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Wien | 9.5.2008 | 10:24 
Zwischenzeiliges, Zwischenzeitliches, Zwischenmenschliches

Hedi, Zita, HansWu

 
 
Reiben am Establishment
  Auf die Frage, welche Frage denn bei Interviews zu ihrem Roman "Feuchtgebiete" am öftesten gestellt würde, antwortete Charlotte Roche: Die Frage nach der Authentizität. Ob denn der Roman autobiografisch sei oder nicht.
Was für eine blödsinnige Frage.
Als ob 219 Seiten einen Menschen erklären würden. Geschichten erzählen heißt doch, die Idee der Vollständigkeit verwerfen und sich mal breitarschig auf einen Aspekt draufsetzen. So ein bisschen Muschischleim und Scheidungsangst machen noch keine Charlotte Roche aus. Und so ein bisschen Sinnlosigkeit und Exzess noch keine Generation. Auch wenn der aktuelle Buchmarkt es andeuten würde.
 
 
Das Leben ist eine Fleischwarenhandlung
  "Widerstand" vom 25-jährigen Joe Stretch ist einer dieser Romane, die der Jugend nicht allzuviel Schönes andichten. Wir betrachten die Welt durch die Filterbrille (verspiegelt, Designermodell) aus der Schublade mit der Aufschrift "Sex & Kapitalismus". Die Kurzfassung des Buchs könnte lauten: Liebe ist die Notlüge der westlichen Zivilisation, und das Leben ist eine Fleischwarenhandlung. Wir wandeln zwischen Ärschen, Titten und Schwänzen auf den Straßen Manchesters - graues Musterbeispiel für die Verwahrlosung als scheinbar einzig mögliches Ergebnis der Industrialisierung - und klinken uns in vier verschiedene Leben ein.
 
 
 
  "Das 21. Jahrhundert setzt sich in Bewegung, und wir ficken für Ideen. Es brennt."


Stretch ist ein Kind seiner Zeit: Nicht nur, dass er seinen Houellebecq brav gelernt hat, nein, er arbeitet auch auf verschiedenen Ebenen, baut hinter den vier Geschichtssträngen noch eine eigenartig paranoide, allwissende Ich-Figur ein, die mit uns spricht und immer wieder darauf hinweist, dass wir es hier mit Fiktion zu tun haben. Lässt die Gegner über den Fernseher in den Plot treten und die Botschaften übers Internet verbreiten.
You are the media.
Und was seine Figuren zu sagen haben, ist befremdlich, stellenweise plakativ provokant, sprachlich ein Wirbelsturm und inhaltlich ein Wasserfall: Mitreißend, und trotzdem geht am Ende alles den Bach runter.

 
 
  "Wir wollen herausfinden, wo und was wir wären, wenn wir wirklich täten, wozu die Kultur uns herausfordert [...] All das zu tun, worauf wir Lust haben."


Seine Figuren sind das, was man gemeinhin unter "reich, jung und schön" zusammenfassen würde - und sie sind nicht gewillt, sich mit tradierten Werten zufriedenzugeben. In einer Gesellschaft, wo die Revolution Teil des Outfits geworden ist und Sex als Wellness-Maßnahme diskutiert wird, kann der Aufstand nur am äußersten moralischen Rand geprobt werden. Die Sexmaschinen und die Pornos reichen nicht aus, auch die Massenorgien in Politiker-Kostümierung sind nur ein netter Wochenendvertreib. Ihr Ziel ist ein höheres: Sie wollen die Welt verändern. Mehr noch: Sie wollen ein bisschen Gott spielen. Leben erschaffen, und bevor es diese beschissene Welt korrumpieren kann, wieder zerstören. "Spaß-Abtreibungen" machen, wie es die empörte Presse im Buch nennt.

 
 
Shame on you
  Die literarische Filterbrille, durch die wir die Welt betrachten, ist bereits etwas ausgeleiert vom Großmeister Michel Houellebecq, und so rutscht sie seinen Nachfolgern leicht von der Nase. Und vielleicht muss man so alt sein wie der mürrische Franzose, um dem Leben so gar nichts Freundliches mehr abgewinnen zu können, und den Eltern und Freunden will ja am Ende auch noch gedanksagt werden... Wie auch immer - dem jungen Autor fehlt letztendlich leider der Mut zur Konsequenz. Bitter bestraft werden sie, seine ProtagonistInnen, die er vorher so wuchtig und pointiert in all ihren Jungmenschen-Dilemmas in Szene setzt. Als Antwort auf die gewagten Umstürzungen gängiger Normen regnet es Verbrennung, Blut und Tod - und als Draufgabe wird alles noch in ein weiches "Alles nur erfunden"-Deckchen gepackt. Shame on you, Mr. Stretch. Schad drum is.

 
 
  Die Schwierigkeit mit dem Ausstieg aus der Provokation teilt er übrigens auch mit Charlotte Roche. Die landet ärgerlicherweise nach allerlei rebellischen Schweinerein am Ende doch noch im sicheren "True Love Waits"-Hafen. Hollywood lässt grüßen - und ruft zum Abschied leise: So moralisch verkommen, wie sie immer tun, sind eure lieben Kleinen ja gar nicht.


Joe Stretch: "Widerstand"
("Friction" im Originaltitel)
Aus dem Englischen von Volker Oldenburg
Rowolt, 2008
 
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Noch mehr aus der britischen Exzess-U30:
 
Helen Walsh: "Millie"
Rasende Depression auf zwei Beinen, die über das nasse Kopfsteinpflaster von Liverpool stolpert: Millie ist lebenshungrig, kompromiss- und gnadenlos, immer auf der Suche nach Sex und mit ihren nicht mal 20 Jahren schon fast am Ende. Das Debüt der inzwischen 29-jährige Helen Walsh zeigt dem "Frau=Opfer"-Modell den Stinkefinger.
Erschienen bei KiWi

Richard Milward: "Apples"
"Man wird Milward vorwerfen, keine Moral zu haben" schreibt die Times über den Debüt-Roman des 19-jährigen Londoners. Für Moral ist wahrlich wenig Platz auf den 250 Seiten: Es wird Ecstasy geschluckt, Blut gespuckt und sich gegenseitig die Muschi rasiert, während Adam sich in Eve verliebt. Ein Druckwerk voller Druck - erscheint Ende Mai 2008 im Blumenbar Verlag.

"SKINS" - TV-Series
In Großbritannien wird gerade an der dritten Staffel von "Skins" gedreht: Großartig produzierte Teenager-Leben, ohne Drama und Moralkeule, dafür mit viel nackter Haut (Skins) und viel verbrauchten Papers (Skins). Nein, es müssen nicht jedesmal die Eltern samt Polizei und Rettung vor der Tür stehen, wenn die Kiddies Party feiern. Wie erleichternd.
(Läuft auf e4, auch als DVD erhältlich)
 
 
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