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Wien | 30.6.2002 | 13:03 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
Lesestoff: Der Simulant
  "Niemand habe geahnt, wie langweilig das werden würde, wenn die ganze Welt eingezäunt und tempobegrenzt und aufgeteilt und besteuert und reguliert wäre, wenn jeder Mensch getestet und eingetragen und adressiert und registriert wäre. () Die Gesetze, die uns Sicherheit bieten, ebendiese Gesetze verurteilen uns zu einem langweiligen Leben. Ohne Zugang zum echten Chaos werden wir niemals den wahren Frieden finden. Solange nicht alles noch schlimmer werden kann, wird es niemals besser werden. So was hat ihm die Mutter erzählt."

Im Grunde, folgern die Bücher von Chuck Palahniuk, schlagen wir doch alle bloß auf verschiedene Weisen die Zeit tot. Zum einen mit der erquickenden Fülle beruflicher Entfaltungsmöglichkeiten, in die uns die moderne Welt hineindrängt, von narkotisierenden McJobs und inhumanen Schinderabeiten bis zu ach-so-stimulierenden Kreativberufen und ihrer luxuriösen Form des Leistungsdrucks. Zum anderen mit den bereit gestellten Mitteln zur "Frei"-Zeit-Gestaltung, egal ob wir jetzt auf Blockbuster oder Fußballüber-tragungen stehen, total aktiv ein Wellness-Wochenende verbringen oder eingelullt von Goa-Trance in den Morgen raven.
 Chuck Palahniuk
 
 
There is no exit sign
  Wahrscheinlich, und das ist gleichzeitig befreiend wie noch mehr deprimierend, sind auch die Leute, die uns von Geburt an in diese perfekt organisierte Zeittotschlags-Maschinerie einspannen, selber Opfer davon. Ziemlich sicher sind alle forcierten Gegner, bis hin zum militanten Terroristen, ausbruchssicher gefangen in diesem Apparat. Von der letzteren Vermutung handelt der Debütroman des US-Autors Palahniuk, der vor allem in seiner adäquaten Verfilmung Aufsehen erregte: "Fight Club".

Ein namensloser Erzähler, vom Autor als prototypische westliche Arbeitsdrone charakterisiert, wagt den Radikal-Ausstieg. Mutiert zum schizophrenen Anführer einer urbanen Guerilla-Truppe. Repetiert am Ende selbst sämtliche Zivilisations-Macken auf übersteigerte, blutige Weise. "Fight Club", geschrieben 1996, weist in eine Richtung, die Palahniuk seither konsequent weiterverfolgt. Von "Invisible Monsters" über "Survivor" (beide 1999) bis hin zum aktuellen Werk "Choke" (2001) erzählen sämtliche seine Veröffentlichungen vom Vakuum hinter der Zeittotschlags-Idylle.

 "I want you to hit me as hard as you can..."
 
 
Ganz normal dysfunktional
  Hochgradig dysfunktionale Anti-Helden taumeln da durch die banalen Abgründe des Hier und Jetzt, suchen ihr Heil in den Versprechungen der Schönheitsindustrie, bei religiösen Sekten oder - ein fixes Thema des Autors - in einer der unzähligen Selbsthilfegruppen. Bis es irgendwann mal schwer kracht im emotionalen Gebälk dieser Figuren und die coolen Jobs, glamourösen Stylingversprechungen oder die meditative Erlösung sich als riesengroßer Fake entpuppen. Was zurückbleibt, sind Enttäuschung, Leere, manchmal brodelnde Aggression.

Der erste Schritt, den Palahniuks ProtagonistInnen (bis auf "Invisible Monsters" sind es stets Männer) dann setzen: Sie gestehen sich und manchmal auch anderen ihre Lebenslüge ein, in drastischer Offenheit. In langen, oft inneren, Monologen kommt eine Schicht zum Vorschein, die unsichtbar unter allen Zeittotschlags-Mechanismen liegt. Versteckte Zwänge, geheime Süchte, sorgfältig kaschierte Leidenschaften. Eine Schicht, die viele von uns verborgen vor den Freunden, dem Partner, den Eltern ausleben, entweder nur im Kopf oder im Internet, in einem geheimen Doppelleben oder im Swingersclub.

 Ganz normaler Alltagsverlierer aus dem Palahniuk-Universum: Ed Norton in "Fight Club"
 
 
  "Von jedem dieser Männer und Frauen hast du schon jahrelang gehört (...) Diese Leute sind der Grund, warum es auf jeder Notfallstation einen Bohrer mit Diamantspitze gibt. Damit werden die dicken Böden von Sekt- und Seltersflaschen angebohrt. Um den Unterdruck aufzuheben. Das hier sind die Leute, die nachts ins Krankenhaus wanken und behaupten, sie seien ausgerutscht und auf eine Zucchini gefallen, auf eine Glühbirne, eine Barbiepuppe, auf Billardkugeln, auf eine Wüstenspringmaus. Siehe auch: Billardstock. Siehe auch: Kuschelhamster.

Sie sind in der Dusche ausgerutscht und haargenau auf eine glitschige Shampooflasche gestürzt. Ständig fallen irgendwelche Unbekannten über sie her und attackieren sie mit Kerzen, Basebällen, hart gekochten Eiern, Taschenlampen undf Schraubenziehern, die dann entfernt werden müssen. Hier sind sie, die Männer, die in der Zulaufdüse ihres Whirlpools stecken bleiben."

 
 
Sex statt Sonnenuntergänge
  Diese äußerlich unauffälligen Typen, die Victor Mancini, der Erzähler in "Choke" (dt. "Der Simulant") in anonymen Sitzungen für Sexsüchtige trifft, sind Extremfälle. Aber Mr. Palahniuk macht uns schnell klar - wir alle brauchen regelmäßig körperliche Kicks, kleine und große Ekstasen und Entgrenzungen; physische Fluchten aus dem Räderwerk von Job und normierten Freizeitparks. Für Victor ist das eindeutig Sex.

"Selbst die schlechteste Nummer mit dem Mund ist immer noch besser als, sagen wir, an der besten Rose zu riechen.den großartigsten Sonnenuntergang zu betrachten. Kinder lachen zu hören. Ich glaube, ich werde niemals ein Gedicht lesen, das so herrlich ist wie ein Orgasmus, der einem die Eingeweide rauschleudert. Bilder malen, Opern komponieren - so was macht man nur, bis man die nächste Nummer schiebt."

Der lethargische Ich-Erzähler in "Fight Club" lebte auf, wenn er Schläge austeilen konnte, Schmerz verursachte oder selbst spürte. Der Blutgeschmack im Mund als Versicherung, doch mehr zu sein als ein Copy & Paste-Wesen. Victor fühlt sich nur in den Momenten vor der Ejakulation ansatzweise frei. "Es sind die einzigen wenigen Minuten, in denen ich Mensch sein kann. Nur in dieser kurzen Zeit fühle ich mich nicht einsam."

 Chuck P., ausgesprochen "Paul-ah-nik"
 
 
Fressen, schlucken, kassieren
  Dem postkoitalen Frust folgt stets die Rückkehr in das kleine private Fegefeuer. Eine Mutter wartet, bis zum Skelett abgemagert, in einem viel zu teuren Sanatorium, die ihn als fanatische Esoterik-Revoluzzerin durch eine Kindheit auf der Flucht jagte. Da ist auch ein verwahrloster Freund namens Denny, ebenso Sexualneurotiker, mit dem Victor gemeinsam in einem historischen Vergnügungspark einen unerträglich öden Job als Statist absolviert.

Weil das Geld, das er dort peinlich kostümiert verdient, lange nicht reicht, um seine kranke Hippie-Mama zu erhalten, hat sich unser Held noch ein Zusatzeinkommen ausgedacht. In schicken Restaurants gibt er vor, an seinem Essen zu ersticken, und weckt damit eine Flut von Hilfsbereitschaft - und lukrativer Dankbarkeit.

 
 
Steinesammeln und andere Hobbies
  Als Victor eine Obsession für eine merkwürdige Krankenschwester im Pflegeheim entwickelt, kollidieren plötzlich bislang ungekannte Gefühle mit seiner Sexsucht. Als dann Mutter Mancini auch noch ins Koma kippt, bevor sie die mysteriöse Identität des Vaters lüften kann, läuft in ihm innerlich endgültig alles Amok. Da hilft es nicht gerade, dass Kumpel Denny bei Victor eingezogen ist und manisch Steine zu sammeln beginnt, um seinen Onanierdrang zu kompensieren.

"Im Wohnzimmer sieht es aus wie nach einem Steinschlag. Anfangs lagen die Steine nur um das Sofa herum. Dann begruben sie die Beistelltische, bis oben nur noch die Lampenschirme herausschauten. Granit und Sandstein. Graue und blaue und schwarze und braune Steine (). Es gibt Leute, bei denen verschwindet einfach ein Tag vor dem Fernseher, sagt Denny. Er aber will jeden einzelnen Tag durch einen Stein verewigen. Durch etwas Greifbares. Einen Gegenstand. Ein kleines Denkmal, das am Ende eines Tages steht. Jedes Tages, den er nicht mit Wichsen verbringt."

 Der Autor in Collegejahren...
 
 
Auf den Trümmerfeldern der Popliteratur
  Von der cinematografischen Qualität der Stoffe, der stilistischen Knappheit der Sätze bis zu den unzähligen Anspielungen auf Konsum- und Medien-Kultur: Chuck Palahniuk ist auf jeden Fall so etwas wie ein Popliterat. Und dann doch wieder nicht. Soll heißen: Wo deutschsprachige Schreiber, die diesem Bereich zugezählt werden (you know the names) in der endlosen Beschreibung von Alltags-Trivialitäten und Shopping-Ritualen aufzugehen scheinen, attackiert Palahniuk eindeutig die Schattenseiten darunter.

Assoziationen zu Bret Easton Ellis liegen da nahe, vor allem weil es sich in beiden Fällen um Autoren handelt, die den Schmerz und das Chaos in groteske, giftverspritzende Satiren verpacken. Was Chuck P. aber abhebt, ist die Sentimentalität, die tief am Grunde all der absurden Obszönitäten und hämischen Sarkasmen begraben ist. Während Ellis' Charaktere in ihrer antiseptischen Hölle steckenbleiben, blitzen bei seinem Kollegen Hoffungsschimmer auf. Die Figuren mögen mit zerfetztem Gesicht dem Einsturz einer Metropole beiwohnen ("Fight Club") oder, wie Victor und seine kaputten Freunde, auf den Trümmerfeldern der Junk-Gegenwart ihren Wahnsinn realisieren: Irgendwo ist da eine Ahnung auf Veränderung. Eine Spur von Liebe.

"Nach all dieser Hetzerei sind wir in tiefer Nacht am Arsch der Welt gelandet. Wo wir jetzt stehen, im Dunkeln zwischen Ruinen, könnte aus unserem Bau alles mögliche werden."

 
 
  PS: Chuck Palahniuks neuestes Werk "Lullaby" erscheint im September in den USA. Weitere deutsche Übersetzungen sind angekündigt.
 
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  Die offizielle Palahniuk-Site:

chuckpalahniuk.net
   
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  Die offizielle Choke-Site:

randomhouse.com/features/palahniuk/
   
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  Der vielleicht beste Nine-Eleven-Essay bis dato:

chuckpalahniuk.net/essays/terrorist_attack.htm
   
 
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