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Wien | 1.6.2008 | 18:31 
Zwischenzeiliges, Zwischenzeitliches, Zwischenmenschliches

Hedi, Zita, HansWu

 
 
Schlafanstalt für Traumgestörte
 
Diese Frau hat eine Maschine im Schädel.
Eine dampfende, zischende, rostige Maschine, übersät mit blinkenden Neonschriftzügen, betrieben mit Zuckerwatte. Eine Maschine, die Geschichten auswirft, so dicht und verschroben und fantastisch, dass man sie dafür lieben muss. "Rennen Sie um Ihr Leben!" schreibt die Los Angeles Times über Karen Russell, "Diese Frau spielt mit dem Feuer."
 
 
 
 
 
  "Schlafanstalt für Traumgestörte", im Originaltitel "St. Lucy's Home For Girls Raised By Wolves", wird (vermutlich aus Mangel an Vergleichbarem) als "modernes Märchenbuch" bezeichnet; der Buchmarkt vertreibt es unter "Short Stories".

300 Seiten voller Alligatorenwrestling, orakelträumender Kinder und Muscheln, so groß wie Häuser. Karen Russell positioniert sich in der Zwischenwelt: Ihre Geschichten spielen in den dunstigen Sümpfen Floridas oder staubigen Wüstenabschnitten, sie lässt Minotauren und Werwölfe als ganz normale Mitglieder der Gesellschaft auftreten, und sie wählt die Pubertät, quält ihre Hauptfiguren mit dem Gefangensein zwischen Kind und Erwachsener.

"A lot of my protagonists are stuck between the worlds, I think, coming alive to certain adult truths but lacking the perspective to make sense of them", sagt Russell in einem Interview. "There's something about that blend of adult knowingness and innocence that I find incredibly compelling."
 
 
 
  Russell revoltiert im Kleinen, wild und unvorhersehbar. Zum Beispiel, wenn sie von den Mädchen erzählt, deren Eltern Werwölfe sind (das Werwolf-Gen überspringt immer eine Generation). Die Eltern möchten nur das Beste für die Kinder und schicken sie zu den Nonnen ins Umerziehungsheim. Doch statt tanzen zu lernen, beißen sie ihre neuen Schuhe kaputt, raufen sich die Haare, bis sie zu Berge stehen und strangulieren die Eichhörnchen im Park mit ihren Rosenkränzen.

"Unsere kleine Schwester hatte die schnellsten Reflexe. Mit zwei Handgriffen legte sie die Ohren flach an. Sie zog sich in den hinteren Winkel des Gartens zurück und knurrte dabei so bedrohlich, wie ein achtjähriges Wolfsmädchen es überhaupt nur kann. Dann nahm sie Reißaus. Erst nach zwei Stunden gelang es den Nonnen, sie einzufangen und ihr das Schild zu verpassen: HALLO, ICH HEISSE MIRABELLA!"

 
 
  Den größten Einfluss für ihre Geschichten haben sicher die unzähligen Streifzüge durch die Sümpfe geliefert, meint die 1981 in Miami geborene Karen Russell. Und auch die "second generation sadness" der vielen Kuba-Flüchtlinge, die ihr im Blut liege. "It's in the water supply down there, this herditary nostalgia."

"Schlafanstalt für Traumgestörte" ist ihr Debüt und hat Karen Russell 2006 gleich unter die Liste der "25 Under 25 To Watch"-Liste des New York Magazines gebracht. Und während die inzwischen 26-Jährige mit den vielen Flausen im Kopf und dem feinen Humor an ihrem ersten Roman schreibt, ist der Kurzgeschichtenband endlich auch auf Deutsch erschienen.
 
 
 
  Karen Russell - Schlafanstalt für Traumgestörte
Übersetzt von Malte Krutzsch
Verlag Kein&Aber, 2008
 
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