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Wien | 15.6.2004 | 21:24 
Früher: Heermeister der Hegemonie.
Jetzt: Teilzeit-Kalmücken-Khagan.

Gollackner, Gerlinde

 
 
Das Märchen vom Chollima-Fußballteam
  Ich gehöre ja zu der Gattung bedauerlicher Kreaturen , die in der Schule immer als letzter in eine Fußballmannschaft gewählt wurde.

Als biennaler Fußballseher (WM und EM) interessierte mich vielleicht auch deswegen der narrative Tand um das eigentliche Geschehen herum. Doch davon wurde hier schon genug berichtet. Blumenau erzählte von Theweleits Buch und ich repetiere hier noch einmal folgendes Zitat:

"Wo die reale Bedeutung einer Sache schwindet, tritt - wenn man sie bewahren will - ein Mythos an ihre Stelle. Fußball, Politik, Popwelt sind voll von solchen Mythen ."
 
 
"The Game Of Their Lives"
  Der britische Filmemacher Daniel Gordon erzählte gestern in einer deutsch-und-französischsprachigen Fernsehpremiere von der Geschichte des nordkoreanischen Fußballteams bei der WM 1966 in England. Dafür suchte er 4 Jahre lang um eine Drehgenehmigung für die abgeschottete irrealsozialistische Volksrepublik. Heraus kam eine Dokumentation, die durch die Geschichte, der Erzählform, der Gestaltung und den Einblicken in ein nicht nur durch die Distanz fernen Landes, zeigt, was Fußball als Quelle für Mythen noch sein kann. Ein außergewöhnlicher Film, eine außergewöhnliche Geschichte.
 
 
 
 
 
Von Kambodscha nach Liverpool
  Achtung, falls die Geschichte noch nicht bekannt ist und auch bis zur Ansicht des Filmes so bleiben soll, bitte hier aufhören zu lesen

Die wahre Mär in Schnelldurchlauf: Bei der Vorausscheidung zur WM 66 wird Asien, Afrika und Ozeanien zusammengefasst/ Alle Teams ziehen sich aus Protest zurück/ Außer Australien und Nordkorea/ Begegnung Nordkorea-Australien (ehemalige Kriegsgegner) auf neutralen Boden in Kambodscha/ Nordkorea schlägt selbstsichere Australier 6:1 und 3:0/ Nordkorea in der Endrunde in England/ Nordkorea macht Testspiele im gesamten Ostblock/ England hat nun Problem, weil Nordkorea nicht anerkannt und eigentlich noch Feind/ Erstes Spiel gegen Gruppengegner UdSSR/ Russen durch Testspiele vorgewarnt, spielen hart, sehr hart/ Publikum in Middlesbrough hat Mitleid und Respekt mit den kleinen Koreanern (alle ca 1,60 groß), die von den großen Russen nur herumgeschubst und gefoult werden/ Korea verliert tapfer gegen "brutale" Russen 0:3/ Zweites Spiel gegen Chile/ Nach 0:1 Stand (Elfmeter Chile)jubelt ganz Middlesbrough ihre neue Lieblingsmannschaft mit "Korea, Korea"-Rufe zum Ausgleich in der 88. Minute/

 
 
  Nächster Gegner Italien/ Auch Italien zu selbstsicher/ In der 41. Minute schießt der Spieler Pak Doo-ik die Nordkoreaner ins Viertelfinale und Italien ins Eselseck/ Umzug nach Liverpool/ die kommunistischen Nordkoreaner beziehen das italienische Quartier, ein katholisches Seminar/ italienisches Team inzwischen unter faulen Eiern und Tomatenwürfen zurückgekehrt, "Korea" wird geflügeltes Wort für Blamage/ Im Liverpooler Goodison Park Stadium trifft Korea auf Portugal/ mit dabei: 3000 englische "Koreafans" aus Middlesbrough/ Fans werden nicht enttäuscht: Pak Seung-Jin schießt in der ersten Minute bereits ein Tor/ Fans verlangen nach mehr/ in der 21. Minute fällt das zweite Tor/ eine Minute später steht es bereits 3:0/ Portugal beginnt das Spiel umzudrehen/ Koreaner haben nie gelernt zu mauern, einen Sieg zu retten/ Portugiesischer Stürmer Eusebio allein schießt 4 Tore/ Spiel endet mit 3:5/ Koreaner fahren nach Hause/ und waren nie wieder gesehen/ England wird in Wembley im legendären Spiel gegen Deutschland Weltmeister

ab hier kann man wieder lesen

 
 
 
 
Nördlich des 38. Breitengrads
  Daniel Gordon spürte mit seinem Kamerateam die noch lebenden Mitglieder des nordkoreanischen Wunderteams auf. Im Gegensatz zu manchen Gerüchten (Das Team wurde wegen Ausschweifungen mit Frauen, Alkoholexzessen und weil sie nicht Weltmeister geworden sind, nach Rückkunft sofort eingekerkert) führten die angetroffen Veteranen alle ein angenehmes, von der Staatsführung hochbelohntes Leben und waren zum Teil als Trainer dem Fußball noch verbunden. Nach Auskunft des Filmemachers wurden die Dreharbeiten nicht behindert oder erschwert. Wie in anderen klassischen Dokumentarfilmen wechseln sich Archivaufnahmen und Interviews mit Beteiligten und Zeitzeugen in der bekannten Art und Weise ab. Ungewohnt ist der Blick des Filmemachers auf das heutige Nordkorea, gezeigt werden sowohl Alltagsszenen, Interviews mit Zeitzeugen, ein Besuch bei der schwerbewachteten Demarkationslinie mit Interview mit einem Grenzsoldaten über Fußball. Etwas eigenartig wirken nur die ideologisch gefärbten Aussagen der Interviewten.

 
 
Chollima
  Ein koreanischer Zeitzeuge erzählt, wie er das Spiel gegen Italien nicht mitverfolgen (Radio) konnte, da er arbeiten musste. Als er aber vom Sieg hörte, war er so begeistert, dass er "am gleichen Tag noch 300% an Leistung bei der Arbeit zulegen konnte". Ein ehemaliger Spieler des Sensationsteams beschreibt seine damalige Freude im Herzen als sie die Vorgabe des großen Führers Kim Il-Sung "macht eins, zwei Siege bei der WM" erfüllen konnten. Interessanterweise wurden Aussagen dieser Art mit einer Lockerheit und Sebstverständlichkeit von den Interviewten von sich gegeben, als ob nichts Falsches den Worten Sinn anhaftete, fast hätte man glauben können, dass sie es wirklich glauben. Durch den gewohnten Dokumentarstil verstärkt war das Unglaubwürdige fast "wahr".

Und immer wieder die Erwähnung von "Chollima", der nordkoreanischen Version des "großen Sprung nach Vorne". In den späten Fünfziger wurde in Nordkorea vom Regime eine kollektive Anstrengung zur Steigerung des Wirtschaftplans angeschafft, das ganze Land verhielt sich in ihrem Leistungswahn wie ausgerastete Angestellte einer New-Economy-Firma (Tatsächlich wurde eine Steigerung von 44% erreicht, allerdings war das Anfangsniveau sehr niedrig). Die Mannschaft selber definierte sich als Chollima-Team, als sportlicher Leistungsbeweis der Übererfüllung planwirtschaftlicher Ziele.



 
 
 
 
Umgedrehte Welt
  In einer zielorientierten Ökonomie, und dies gilt sowohl für die Gebräuche kapitalistischer Marktwirtschaft, als auch für die sozialistische Planwirtschaft, ist ,verkürzt gesagt, allein das Erreichen oder Übertreffen eines vorgegebenen simplen Ergebnis der Beweis, ob eine Methode, ein Prozesses, eine Strategie, eine Weltanschauung recht hat oder nicht. So gesehen, wäre der unerwartete Erfolg der Chollima-Mannschaft von 1966 als Beweis für den Richtigkeit des nordkoreanischen Weges zu sehen. So absurd ist diese Rezeption nicht, wenn man den oftzitierten mentalen Einfluss des Cordoba-Spiels von 1978 auf das österreichische Wir-Gefühl bedenkt.

In einer Welt nach der Definiton des Fußballs hätte England noch immer das Empire, wenn es nicht dauernd Pech im Elferschießen hätte; Österreich wäre eine Nation mit jahrtausendalter Geschichte in der den Deutschen über den Alpennordkamm immer wieder die Suppe versalzen wurde und Nordkorea, ein kommunistisches Paradies zufriedener und guternährten Genossen, das Spielkonsolen, Videokameras und Handys in die ganze Welt exportiert.

Auf einer sympathischeren alltäglichen Ebene bleibt die Szene haften, wie ein erwachsener Middlesbrough-Bürger stolz seine, als kleiner Junge 1966, zusammengetragene Sammlung von Autogrammen aller Teamspieler aus einem Land, das als Mitglied der "Achse des Bösen" in weiter Ferne einer unter anderem auch fußballbegeisterten Weltgemeinschaft gerückt ist.

Um Theweleits Zitat von oben abzuwandeln:

Wo die reale Bedeutung einer Sache gar nicht existiert, treten Mythen, die reale Bedeutungen schaffen, in der Politik, in der Wirtschaft und auch beim Fußball.

P.S.: Warum und wie die Nordkoreaner so gut gespielt haben, das soll der Blumenau erklären. Der hat sicher noch irgendwo die Notizen, die er sich 1966 zu den Spielen gemacht hat ;)


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  Der Link zur offiziellen Website des Dokumentarfilms "The Game Of Their Lives"

thegameoftheirlives.com
   
 
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