzen: Foetus in seiner weniger kreativen Phase...
 
 
"Alle meine Platten sind autobiografische Tagebucheintragungen. Ich rede darauf mit MIR über MICH"
  Traurig, wenn Ikonen ein wenig sterben. Umso besser, wenn sie sich wieder erfangen. Ladies und Gentleman, auch wenn's vielleicht nicht mehr die Massen interessiert, aber: The mean Foetus-machine is back in town. "Flow", das neue Machwerk des Meisters, schließt wieder an alte Großtaten an, unterhält mit lustigen Songs über Persönlichkeitsspaltung und mörderische Liebeleien, verquickt bunte Obszönitäten und Gewalttätigkeiten mit echt klasse Soundtracks für aufgeschlossene Psychopathen-Freunde aller Alterstufen und Geschlechter. Bevorzugte Waffe wieder: das Sampling-Keyboard. Irrwitzige Percussionorgien, brachiale Klangdramaturgie, sleazy Loungadelica aus dem Giftschrank, betonharte Gitarren. Industrial als hyperbeschleunigter Cartoonstreifen und Jim Thirlwell mittendrin mit kleinen Teufelshörnchen. Welcome back, Foetus.

 Back in 2001: Jim Thirwell in seinem Heimstudio in Brooklyn...
 
 
  Ein großes Special zum neuen Foetus-Album "Flow" am Mittwoch im "House Of Pain" (22h-0.00h) auf FM4. Foetus live im September im Wiener Flex.

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  foetus.org
   
 
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