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Wien | 11.12.2008 | 10:34 
Zwischenzeiliges, Zwischenzeitliches, Zwischenmenschliches

Hedi, Zita, HansWu

 
 
Und man kann wieder sicher Mercedes fahren*
  Sie kriegt ihre Ärsche anscheinend nicht hoch, die "unpolitische Jugend". PayTV statt Parteitreffen, Disco statt Demonstration, kurz: Kuschelkurs anstelle des Klassenkampfes. Die lieben 68er benutzen immer noch gerne die Kampfrhetorik ihrer Generation als einzig geltende, die da heißt: Raus auf die Straße, Flugblätter verteilen, Menschenketten bilden, Häuser besetzen. Das ist Revolution, die man sehen/hören/riechen kann - oder eben nicht dieser Tage, weil, wie schon gesagt: Die Jugend und die fetten Ärsche, es ist ein Trauerspiel.

Und sogar der konservative "Daily Telegraph" schließt sich zwischenzeilig dieser These an, wenn er über Hari Kunzrus neuen Roman "Revolution" schreibt:
"Revolution ist das Angebot eines hochintelligenten Autors, Politik und Engagement in die blutleere und unpolitische Welt der Gegenwartsliteratur zurückzuholen."

Nun, ich bin dagegen. (Oh mein Gott, revolutionäres Potenzial!) Dieses Buch kann auch als Antwort darauf gelesen werden, warum der politische Kampf der Jetzt-Zeit anders aussehen muss als in den 60ern und 70ern des vergangenen Jahrhunderts.
 
 
 
"Die innere Sicherheit" - Film von Christian Petzold
 
 
Bomben, besetzte Häuser und gefälschte Biografien
  Vordergründig geht es um die Frage "Was wurde eigentlich aus...?", wie auch schon bei Christian Petzold und seinem Film "Die innere Sicherheit". Wir kennen doch die Bilder der brüllenden Studentenmassen, wir haben die Polizeiberichte von tausenden Festnahmen. Was ist aus diesen Menschen geworden? Und während Petzold eine ganze Familie ins Aus und damit auf die ewige Flucht schickt, ist es bei Kunzru die lebenslange Isolation, mit der er seinen Hauptdarsteller belegt. "Michael Frame" (Ergebnis eines gefälschten Passes) hat niemandem von seiner radikalen Vergangenheit erzählt. Schweigsam und ruhig hat er sich eine bürgerliche Gegenwart aufgebaut, mit Frau und Tochter, im idyllischen Häuschen am Lande.

Der 50. Geburtstag steht kurz bevor, die Partyzelte sind gebucht, die Blumenarrangements ausgesucht, die Gäste per Tischkärtchen kommunikativ bestens verteilt. Doch plötzlich steht ein alter Bekannter vor der Tür (über den sich seine Frau besonders freut, denn "Nie erzählst du von deiner Jugend!"), und der Mann, der sich Michael Frame nannte, flüchtet panikartig ein zweites Mal. Die Rückblenden auf dieser Autofahrt beschreiben ein brodelndes, faszinierendes und auch tödliches London der späten 60er. Michael Frame hatte jeden Grund, unterzutauchen.
 
 
 
"Ich kam mir vor wie ein Provisorium, wie ein Wegwerfartikel."
  Aus wahren Begebenheiten (zum Beispiel dem Bombenanschlag auf den Post Office Tower 1971) webt Kunzru ein dichtes Bild des Aufbruchs. Er streift die französischen Stundentenproteste genauso wie die deutsche RAF. Doch das Hauptaugenmerk liegt auf England. Auf der Vietnam Action Group, der Angry Brigade, den Squatters und der London Street Commune. Widerstand an allen Ecken und Enden, die kompromiss- und gleichzeitig kopflose Antwort auf eine Gesellschaft, die den 2. Weltkrieg noch im Nacken sitzen hat und Erholung im wirtschaftlichen Aufschwung sucht.

"Prinzip Nummer Eins: Wenn wir als Revolutionäre gelten wollten, dann müssten wir gewillt sein, das Gesetz zu brechen. Das sei nicht nur eine Geste oder ein gruppendynamisches Ritual. Die Erfahrung der Grenzüberschreitung sei Teil unserer Entwicklung als revolutionäre Subjekte. Sie würde uns und unsere Beziehung zur Macht verändern."

 
 
 
"Der Baader Meinhof Komplex", Film von Uli Edel. Jetzt im Kino.
 
 
"Wir sind überall."
  "Die Welt war mir immer unerträglich", lässt der Autor seinen Helden sagen. Und er enthüllt dadurch auch Ausgangspunkt und Existenzberechtigung der Revolution. Ein Umstand, der schwerwiegende Folgen hat: Jedes Aufblitzen von Zufriedenheit, von Verträglichkeit muss sofort zersetzt werden. Denn fett und rosig greift nicht zu den Waffen. Keine Zweierbeziehungen, keine Regelmäßigkeit, nicht einmal Klotüren sind erlaubt. "Revolutionsschwächende Individualisten" werden der Gruppe verwiesen, es kommt zur täglichen verbalen Selbstzerfleischung vor den anderen.

Mit "Revolution" verfasst Hari Kunzru kein Plädoyer für den bewaffneten Widerstand. Trotzdem lässt er Raum für die Faszination an der Utopie und den dreckigen Glamour, den der Umbruch mit sich bringt. Auch wenn die Utopie zur Diktatur wird und der Weg dorthin geprägt ist von Gefängnisaufenthalten, Drogen und Ungeziefererfahrungen am eigenen Leib. "Etwas, das größer ist als wir selbst" gilt es zu verteidigen. Dass zum Beispiel der Faschismus mit den selben Sätzen hausieren geht, wird von den Beteiligten übersehen.
 
 
 
  Irgendwann ist das System, das bekämpft wird, von dem, das kämpft, kaum noch zu unterscheiden. Und es kommt nicht von irgendwo, dass Kunzru seinen Protagonisten am Ende auch am buddhistischen Kloster verzweifeln lässt, in das er flüchtet. Weil sich herausstellt, dass auch Religionen nur Systeme sind und "die Wahrheit" in der Definitionsmacht der Herrschenden liegt.


Wenn die 68er die nachfolgende Generation also lieber auf der Straße marschieren sehen würden, gehen sie dem selben Paternalismus auf den Leim wie ihre Elterngeneration. Ihr "Wieso rebelliert ihr nicht?" ist das gleiche Normierungskorsett wie das "Wieso könnt ihr euch nicht benehmen?", gegen das sie früher zu kämpfen hatten. Und weil "Aufmüpfigkeit kein Wert an sich ist, geschweige denn ein Ausdruck für Charakter", wie Manuel J. Hartung und Cosima Schmitt in der "Zeit" schreiben, offenbart sich in der Forderung nach einer "politischeren Jugend" nur die eigene Ideologie und der Wunsch, dass diese Maßstäbe weiterhin gelten sollen.


Hari Kunzru "Revolution"
aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Blessing Verlag, 2008


*Jan Delay: "Söhne Stammheims"

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