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Wien | 18.5.2002 | 12:52 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
Gefangen im Netz
  Ich glaube, ich muss jetzt ein bisschen sentimental werden. Und ja, auch nostalgisch. Es geht hier schließlich um jemanden, der in meiner Kindheits-Ikonen-Top Ten einen Spitzenplatz einnimmt. Beziehungsweise einnahm. Denn, zugegeben, ich habe Peter Parker schon ziemlich lange aus den Augen verloren. Während ich die Karriere von Godzilla noch immer ganz genau verfolge und mir jede coole Bruce Lee-Reliquie kralle, derer ich wo habhaft werde, verstauben zwei unauffällige Spider-Man-Miniaturen irgendwo im Schlafzimmer-Regal. Ich hätte gute Lust, das jetzt zu ändern. Eine fette Action-Figur vom Netzschwinger anzuschaffen. Sam Raimi hat meinen Spinnensinn wieder reaktiviert.
 
 
  Nachdem die diversen Trailer bei mir Skepsis schürten (erst der allerletzte gab Anlass zur Hoffnung), da könnte sich ein rasend schnelles und gleichzeitig seelenloses Spektakel anbahnen, überraschte das Endprodukt um so mehr. "Spider-Man" funktioniert. Soll heißen: Irgendwo in diesem Film, der durchaus auch einige Schwachstellen hat, pulsiert der Spirit von Stan Lee, schlägt das mächtige Marvel-Herz. Nach den recht formidablen "X-Men" ein weiterer Streifen, der beweist, dass Comicverfilmungen doch nicht das unmöglichste Unterfangen der Welt sind. Breiten wir übrigens an dieser Stelle mal lieber den (Leder-)Mantel des Schweigens über "Blade 2".

 "The Amazing Spider-Man" in der amerikanischen TV-Version von 1978...
 
 
Schüchtern wie du und ich
  Ich habe zwar nicht geweint bei "Spider-Man" so wie der gute Harry Knowles. Aber ich war gleich am Anfang gerührt und bestens gelaunt gleichzeitig, wenn der berühmteste Geek der Comickultur von Sam Raimi stilgemäß eingeführt wird. Peter Parker versäumt wieder einmal fast den Schulbus und wird dafür von Flash Thompson richtig zur Sau gemacht. Schulbusse, fällt mir da ein, das blanke Grauen. In genau so einem Höllengefährt voller Nervensägen habe ich versunken die Hefte verschlungen, die in einer fernen Zeit noch den Titel "Die Spinne" trugen...

 Spider-Man in der österreichischen Super 8-Version, 1979, directed by you very own Webhost...
 
 
  Peter Parker hat mich damals identifikationstechnisch um Klassen stärker erwischt als die guten Vertrauten Clark Kent und Bruce Wayne. Der Kryptonier strahlte so viel Edelmut und Übermenschlichkeit aus, das erinnerte schon fast an den Religionsunterricht. Die dunkle Gespaltenheit von Batman verstand ich wiederum erst viel später so richtig, dank Frank Miller. Peter P. dagegen war ein einfach verwirrter Schüchterling wie du und ich. Ein stiller Brüter und Bücherwurm, mit jeder Menge Troubles. Wozu ich jetzt gar nicht mal die Gefechte mit Doctor Octopus oder dem Grünen Kobold zähle. Sondern prä- und postpubertäre Hormonstaus, (Taschen-)Geldmangel, Ermahnungen durch die Erziehungsberechtigten. All that teenage bullshit. Probleme, die in meinem Leben irgendwann von anderen abgelöst wurden, so wie "Spider-Man" von neurotischeren, härteren Comic-Antihelden.

 Das Spider-Man-Kostüm, genähnt von der braven Webhost-Tante...
 
 
Thou shalt love your hero
  Zurück zum Film. Es ist im Blockbuster-Business mehr als die halbe Miete, einen Hauptdarsteller zu haben, der einen Streifen locker auf seinen Schultern trägt, anstatt - hat da wer Hayden Christensen gesagt? - gleich in der ersten Szene darunter zusammenzubrechen. Tobey Maguire IST Spider-Man, von der Eingangseinstellung im Schulbus an. Sein Weg war ja quasi schon vorgezeichnet, als er im genialen "The Icestorm" einen verträumten Marvel-Freak mimte. Ein anständiger Bösewicht (Hayden? Christensen?) schadet natürlich auch nicht. Willem Dafoe schüttelt den Green Goblin aka Norman Osbourne mal ganz locker mit breitestem "Wild at Heart"-Grinsen aus dem Handgelenk.

 Er IST Spider-Man: Tobey Maguire
 
 
  James Cameron, dessen Herzensprojekt "Spider-Man" jahrelang war, hätte sicher die Auseinandersetzung dieser Erzfeinde erheblich düsterer inszeniert als Sam Raimi. Aber die knallig-bunte Vision des "Evil Dead"-Schöpfers geht ebenfalls auf. Schließlich ist "Spider-Man", trotz aller Zerrissenheit und Teenage Angst, keine Erwachsenen-Comicfigur. Kein kranker Miller-Batman, Preacher oder John Constantine. Sondern wunderbares Popkultur-Allgemeingut. Raimi versteht und verehrt seinen Helden, das ist das Wichtigste. Der Film hat seine Momente sprühender Ironie, aber niemals steht er auch nur eine Sekunde ÜBER den Charakteren. Ein echtes Fanmovie, das so nebenbei gerade mal zu einem der erfolgreichsten Werke aller Zeiten mutiert...

 
 
Menschelnde Spinne
  Was ist noch super? Die Schönheit von New York, die dieser Film in etlichen Bildern transportiert. Das Kostüm natürlich. Sieht unglaublich funky aus und gar nicht wie ein Typ in langen Unterhosen und Socken. Liebevoll gewürdigte Nebenfiguren wie Zeitungszar J. Jonah Jameson bringen Bonuspunkte. Dann das herrlich klassische Timing zwischen kontemplativen Momenten und Actionsequenzen (nicht auszudenken, hätten Satansjünger wie Michael Bay oder Roland Emmerich ihre Klauen im Spiel gehabt). Entgegen meinen Befürchtungen klappt auch das Herumsausen auf den Dächern. Klar ist das eine CGI-Orgie sondergleichen, aber abgesehen von einigen ach-zu-sterilen Ausrutschern okay. Manchmal durchaus atemberaubend.

Weniger gut: Das starre Kostüm des Goblin, hinter dem der begabte Herr Dafoe völlig verschwindet. Der Showdown, der ruhig etwas monumentaler ausfallen hätte können. Sowie die immer leicht quälende Kirsten Dunst (die anscheinend von einer genetisch enhancten Spinne in die Brüste gestochen wurde) als Mary Jane Watson, Spideys Angebete.

 
 
  Für mich ist die Sommer-Blockbusterschlacht bereits entschieden. Ich bin gefangen im Netz. Sicher, da kommt noch "Austin Powers" im dritten Anlauf daher. Das ist eine andere Fangeschichte, aber irgendwie außer Konkurrenz. Meine "Star Wars"-Figuren habe ich jedenfalls vor Ewigkeiten mal verschenkt und keine Lust, sie zurückzuverlangen. George Lucas, der alte Technokrat von der Skywalker Ranch, verliert mit jedem erneuten Sternensaga-Aufguss mehr vom Hauch des Menschlichen (und der aktuelle Aufguss ist sogar recht passabel). Sam Raimi dagegen menschelt im besten Sinn. So wie Peter Parker, der alte Netzschwinger von nebenan. Ich werde die Kiste mit den vergammelten Comics wieder hervorkramen. Go Web, go!


Gewidmet Oliver Ambrosch und dem Team von "Die Spinne schlägt zu".

 "Spider-Man", 2002
 
 
"Spider-Man" startet am 6. Juni 2002
 
 
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