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Wien | 25.11.2002 | 16:50 
Früher: Heermeister der Hegemonie.
Jetzt: Teilzeit-Kalmücken-Khagan.

Gollackner, Gerlinde

 
 
Das finale telematische Wahlerlebnis
  Als Kind war Demokratie für mich immer eine faszinierende Maschinerie. Demokratie - das war, wenn Papi und Mami am Sonntag Vormittag in die Volksschule gingen und am Abend das Ergebnis, was Millionen Papis und Mamis in Tausenden Volkschulen eingeworfen hatten, von einer großen Apparatur im Fernsehen präsentiert wurde. Die Apparatur war ein Computer-Mainframe. Wichtig dabei: der Experte. Dieser hieß Professor Bruckmann, war Statistiker und verantwortlich für die komplizierte Prozedur, die wir so selbstverständlich als 'Hochrechnung' alle paar Jahre wahrnehmen. Dies ist natürlich viele, viele Jahre her.
 Professor Bruckmann und ein alter Hochrechner im Hintergrund
 
 
  Technologie, Computer und Experten signalisieren Zuverlässigkeit, Unbestechlichkeit und Objektivität. Der Maschine Demokratie muss man vertrauen können. Ich habe mal das Gerücht gehört, dass im Fernsehen noch immer die Bilder von rotierenden Magnetbandspeichern gezeigt wurden, obwohl die ganze Hochrechnung schon längst über kleinere und modernere Recheneinheiten vollzogen wurde - das Volk vertraue eben mehr den alten großen Rechnern, so der angebliche Grund für die Täuschungsaktion.

 Bald 17 Uhr...
 
 
  Wir leben ja in einer repräsentativen Demokratie. Die Herrschaft des Volkes wird also von Repräsentanten vollzogen. Eine repräsentative Demokratie heißt also nicht 'Demokratie, der Repräsentation willen'. Oder?

Wenn das p.t. Wahlvolk die laufende Hochrechnung mitverfolgt, so erlebt sie im Grunde eine Simulation, die sich dem realen Ergebnis annähert. Wechselnde Balkenlängen vermitteln uns aber ein Liveereignis, obwohl wir nur die Updates eines Rechenprozesses beobachten. Nichts spricht dagegen, dass dies nicht unspannend ist. Und schließlich gibt es ja auch User, die gespannt vor einem Installationsprozess am PC sitzen.

 Klare Sache um 17 Uhr
 
 
  Irgendwann verschwanden die Großrechner vom wahlabendlichen Bildschirm und Experte Professor Bruckmann wurde ÖVP-Abgeordneter. Der Technologieshowcase präsentierte sich anders. Die Zuverlässigkeit der Technik, wie gesagt, unabdingbar für eine repräsentative Demokratie, wurde von Josef Broukal vermittelt. Dem damals neu angebrochenen Internetzeitalter entsprechend, standen im Studio Laptops herum. Die Maschinerie präsentierte sich vernetzt und im Hintergrund. Es war die Aufgabe des Moderators, immer wieder auf das Wunderwerk der Demokratiemaschinen hinzuweisen.

 Werbeeinschaltung im staatstragenden Format
 
 
  Dass diesmal viel weniger über Technik gesprochen wurde, lag nicht daran, dass Herr Broukal von der Moderatorenrolle im Showformat Wahlabend zur Anmoderiert-werden-Rolle gewechselt hat, sondern mehr am überraschenden Ergebnis, das relativ früh klar stand (in einer Simulation, die dem Ergebnis dann doch sehr nahe gekommen ist). Eine Novität war übrigens auch die 3D-Animation des Nationalrats. Mögliche Sitzverteilungen wurden gerendert vorgestellt. Mir kamen spontan Gedanken, wie 'warum nicht auch die Abgeordneten 3D-animieren?', dies führte zum Gedanken 'gleich das Parlament durch eine Simulation ersetzen'. Aber, wie gesagt, eine repräsentative Demokratie bedeutet ja nicht 'Demokratie, um der Repräsentation willen'. Oder?

 3D-animiertes Parlament
 
 
  Andere Gedanken: 'Wer wirkte staatstragender, der Bundeskanzler oder Vera?' oder 'Bekommt die Republik Österreich eigentlich Geld für die Verwendung von Staatssymbolen in Billawerbungen?'. Wo wir wieder beim Thema sind: 'Was ist eine repräsentative Demokratie?'.

 Erdrutschsieger
 
 
  Das beste Zitat oder Versprecher gab ja der Herr Innenminister bei der Verkündung des vorläufigen Endergebnisses (siehe Bildunterschrift). Mehr gibt's heute von meiner Seite nicht zu sagen.

 'Danke an alle, die geholfen haben, diesen folgenlosen (sic!) Wahlgang durchzuführen.'
 
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