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Wien | 7.9.2002 | 12:30 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
Kunst als Ernstfall
  Bilder, Filmausschnitte, Fotos, Buch-Erstausgaben, Briefe, Notizhefte: Die Menge der Exponate von und zu Antonin Artaud, die im Wiener MUMOK ausgestellt sind, ist beachtlich. Woran mein Blick aber beim allerersten Rundgang hängenbleibt, ist die Totenmaske des Künstlers. So hat es also tatsächlich ausgesehen, das Gesicht der bis heute am schwersten greifbaren Figur der Moderne. Das Gesicht eines Mannes, der es zwar nie nur annähernd in die Wahrnehmung der (auch kulturinteressierten) Öffentlichkeit geschafft hat. Dessen Lebens- und Werkspuren dafür in bestimmten Theater-/Literatur-/ Musik-/ Film-Zirkeln schon seit vielen Dekaden für glühende Begeisterung wie Ablehnung sorgen.

Was nicht verwundert. Schließlich war dieser Antonin Artaud Theoretiker wie Regisseur, Theater- und Filmschauspieler, Teilzeit-Surrealist, Zeichner und Poet, alles in Personalunion. Und gleichzeitig die rasende, spuckende, keifende Antithese zu diesen und anderen Professionen. Wo Kunst immer schon auf die Bühne, die Leinwand, die Galerie, das bedruckte Papier zustrebte, wollte Artaud raus ins Leben. Keineswegs aber, um es wie so viele Bohemiens, in vollen hedonistischen Zügen zu genießen. Sondern um es zu überhöhen und grundlegend zu transformieren. Vor allem seine eigene problematische Existenz.
 Antonin Artaud (1896 - 1948)
 
 
"Ich nehme es nicht hin, meinen Körper nicht selbst gemacht zu haben und ich hasse und verachte als Feigling jedes Wesen, das hinnimmt, zu leben, ohne sich vorher erneuert zu haben." Antonin Artaud
  Da kommt am 4. September 1896 in Marseille jemand auf die Welt, (oder wird "reingefickt und neun Monate durchs Häutchen gewichst", wie er selber schrieb), der sich von Anfang an zur falschen Zeit am falschen Ort und im falschen Körper fühlt. Antonin Marie Joseph Artaud, Sohn einer wohlhabenden Reedersfamilie, wird deshalb nicht nur seinen Namen mehrfach zu ändern versuchen. Er wird neben sämtlichen Institutionen, Ideologien und Religionen auch die Grundfesten des menschlichen Seins attackieren: die familiäre, soziale, geschlechtliche Position, die so ein Mensch-Körper in der Welt einnimmt. Das Versagen der Sprache als Ausdrucksform. Überhaupt dieses begrenzte, unförmige Kostüm aus Fleisch und Knochen, das einem aufgezwungen ist. Bis hin zum völligen Negieren der Biologismen von Zeugung, Geburt und Tod.

Bitte eine kurze Schweigeminute einzulegen und über das durchzudenken. Da erklärte einer nicht bloß dem Staat oder Gott oder Mama und Papa den Krieg. Sondern den "Mikroben" und Bakterien, den Spermien und Eizellen. Überlegt man Artauds Postulate bis zur letzten Konsequenz, eröffnet sich entschieden mehr als ein extravaganter Kunst-Entwurf. Hier geht es ums Ganze. Radikaler hat noch keine(r) die völlige Isolation des Einzelnen von den Anderen, sich selbst und - auch wenn es jetzt pathetisch klingen mag - vom Universum formuliert. Was auch prompt mit langjährigem Wegsperren in diversen Irrenanstalten bestraft wurde, mit Medikamenten und Elektroschocks.

 
 
"Ich gebrauche das Wort Grausamkeit im Sinne von Lebensgier, von kosmischer Unerbittlichkeit und erbarmungsloser Notwendigkeit." Antonin Artaud
  Das alles geht mir durch den Kopf, als ich durch den weitläufigen Ausstellungsraum im MUMOK schlendere. Schon seltsam, wie auch der kompromissloseste aller existentiellen Revolteure jetzt hinter Hochsicherheits-Vitrinen verschwindet, genauso wie zuvor blutig verschmierte Aktionisten oder zuletzt die gesamte Punk-Bewegung. Wie sein Chaos nachträglich minutiöse Ordnung erfährt. Und der markerschütternde Schrei, den Artaud an die Stelle der gesprochenen Worte setzte, als leises Endlos-Loop im Hintergrund endet. Aber treffen solche wehmütigen Authentizitäts-Seufzer hier den Punkt?

 
 
  Die Kuratoren Cathrin Pichler und Hans Peter Litscher haben nämlich im Grunde wahrscheinlich alles richtig gemacht. Entreißt doch diese akribische und bewusst sachliche Form der musealen Auseinandersetzung Antonin Artaud endlich dem Kitsch und der falschen Vereinnahmung. Letztere verfolgt den (Anti-)Künstler spätestens seit den Sixties, wo seine Manifeste eines "Theaters der Grausamkeit" - das nicht die Destruktion, sondern ein intensives Leben sucht - auf fruchtbaren Boden fielen.

Ging es dem Franzosen, der etliche Jahre in geschlossenen Anstalten verbrachte und die Psychiatrie als Komplize des Status quo begriff, um künstlerische Selbstheilung, sahen total befreite Bühnen-Subversive darin ein Rezept zur Theater-Auffrischung. Artauds therapeutische (Über-)Lebens-Ideen wurden zur politischen Waffe oder banalen Provokation umfunktioniert. Dabei scheiterten ja bereits seine eigenen Versuche in den dreißiger Jahren, das "Theater der Grausamkeit" in die Tat umzusetzen. Generationen von Performance-Kasperln und martialischen Body Artists kratzen später nicht einmal an der Oberfläche seiner Visionen.

 
 
"Ich grüsse in Antonin Artaud das leidenschaftliche Nein zu all dem, woran wir sterben, wenn wir es leben." André Breton
  Ach ja, da ist noch die Einschleusung des Ausnahme-Rebells in den Popkontext. Sein exzentrisches Auftreten, die Getriebenheit und klarerweise die Drogen, die Artaud zu sich nahm, wohl auch um die grässlichen Auswirkungen einer chronischen Meningitis zu lindern: Das ist der Stoff, aus dem die Mythen sind. Jim Morrison schwenkte gerne eine Kopie der berühmten Schrift "Das Theater & sein Double" herum. Blixa Bargeld perfektionierte seinen pfeifenden Teekessel-Schrei bei frühen Gigs der Einstürzenden Neubauten im Geiste des Monsieur A. Die japanischen Boredoms setzten Lautsprache und Geräusche an die Stelle von Melodien und Sätzen. Vielleicht lebt sogar ein Hauch des "Theaters der Grausamkeit" im entfesselten Körperkino und diversen Live-Sound-Ekstasen weiter.

 
 
  Prekär werden solche schnell herbei zitierten Populär-Referenzen dann, wenn Antonin Artaud als simpler Impulsgeber in den Hintergrund tritt und seine gitarrenwürgenden, auf Schrott klopfenden Kinder im Zentrum stehen. Dann sollte eine weitere Schweigeminute eingelegt werden, diesmal für das Prinzip der totalen Verweigerung. Endeten noch alle viel zitierten Pop-Radikalinskis bislang als lebendes oder totes Romantik-Klischee, als Fernsehköche, Hobbypolitiker oder Businesspeople, rückte Artaud mit zunehmenden Lebensjahren keinen Millimeter von seinen Vorstellungen ab. Sein absolutes Nein zur bestehenden Welt und sein gleichzeitiger Traum von einer besseren, vor Leidenschaftlichkeit rotierenden, wurde sogar stärker. Bitte sich einen Pensionisten vorzustellen, der auf einer Parkbank sitzt und wahlweise mit dem Stock auf Passanten eindrischt. Oder sich ein Messer in den Rücken drückt, um sich möglicherweise zu versichern, dass er überhaupt noch lebt. Hat jeder von uns diese Gewissheit?

 
 
"Ich bin weder rechts noch links, denn ich bin noch weniger in der Mitte, und ich hasse das Gleichgewicht noch mehr als die Deportation." Antonin Artaud
  Ein Toben und Wüten wie das von Artaud lässt sich grundsätzlich nicht in eine Ausstellung packen. Ebenso wenig wie seine bohrenden Kopfschmerzen oder auch die sentimentale Herzlichkeit, die hinter manchen Verweigerungsgesten steckte. Wer genug Zeit im MUMOK verbringt, erahnt aber in fotografisch konservierten Blicken, in Filmschnippseln oder durch Dokumente wie die manisch bekritzelten (und erstmals ausgestellten) Notizhefte, etwas von diesem Phänomen. Spürt hinter den Fragmenten und kaum dechiffrierbaren Verwünschungssprüchen den alten Herren Artaud zündeln.

Beim Verlassen der Ausstellung blättere ich noch die Bücher am Verkaufsstand durch. Im Klappentext der wieder aufgelegten und extrem empfehlenswerten Artaud-Biografie von Bernd Mattheus springt mir ein Zitat von Elias Canetti in die Augen: "Die Unangepassten sind das Salz der Erde, sind die Farbe des Lebens, sind ihr Unglück, aber unser Glück." Darüber steht ein Satz von Heiner Müller: "Artaud ist der Ernstfall".

 
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