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Wien | 14.9.2008 | 11:43 
Zwischenzeiliges, Zwischenzeitliches, Zwischenmenschliches

Hedi, Zita, HansWu

 
 
Goodbye Lemon
  Flucht ist zwar nicht immer die eleganteste, aber doch meistens eine sehr effiziente Art und Weise, Konflikten zu entgehen. Abzuhauen von zu Hause, bereits festgelegte Konstellationen einfach zu verlassen, um sich selbst eigene zu bauen. Irgendwann (spätestens, wenn man selbst Nachwuchs in die Welt setzt) wird vermutlich klar, dass die eigenen nicht unbedingt die besseren Systeme sind. Aber, trotz allem: Es sind die eigenen.

Was allerdings bestehen bleibt, ist das Elternhaus. Der Ort, wo Erwachsensein manchmal schwer fällt, manchmal gar nicht erlaubt ist. Und was auch bleibt, ist die Frage, ob Flucht auf Dauer die Lösung des Problems sein kann.
 
 
 
  Adam Davies kennt dieses Problem sehr gut, unterstelle ich ihm jetzt mal. Denn was er mit seinem Roman 'Goodbye Lemon' tut, ist eine Art von Rache, eine Möglichkeit, nie geführte Diskussionen auf Papier zu bringen. Er lässt den gehassten, übermächtigen Vater einen Schlaganfall mit nachfolgendem "Locked In"-Syndrom erleiden. Was soviel heißt wie: Der Patient ist bei vollem Bewusstsein, kann alles spüren, hören und sehen - doch die einzige Möglichkeit der Kommunikation ist ein Rollen der Augen.

Damit erfüllt Davies den Wunschtraum aller ewigen Kinder, denen beim Gespräch mit den Eltern jedesmal der Mund zuwächst: Plötzlich kann der Sohn, der für 15 Jahre jeden Kontakt zur Familie abgebrochen hat, vor seinem Vater treten - viel größer und stärker als er - und ihm all das ins Gesicht sagen, was bis jetzt nicht möglich war.


"Lebenslanger Traum: Wie mein Vater zu sein.
Lebenslanger Albtraum: Wie mein Vater zu sein."

 
 
  Ganz so einfach ist die Sache natürlich nicht, und sie ist auch nur halb so dramatisch, wie es vielleicht klingen mag. Jack, die stark selbstreflexive und leicht neurotische Hauptfigur, erkennt zwar die Möglichkeit der Macht, aber allein der Gedanke daran zwingt ihn in die Knie (sprichwörtlich: Er muss sich übergeben). Jack möchte gar nicht hier sein im Haus der Eltern - die Mutter, die Krankenpflegerin und vor allem seine Freundin haben die moralischen Daumenschrauben angesetzt, bis er nachgegeben hat.

Die Vorwürfe an den Vater, die seit Jahren in seinem Kopf gären, sind nicht dafür gemacht, ausgesprochen zu werden. Sie begleiten ihn schon zu lange, gehören zu ihm wie seine Vorliebe für Listen, seine Angst vor Kahlköpfigkeit und der Tick, in stressigen Situationen die Hauptstädte der Welt alphabetisch aufzusagen. Das alles definiert ihn: Jack, das Kind, das immer vernachlässigt wurde. Mit Eltern wie aus der Fernsehwerbung: einer sauberkeitsfanatischen Mutter und einem ordenbehangenen Vater aus der Army. Mit einem größeren Bruder, der sich durch die Welt sauft und prügelt. Und mit einem toten Bruder, der im Alter von 6 ertrunken ist - und über den seither kein Wort mehr verloren wurde.
 
 
 
 
 
Non-Kommunikation Deluxe
  'Goodbye Lemon' ist kein bedrückendes Buch, ganz im Gegenteil. Adam Davies schafft es, schwere Themen wie die Sprachlosigkeit innerhalb von Familien oder der Umgang mit Schlaganfallpatienten in absurd-amüsante Szenen zu setzen. Außerdem spielt er mit Sprache und Schriftbild: Er lässt den Literaturwissenschaftler Jack Fragen stellen und antwortet darauf mit einem leeren Absatz. Er schiebt kleine Kapitel ein, wo er der Herkunft von Wörtern nachgeht. Und vor allem: Er will uns durch Jack nicht die Welt erklären. Alles, was uns Davies sagen kann, ist: Das ist alles sehr kompliziert, und er weiß vermutlich auch nicht mehr darüber.

Und auch wenn Jack schon jenseits der 30 ist, kann man bei 'Goodbye Lemon' von einer "Coming Off Age"-Geschichte sprechen. Jack wird auf den 340 Seiten erwachsen, und der Abnabelungsprozess ist schmerzhaft, berührend und wirklich lesenswert.



Adam Davies: Goodbye Lemon
aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog
Diogenes Verlag, September 2008
 
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