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Wien | 11.8.2002 | 15:48 
Das (monochrome) Ende der Nahrungskette

HansWu, Trishes, Pinguin

 
 
"Das Primzahlkreuz"
 
"[...] Cogito interruptus ist typisch für jene, die überall in der Welt Symbole sehen. So der Verrückte (der uns zum Beispiel ein Steichholzheftchen vor die Nase hält, uns lange und tief in die Augen blickt und schließlich bedeutungsvoll sagt: "Seht ihr, es sind genau sieben ...", in der Erwartung, daß wir den verborgenen Sinn dieses unwiderlegbaren Zeichens erfassen); so auch der Bewohner eines symbolischen Universums, dem jeder Gegenstand und jedes Ereignis zum Zeichen für etwas Überirdisches wird, das alle bereits vorhanden wissen und nur noch bestätigt sehen wollen. [...] Die Not des Rezensenten beginnt jedoch schon, wenn einer bedeutungsvoll sagt: "Seht ihr, genau sieben Streichhölzer ...", denn schon weiß man nicht mehr, wie man den anderen die Tragweite dieses symptomatischen Zeichens erklären soll; und wenn der Betreffende gar noch hinzufügt: "Und denkt nur, falls ihr noch Zweifel habt, vier Schwalben sind heute vorbeigeflogen!", dann ist der Rezensent vollends verloren. Ungeachtet all dessen ist der Modus des Cogito interruptus eine große prophetische, dichterische und psychagogische Technik. Nur eben keine, die sich besprechen läßt. [...]"
Umberto Eco
 
 
 
Ich verfasste einmal ...
  ... ein Filmdrehbuch. Es titelte sich "Das Loch in den Anden" und die knappe Handlung lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Wissenschaftler entdecken in besagtem Hochgebirge ein Loch, das quer durch die Erde führt. Beim Versuch, das Loch zu untersuchen, fällt ein Mitglied des Teams hinein, verwandelt sich durch die hohe Geschwindigkeit und die Hitze in einen Zombie, wird auf der anderen Seite der Welt in die Erdumlaufbahn geschleudert und attackiert dort Raumschiffe. Der Film wurde nie realisiert. Außerdem frage ich mich bis heute, gegen wieviele physikalische Gesetze ich auf diesen paar Seiten Text verstoßen habe. Aber eigentlich ist das egal. Immerhin war ich erst neun Jahre alt und es war ein liniertes Schulheft.
Mittlerweile kenne ich aber buchgedrucktes schriftliches Material eines gewissen Dr. Peter Plichta. Dieser schreibt:
Die Dinge an sich sind dreifach, wie man in Chemie und Physik immer wieder erkennen kann. Eine einzelne gerade Primzahl dürfte es dann gar nicht geben. Zwei weitere gerade Zahlen müssten Primzahlen sein, eine davon ist wahrscheinlich die Zahl 4.
 
 
 
 
 
Peter Plichta ...
  ... ist Privatgelehrter aus Düsseldorf. Er ist schon älter als neun Jahre. Sein großes Lebensprojekt ist "Das Primzahlkreuz", das er in einer immer länger werdenden Bücherreihe (die laut einer deutschen alternativesoterischen Zeitschrift namens raum&zeit das Ende der Quantenphysik einleiten wird) der wissbegierigen, aber dennoch manipulierten und durchaus verdummten Menschheit schenkt. So erklärt der Herr Doktor, dass die Unendlichkeit von Raum und Zeit durch eine dritte Größe erweitert werden müsse: die Zahlen.
Was der große C. F. Gauß geahnt habe, sei durch Peter Plichta bewiesen, rühmt sich der Verlag: dass eine "Handvoll" Primzahlen das Rätsel des Universums in sich bergen. Die Primzahlen wären das Fundament und gleichzeitig das größte Rätsel des Kosmos. Die "Primzahlkreuz"-Trilogie ist also durchaus spannend, wenngleich eher aus "literarischer" Sicht. Peter Plichta schildert radikalautobiografisch sein Leben, seine Entdeckungen und seine noch bevorstehende ruhmreiche Zukunft.
Beginnend mit seiner Geburt ...
Nachdem meine Mutter aus der Narkose aufgewacht war, erschienen die Ärzte und Schwestern der Klinik und legten der stolzen Frau rechts und links einen Buben in den Arm. Da öffnete sich der Himmel, der regnerisch bedeckt war an diesem 21. Oktober des Jahres 1939, und ein hell gleißender Lichtstrahl wie von einem starken Scheinwerfer drang durch die Wolken und ließ die Köpfchen der Neugeborenen hell erstrahlen. Eine der Ordensschwestern bekreuzigte sich und rief: "Ein Wunder!" Ein Arzt prophezeite, aus diesen Jungen werde später etwas ganz Besonderes. Und so wurden wir bald darauf auf die Namen der Apostel Peter und Paul getauft.
Und tatsächlich wird sein Leben durchaus wunderlich.

 Lach nur.
 
 
Peter ist ein ...
  ... aufgeweckter Junge, nur Paul ist furchtbar dumm. Der denkt immer nur ans Geldverdienen und ist so geizig, dass er nicht einmal die fünf Studien und (UFO-)Patente seines geniösen Bruders finanziert. Es kommt wie es kommen muss: der Peter wird Genie, der Paul Schwiegersohn des Industriemagnaten Henkel.
Peters Vater hatte sich mit den Mächtigen angelegt. Er drohte, ihr sinistres Treiben publik zu machen und bekam prompt einen vergifteten Bitterschnaps kredenzt. Die Ärzte diagnostizierten aber Herzinfarkt: hinter einer Verschwörung dieses Ausmaßes kann natürlich nur der schreckliche Dr. Henkel (ja, genau der Henkel) stecken! Wir erfahren, wie besagter Diavolo sich angeblich gegen Plichta verschworen hatte.
Plichta studierte währenddessen Chemie, Kernchemie und Jura, entwickelte einen UFO-Treibstoff, konsumierte seinen Lieblingscocktail aus Maiswhiskey, Ginger Ale, Schlaftabletten und Aufputschmittel und träumte so vor sich hin ...
 
 
 
 
Eines Morgens wachte ich ein wenig verwirrt auf. Auf der Bettkante sitzend, erinnerte ich mich eines ungewöhnlich heftigen Traumes: Ein Mann saß in Stockholm in einem großen Saal, in auffällig altmodischer Kleidung. Er bekam den Nobelpreis verliehen. Vor langer Zeit hatte er schon einmal gleichzeitig die Nobelpreise für Chemie, Physik und Medizin erhalten. Jetzt war er von einer langen Reise zu unseren benachbarten Sonnen zurückgekehrt. Er bekam nun erneut den Preis, weil sich durch die Reise, die hinter ihm lag, seine früheren wissenschaftlichen Behauptungen hatten beweisen lassen.
Er war in jungen Jahren ein leidenschaftlicher Ingenieur für Raketenantriebe und Weltraumtechnik gewesen. Sein Genie war überhaupt nicht erkannt worden. Da griff er zu einem Trick: Er beschäftigte sich mit den theoretischen Naturwissenschaften und der Mathematik. Er war hinter dem Bauplan her, mit dem Gott diese Welt verschlüsselt hat, wohl wissend, daß man diesen Bauplan nicht mit weißem Kittel kostümiert finden kann. Um seine Pläne zu verwirklichen, hatte er nacheinander Chemie, Physik und Biologie studiert und sich mit der Geschichte dieser Wissenschaften und der Philosophie und mit der Weltgeschichte beschäftigt.
 
 
 
 
 
Plichtas allumfassende Weltformel ...
  ... kann einfach alles. Die wichtigsten physikalischen Naturkonstanten und mathematischen Grundkonstanten werden wahrhaftig als Probleme von Raum, Zeit und Zahl entschlüsselt. Diese Vorgehensweise soll das ganze Kartenhaus der modernen Naturwissenschaft, die Quantenmechanik, durch exakte Mathematik ersetzen. Ihre Struktur sei euklidisch und im Dezimalsystem angelegt, das nebenbei bemerkt für Herrn Plichta das einzig mögliche Zahlensystem der Natur darstellt. Plichta hat einfach den Durchblick. Werfen wir einen Blick auf die Axiome seiner Mathematik:
1.) Der erste Fundamentalsatz des Reziproken Zahlenraums basiert auf der fortlaufenden Potenzierung der Zahl 19.
2.) Der zweite Fundamentalsatz des Primzahlenraumes basiert auf der fortgesetzten Integration von x hoch +1 bzw. der fortgesetzten Differentiation von x hoch 1.
3.) Der erste Fundamentalsatz des Primzahlraums liefert die Quadropol-Geometrie der Zahl 1 hoch 2.
4.) Der zweite Fundamentalsatz des Reziproken Zahlenraumes begründet (durch Umkehrung von 3.) die Vierstelligkeit der mechanischen Welt.
Man meint ständig, einfach zu blöd für all die Formeln, Zusammenhänge und Konstruktionen zu sein. Auch wiederholtes Durchlesen führt nicht zur Erleuchtung. Rein formal gesehen drängt sich der Verdacht auf, dass es sich gar nicht um Aussagen handelt.
 
 
 
 
Kann man etwas Existierendes - etwa einen Atomkern oder eine Katze - durch drei teilen? Natürlich nicht; die Dinge verlieren völlig ihren Sinn. Eine Drittel-Katze gibt es nicht. Man wird einwenden, daß ein Drittel einer Wurst sehr wohl möglich ist. Gedanklich und annäherungsweise schon, doch streng mathematisch nicht. Wie fein man auch schneiden würde, man kann eben nicht unendlich genau schneiden. Ich kann mir den Bruch 1/3 jedoch gut vorstellen als eine unendliche Reihe kleiner werdender Glieder: 3/10 + 3/100 +3/1000 + ...
Eine solche unendliche Reihe 0,333... kann nichts Stoffliches an sich haben, da sie sonst nicht unendlich sein könnte, während ihr Kehrwert - die Zahl 3 - stofflich sein darf. Denn es gibt drei Katzen. So verblüffend dies klingen mag, aber nichts anderes drückt Einsteins Formel aus: E=mc^2.
Hä?

Aber lassen wir das mal beiseite.
Hier wird einfach nach 300 Jahren die Vermutung des Zahlentheoretikers Pierre de Fermat bewiesen. Und auf seinem Höhepunkt führt das Werk die Anzahl der Aminosäuren, die DNS-Struktur, die Zellteilung, somit das Geheimnis des Lebens, auf vierdimensionale Mathematik zurück. Alles Leben im Universum sieht folglich aus wie bei uns, was meiner Meinung nach auch einen Großteil der schlechten Masken in Billig-Science-Fiction-Serien rechtfertigt.

Eine Lesermeinung aus www.amazon.de liest sich wie folgt:
Dieses Buch wird die lange vermisste deutsche, europäische Revolution in Gang setzen, wenn der Blitz des Gedankens in die nach Erneuerung schreienden Zustände einschlägt.

Na endlich aber auch! Zustände! Deutsch! Revolution! Gedanken!
 
 
 
"Das Primzahlenkreuz" ...
  ... ist eine wunderbare Mischung aus deutschem Bürgerwahn, Räubers- und Mordgeschichten, Wissenschaftselitenbashing, Verschwörung made in Düsseldorf und der glorreichen Zukunft der Menschenheit. Da wird gestritten und erdacht, gelitten und zerkracht, patentiert und vergiftet und aufgedeckt wird auch.
Lesenwert, lesenswert, popesenswert.
Ich habe keine Sekunde bereut, wenngleich auch nichts gelernt.

Erwerben wir also Plichtas Werk, konsumieren wir es primär zur Entspannung. Und wer mag, der weint nicht mit ihm, sondern über ihn.
 
 
 
 
 
  Ach ja, eine Homepage hat er auch.
www.plichta.de/



Peter Plichta
Das Primzahlkreuz Band I
Im Labyrinth des Endlichen
ISBN: 3-9802808-0-2
Hauptaugenmerk: die wunderbare Autobiografie, yeah, dazwischen Primzahlereien und sowas.

Peter Plichta
Das Primzahlkreuz Band II
Das Unendliche
ISBN: 3-9802808-1-0
Verlagsinfo: "Dieser zweite Band stellt mathematische, naturwissenschaftliche und philosophische Ansprüche." Yes!
Hauptaugenmerk: die Fundamente seiner Mathematik.

Peter Plichta
Das Primzahlkreuz Band III
Die 4 Pole der Ewigkeit
ISBN: 3-9802808-2-9
Verlagsinfo: "Eine neue wissenschaftliche Theorie braucht - wie die Geschichte lehrt - mindestens eine, wenn nicht zwei Generationen für ihre Akzeptanz. Daß der Einzelkämpfer Plichta gar keine Lust darauf hatte, zu warten, bis er akzeptiert wird, hätte man sich natürlich denken können. Er sann also nach einer mathematisch genialen List, seine Ideen selbst zu beweisen."
Ich staune.
 
 
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