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Wien | 24.3.2008 | 19:54 
Innerlichkeiten. Äußerlichkeiten.

HansWu, Pfister

 
 
Im Sumpf
  Musikmoderationslegende Charlotte Roche wechselt das Fach und wird Autorin, ihr soeben erschienenes Buch "Feuchtgebiete" promotet sie derzeit quer durchs deutsche Fernsehen. Groß dabei im Vordergrund: die "Stellen" in diesem Buch, die man nicht wie in anderen Werken durch mühsames Lesen finden muss. Es gibt auf jeder Seite welche. Derbe sogar. Skandal.

Schon klar, da geht es um Hämorriden, Intimrasuren, Anal- und sonstigen Verkehr, Tampontausch und -verweigerung, Kotzetrinken und Eiternaschen - aber nicht nur. Es geht auch um Selbstmordversuche und kaputte Familien.
 
 
  Ich esse und rieche mein Smegma sehr gerne. Beschäftige mich, seit ich denken kann, mit meinen Muschifalten. Was man da so alles finden kann. Ich habe lange Haare, also auf dem Kopf, und manchmal verirrt sich ein rausgefallenes Haar irgendwie in meine Muschilamellen. Es ist aufregend, ganz langsam an dem Haar zu ziehen und nachzufühlen, wo es sich überall hingezwirbelt hat. Ich ärgere mich sehr, wenn dieses Gefühl dann vorbei ist, und wünsche mir noch längere Haare, damit ich länger was davon habe.
 
 
 
"In dieser Reihenfolge? - Ja."
  Roches Thema sowie Wechsel des Trägermediums war abzusehen (jaja, hinterher, ich weiß):

2000 sprach sie ein Hörbuch ein ("Die Speed Queen", Stewart O'Nan), das sie auswählte, weil es darin um die "wichtigsten Dinge des Lebens (ging): Liebe, Kinder, Blut, Eiter, Drogen". Fünf Dinge, die auch "Feuchtgebiete" prägen.

Zudem hatte sie schon seit sieben Jahren einen Vertrag für ein Buch bei Kiepenheuer und Witsch, dem Verlag, der "Feuchtgebiete" übrigens ablehnte. Jetzt freut man sich bei Dumont über einen Einstieg(!) auf Platz 2 der "Spiegel"- Bestsellerliste.
Skandalbuch, von Frau geschrieben, das kauft der Bürger gerne. Hat man ja auch schon an diversen französischen Autorinnen gesehen. Chic.

 
 
  Dann noch: Roche war schon immer feministisch geprägt und hinterfragt gern die Absurditäten, die wir Frauen so von der Gesellschaft abverlangt bekommen, und hat uns gern mit ihrem Körper konfrontiert. Haare und Schweißflecken unter ihren Achseln lösten Mengen von Hassbriefen und stapelweise Feuilletonerwähnungen aus. Ganz zu schweigen von ihrem, was Zahnärzte "devitalen
Zahn" nennen. Roches vorderster Scneidezahn färbte sich vor laufender Kamera jeden Tag ein bisschen schwärzer. Bis sie einen Zahnersatz bekam, mit dem sie bei einem legendären Besuch bei Harald Schmidt artig jonglierte.

Na, und jetzt sind alle überrascht von diesem Buch?!
Ts, ts.

 
 
Welch lehrreich Buch!
  "Feuchtgebiete" ist ein zutiefst lehrreich gemeintes Buch. "Aus einer Wut über Intimwaschlotionen heraus" sei es entstanden, sagt die Autorin.

Ich-Erzählerin Helen Memel, 18, kommt mit einer Analfissur, die sie sich selbst bei der Intimrasur beim Anschrammen ihrer außenliegenden Hämorriden zugezogen hat, ins Krankenhaus. Dort hat sie viel Zeit, sich mit ihrem Körper auseinanderzusetzen, ihrem Hobby "Bakterien verbreiten" zu frönen und in ihren Erinnerungen zu schwelgen.

Tja, das ist wohl so. Auch Menschen mit 18 können schon Hämorriden haben und Frauen mit Hämorriden haben immer noch Sex. Analsex gar, sagt uns das Buch. Und ist es nicht auch so, dass man sich bei Analsex für eine Variante mit und eine ohne Einlauf vorher entscheiden kann? Und dass man das so drastisch wie deutlich beschreiben kann?

"Na, gut. Wer will das überhaupt wissen? Außer mir? Ich weiß."
 
 
 
Was ist eine Metapher? Das ist eine Metapher.
  In alten Zeiten durften Frauen nur mit einem Hemd in den Badezuber, durften ihren eigenen stinkigen, sündigen, minderwertigen Körper nicht zu Gesicht bekommen.
Auch wenn wir von klein auf ("Bravo") nackte Menschen nur mehr komplett schamrasiert zu Gesicht bekommen, tragen wir Frauen noch immer dieses Hemd. (Was ist eine Metapher? Das ist eine Metapher.) Wohlige Schauder bei der Lektüre: Darf man "so etwas" überhaupt schreiben? Normalste körperliche Vorgänge sind tabu.
 
 
 
  "Wo ist mein Rock und meine Unterhose, die ich vor der Operation anhatte?" Er [Krankenpfleger Robin] geht zum Fußende von meinem Bett und schlägt die Decke auf. Da liegt ganz ordentlich gefaltet der Rock, und darauf die Unterhose. Das ist die Situation, die Mama so fürchtet. Die Unterhose ist so gefaltet, daß der Schritt obenauf liegt. Natürlich auf rechts, nicht auf links. Und trotzdem kann ich den getrockneten Muschisaftfleck leicht durchschimmern sehen.
 
 
 
  Roche zu Spiegel Online: "Es hatte erst ein Sachbuch werden sollen: Charlotte Roche empfiehlt Frauen, wie sie mit ihrem Körper umzugehen haben. Das kam mir dann aber zu plump vor. Eine Romanfigur war schon deshalb besser, weil sie sich grotesker aufführen kann als die Privatperson Charlotte Roche."
 
 
 
Giftschrank mit Goldschnitt
  Der literarische Anspruch, na ja. Roches Sprache reicht von flott bis banal, aber Freundinnen des höheren literarischen Anspruchs haben ohnehin schon Jelinek, Bataille oder Borroughs mit Goldschnitt im Regal.
 
 
 
  Helen Memel lässt sich einstweilen die Reste, die von der Operation ihrer Analfissur übriggeblieben sind, ans Krankenbett zum Begutachten bringen:

"Die Finger sind voll mit Blut und Glitsch. Am Bett abwischen? Das gäbe eine Riesensauerei. Auch nicht am Engelskostüm. Gleiche Sauerei. Hm. Na ja. Sind ja Stücke aus meinem Körper. Auch wenn die entzündet waren. Ich lutsche die Finger einfach ab, einen nach dem anderen. "
 
 
 
Sylvie van der Vaart, total enthaart
  Wenn Roche Helen Memel drastisch und deutlich alle Feuchtgebiete des Körpers abhaken lässt, und das vor der Kulisse eines Krankenhausaufenthalts (übrigens hervorragend getroffen!), einer Umgebung in der man im hinten offenen Hemd herumlatscht und den Betreuern nichts Menschliches mehr fremd ist, dann ist das die bekannte Roche-sche Lust am Ausssprechen und Schocken, am Aufklären und Bocken.

Solidarität von unerwarteter Seite tut sich im Interview mit Kerner auf. Die super-geföhnte, enthaarte, gebräunte, gesträhnte, mani- und pedikürte Fußballerfrau Sylvie van der Vaart nickt neben Charlotte Roche im Talkshowsessel. Weibliche Hämoriden, klar. Rasurzwang, klar. Ist ihr bekannt. Nicken.

 
 
Den ganzen Tag im Bad
  Bei soviel Sendungsbewusstsein ist aber auch Roche nicht "selbst behaart wie ein Yeti", sagt sie im Interview mit West Art. "Es wurde mir unter extremem Druck beigebracht, dass das nicht geht, wenn man da Haare hat (unter den Armen). Ich berichte nicht als Frau, die sich dagegen erfolgreich zur Wehr setzt, sondern ich stelle Fragen, weil ich den Druck an mir selber merke und zerbreche da dran." Oha? "Ja, das mit dem Rasieren, bei meinem Körper mache ich das, weil ich Angst vor den Reaktionen habe."

"Am besten, die Frauen hören überhaupt auf zu arbeiten, gehen nach Hause und rasieren sich den ganzen Tag die nachwachsenden Haare nach, bleiben den ganzen Tag im Bad, dann können die Männer schön Karriere machen."

 
 
Huh huh huh
  "Ich kam mir ganz schön mutig vor beim Schreiben.
So, dass ich mir auch zwischendurch gedacht habe: Oh oh oh, Charlotte, ob man sowas wirklich veröffentlichen kann? Wenn ich Stellen gelesen hab, die ich grad geschrieben hatte, saß ich so (mit der Hand vorm Mund) vor dem Bildschirm: Huh, huh!"
 
 
 
Freiwillige Selbstkontrolle
  Charlotte Roches persönliche Altersfreigabe
für das Buch: ab 21. Bei ihrer eigenen Tochter.
Die anderen sollen lesen, wann sie wollen.

Ein einziges Mal ist mir bei "Feuchtgebiete" übel geworden:

Als sich Protagonistin und Scheidungskind Helen Memel nicht-metaphorisch den Arsch aufreißt, um ihre Eltern wieder zusammenzubringen. Da steckt ganz viel von der "echten" Charlotte Roche drinnen. Ihre Mutter hat außer ihr noch fünf Kinder von vier verschiedenen Männern zur Welt gebracht. Charlotte freute sich über ihre Geschwister, aber litt sehr unter der Trennung ihrer Eltern.

Ihre Schöpfung Helen Memel ist, was Körperliches angeht, völlig unerschrocken, andererseits aber gefangen in den Träumen ihrer Kindheit.

Eine kleine Vignette am Anfang des Buches bringt beide zusammen. Es ist ein Plan, den Charlotte als Kind ihren Eltern offenbart hat.
 
 
 
  Ich halte sehr viel von der Altenpflege im Kreise der Familie. Als Scheidungskind wünsche ich mir wie fast alle Scheidungskinder meine Eltern wieder zusammen. Wenn sie pflegebedürftig werden, muss ich nur ihre neuen Partner ins Altersheim stecken, dann pflege ich meine geschiedenen Eltern zu Hause, wo ich sie in ein und dasselbe Ehebett reinlege, bis sie sterben. Das ist für mich die größte Vorstellung von Glück. Irgendwann, ich muss nur geduldig warten, liegt es in meiner Hand."
 
 
 
Schokoladefabrik Wonka
  Sie wollte, dass Helen Memel eine Figur ist, zu der man aufschauen kann, sagt Roche, aber die auch eine menschliche Seite hat, nicht nur dieser sexuelle Terminator ist, der uns allen vormacht, was man alles mit seinen Geschlechtsorganen machen kann.

Blöde Fragen, wieviel Charlotte Roche denn in Helen Memel steckt, müssen trotzdem gestellt und beantwortet werden. Und da sagt die Frau, die in Interviews früher oft behauptet hat, ihr Vater habe in England in der Schokoladenfabrik Wonka gearbeitet, gespielt echauffiert zu Stefan Raab:

"Ja bist du denn verrückt?! Kannst du nicht den Unterschied feststellen zwischen Fiktion und Realität? Nur ist bei mir Fiktion mit der Betonung auf 'Fick'."

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