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Wien | 9.6.2004 | 19:30 
Früher: Heermeister der Hegemonie.
Jetzt: Teilzeit-Kalmücken-Khagan.

Gollackner, Gerlinde

 
 
Der Osten sieht rot
  Fm4-Radio hat bereits in den IT-News darüber berichtet: Letzte Woche wurde in der Volksrepublik China eine "Taskforce" ins Leben gerufen, die den Import und die Verbreitung von bedenklichen Computerspielen kontrollieren soll. Auch in der zunehmenden Verbreitung des digitalen Spieltriebs will die staatliche chinesische Zensur die Lufthoheit behalten. Die Wired News berichten, dass bereits vorher 2 Spiele im Reich der Mitte verboten wurden.
 Früher mussten nur die Bücher stimmen, aber jetzt...
 
 
"angeschmiert"
  Bei den einem Spiel handelt es sich um "Command&Conquer Generals", dem letzten Titel aus Real-Time-Strategieserie C&C. Command&Conquer hatte schon in den früheren Releases bewusst mit dem Klischees weltpolitisch untergebildeter junger Amerikaner gearbeitet. Bei "Red Alert" musste die freie Welt auch ein Jahrzehnt nach der Perestroika gegen den bösen Russen verteidigt werden. Bei C&C Generals suchte sich die Entwicklerfirma ein zeitgemäßeres Szenario: Die Welt als Konfliktherd zwischen den hochtechnisierten Westen, dem kommunistischen China und den Araber ansich. Dieser hat natürlich eine Menge Selbstmordattentäter, Anthrax, Scudraketen und aufrührische Massen in petto. Der Chinese dagegen verfügt über gigantomanische Superpanzer, Atomwaffen und Horden von Kanonenfutter war aber doch eher gut als böse und Verbündeter des Westen. Das offizielle China fand das trotzdem überhaupt nicht lustig und sah "das Ansehen der Volksrepublik und der Volksbefreiungsarmee angeschmiert".
 
 
  Der ist Osten ist rot!
Atomrakete der Volksbefreiungsarmee: links in der propagandistischen Selbstdarstellung; rechts beim Computerspiel C&C Generals
 
 
"All The Provinces Are Belong To Us"
  Ganz anders lautete die Begründung für den Verbot des zweiten Spiels: "Verzerrung der Geschichte und Schaden für Chinas Souveränität und territorialer Integrität". "Hearts Of Iron" war ein eher langweiliges Strategiespiel aus der schwedischen Spieleschmiede Paradox und erinnerte an ein überdimensioniertes "Risiko" am Computer mit dem Thema Zweiter Weltkrieg. Wie beim bekannten Brettspiel muss der Spieler dabei verschiedene Länder und Territorien auf einer Weltkarte erobern und kontrollieren. Stein des Anstosses waren 4 Spielfelder mit den Bezeichnungen: Tibet, Manchuria, West Xinjian und Taiwan. Die ersten drei genannten wurden als souveräne Territorien dargestellt, während die Insel Taiwan zum japanischen Kaiserreich zugehörig benannt wurde. Auch dies wurde nicht als lustig befunden: "Dies verzerre vehement historische Fakten...", meinten dazu die volksrepublikanischen Spielekontrollore und sprachen daraufhin den Bann aus.
 
 
 
Spielkarte bei "Hearts Of Iron". Einige der gezeigten Spielfelder waren der chinesischen Zensur zu gefährlich
 
 
"Und Tibet war doch frei..."
  Der Schönheitsfehler bei der Argumentation: Tibet, West Xinjiang und die Mandschurei waren tatsächlich unabhängig agierende Territorien fernab vom Einfluss des damals, ohnehin von Bürgerkrieg und japanischer Aggression zerrütteten China. Die Tibeter hatten bereits 1910 die chinesische Besatzung der letzten Kaiserdynastie hinaus geworfen und erfreuten sich bis zur Invasion 1949 durch die Volksrepublik einer Unabhängigkeit in ihrem tradierten feudalistischen Alltag. West Xinjiang (oder Ost Turkestan) wurde vor der Errichtung der Volksrepublik von einem abtrünnigen Warlord fernab von Beijing regiert und die Mandschurei war als Kaiserreich Mandschukuo nicht unabhängig, aber als Marionettenstaat von japanischen Gnaden erst recht keine chinesische Provinz mehr. Ganz unumstritten der historische Status von Taiwan während des Zweiten Weltkriegs: die Insel war bereits seit 1895 als Kolonie Teil des japanischen Imperiums.
 
 
 
  Der Vorwurf der Geschichtsverfälschung der chinesischen Zensurbehörden birgt also selber die Geschichtsverfälschung in sich. Der Hintergrund liegt eher in der gegenwärtigen politischen Situation, als im Anspruch auf historisch richtigen Fakten. Die Autonomiebestrebungen der tibetischen Opposition sind durch Beastie Boys und Richard Gere weltweit bekannt. Weniger erfährt man in den westlichen Medien von den Unruhen der moslemischen Minderheiten in West Xinjiang (Islam ist ja auch nicht so hip, wie tibetischer Buddhismus). Und der Status des kleinen taiwanesischen Eiland als eine chinesische Provinz ist , trotz jahrzehntelanger Trennung vom Festland, eine mit militärischen Drohungen vehement vertretene Meinung der chinesischen Regierung.
 
 
 
"Raubkopien ja, historische Autonomie dagegen..."
  Ein kleines Detail am Rande: Interessanterweise wurde auch annonciert, dass verstärkt gegen Websites und Internetcafes, die bedenkliche Spiele verbreiten, vorgegangen wird. Nun werden PC-Spiele eigentlich noch immer im Format CD-ROM verkauft und ausgeliefert. Es ist bekannt, dass raubkopierte Software in China gerade in Internetcafes und auf einschlägigen Webseiten ihren Weg zum Millionenuservolk findet. Gegen raubkopierte Spielesoftware wird also nur vorgegangen, wenn darin Tibet, West Xinjian und Taiwan als autonome Territorien genannt werden, könnte man hier polemisch meinen.
 
 
 
E-Sport und Verstimmungen
  Das Beispiel zeigt zumindest, dass auch die Volksrepublik China das "Medium" Computerspiel sehr ernst nimmt. Einen anderes Beispiel dafür ereignete sich 2001 bei der World Cyber Games in Korea, den Weltmeisterschaften in Computerspielen. E-Sport, also das sportlich betriebene professionelle Turnierspielen, erfreut sich gerade in Ostasien, mit Korea (Süd) als Vorreiter, bald schon ähnlicher Beliebtheit, wie "echte" Sportarten. Als der 17jährige taiwanesische Sieger des Bewerbs "Age Of Empires II" (Asiaten bevorzugen eher Real Time Strategie im Gegensatz zu Westler, die lieber Counterstrike zocken) am Siegespodest die taiwanesische Fahne schwenkte, fand es die offizielle Volksrepublik gar nicht lustig (die ORF-Futurezone berichtete darüber). Ein Teenage- Gosu (den Begriff soll jemand im Forum erklären) führte also zu bilaterialen Verstimmungen, die bisweilen in der Art nur von taiwanesischen festlandfeindlichen Politikern ausgelöst wurden.

Zum Thema World Cyber Games 2004, E-Sports und wie ihr Euch daran beteiligen könnt, demnächst mehr in diesem Kanal.

 Die Flagge der Republic Of Formosa von 1895. Für einige Monate war Taiwan die erste Republik in Asien, aber das ist eine andere, komplizierte Geschichte...
 
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