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Wien | 12.7.2004 | 23:46 
Früher: Heermeister der Hegemonie.
Jetzt: Teilzeit-Kalmücken-Khagan.

Gollackner, Gerlinde

 
 
absolute PAUL FEYERABEND
  Good authors, too, who once knew better words,
Now only use four-letter words,
Writing prose,
Anything goes.

Cole Porter: Anything goes


Derbe Ausdrücke liebte Paul Feyerabend. Bevorzugt auf Englisch und vor allem im Austausch mit Brief- und Denkerfreund Imre Lakatos. Nicht ungewöhnlich, dass ein "You Bastard" im intellektuellen Schriftverkehr der beiden Freunde vorkam. Ein Austausch, aus dem auch Paul Feyerabends berühmtestes Werk "Against Method" ("Wider den Methodenzwang") entsprang. Vor allem das darin postulierte "Anything goes" begründete Feyerabends Ruf als anarchistischer Erkenntnistheoretiker, als Dadaist der Wissenschaftskritik und umhüllte ihn lange Zeit mit der Aura eines Popstars der denkenden Zunft.
 Paul Feyerabend beim Abwasch.
 
 
  absolute Paul Feyerabend ist ein liebevoll gestalter Reader zu Person und Werk: Ausgesuchte Texte und Interviews, Bilder, Ansichtskarten (vorne und hinten) aus Feyerabends umfangreicher Korrespondenz (z.B. mit Freund Lakatos), unterbrochen durch prägnante Zitate in Headlinegröße. Als roter Faden zwischen all diesen Elementen gestaltet sich die Biografie des österreichischen Denkers: Geboren 1924 in bescheidenen Verhältnissen in Wien. Matura 1942. Eintritt in die Offizierschule, um, nach eigenen Aussagen, den Einsatz an der Front so lange wie möglich zu verzögern. Zum Fronteinsatz kam es dann doch noch. In der Endphase des Krieges wurde der junge Leutnant der Wehrmacht schwer verwundet und musste seither am Krückstock gehen. Nach dem Krieg studierte er an der Uni Wien die Jugendinteressen Astronomie, Physik und Mathematik. Nebenher konnte er sich auch durchaus eine Karriere als darstellender Künstler vorstellen. Paul Feyerabend war ein Opern-Nerd und konnte Jahrzehnte zurückliegende Operninszenierungen mit Sängern und Rollen referenzieren, wie Martin Blumenau Fußballmanschaftsaufstellungen. Er verkehrte in den Theaterkreisen des Nachkriegs-Wien. Durch diese Kontakte wurde ihm einmal sogar eine Assistentenstelle bei Bertolt Brecht angeboten. Feyerabend lehnte ab. "Einer der größten Irrtümer meines Lebens", meinte er dazu Jahrzehnte später. Die Wissenschaft blieb das Leit- und Leidmotiv seiner persönlichen Bühnenarbeit.

 absolute PAUL FEYERABEND.

Herausgegeben von Malte Oberschelp. Erschienen bei Orange Press, 2002.
 
 
  "Gegen die Vernunft habe ich nichts, ebensowenig, wie gegen Schweinebraten. Aber ich möchte nicht ein Leben leben, in dem es tagaus tagein nichts anderes gibt als Schweinebraten."

Brief an Hans Albert (1970)
 
 
 
Against Popper
  Das Auffallendste an Paul Feyerabend war immer ein gewisses Maß an Respektlosigkeit. So fiel der "goscherte" Wiener im Physikunterricht auf, das gefiel auch dem berühmten, ebenfalls österreichstämmigen Wissenschaftsphilosophen Karl Popper. Feyerabend setzte seine Forschungen in Großbritannien fort. Popper förderte ihn. Das rechnete ihm Paul Feyerabend ein Leben lang hoch an. Zum Anti-Popperianer wurde er trotzdem.
 
 
 
  Im seinem Kritischen Rationalismus wandte sich Karl Popper gegen das Postulat von unhinterfragbaren Wissen und Gesetzen. Als wahr kann etwas so lange gelten, eine Theorie zum Beispiel, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist. Und auch dies musste nicht die Wahrheit bedeuten. Ein Ansatz der Methode wurde: die Falsifikation. Eine Methode, die sich bald in der gesamten Wissenschaftswelt breit machte und darüber hinaus: Auf der Unbeständigkeit von "Wahrheiten" baut auch Poppers Ablehnung von Ideologien, ob rechts oder links, auf. Die liberale Demokratie war so durch ihre Möglichkeit der Fehlerkorrektur, abseits von gesellschaftlichen Idealbildern verschiedener Ideologien, noch immer das beste politische System, so der später durch Queen Elisabeth geadelte Sir Karl Popper.

 Sir Karl Popper:
Entdecker, Förderer, Schulmeister und Objekt der Kritik und Häme von Paul Feyerabend.
 
 
  Anfangs imponierte Feyerabend der fast eine Generation ältere Exilösterreicher. Vor allem die Art, wie Popper respektlos mit bisher unumstößlichen Geistesgrößen, von Plato bis Hegel, umging, gefiel dem "goscherten" Wissenschaftler. Die Entfremdung zum Lehrmeister passierte durch die eigene Erfahrung im institutionellen Wissenschaftsbetrieb und im Umgang mit der gesamten Popperianischen Schule. "Wittgenstein war ein Philosoph, Popper ein Schulmeister", so das Fazit seiner "formative years" an den Universitäten in Großbritannien.

Die Essenz seines Unbehagens gegenüber den Popperianern war die Erkenntnis, dass der Kritische Rationalismus zwar alle Wahrheiten einer permanenten In-Fragestellung unterwirft, außer die Wahrheit des Kritischen Rationalismus selber. Ausgehend davon stellt Feyerabend selber in Frage, was vom Rationalismus nie in Frage gestellt wurde: die Wissenschaft an sich, ihre Vormachtsstellung und Arroganz ("Der Kritische Rationalismus stellte zwar die Grundsätzlichkeit von Wahrheiten in Frage, stellte aber selber grundsätzliche Definitionen auf, was wissenschaftlich ist oder nicht.").

Auch Feyerabends Schreibstil begann sich zu ändern. Anfänglich abstrakt akademisch, nur verständlich für eine kleine Zielgruppe von Experten, wandelt er sich zu einem bewusst verständlich schreibenden Autor, direkt, provokant und nicht ohne Humor. Nicht unwichtig für seine spätere Popularität bei einem größeren Publikum, außerhalb akademischer Kreise.

 Ludwig Wittgenstein: Ursprünglich wollte Paul Feyerabend bei Wittgenstein, den er ihn Wien kennenlernte, lernen. Der Tod des Philosophen 1951 machte dies nicht mehr möglich. Karl Popper war die zweite Wahl. Es bleibt die kleine "Was wäre wenn"-Frage der Philosophiegeschichte, wenn Feyerabend und Wittgenstein mehr zusammen gekommen wären.
 
 
  "Ich scheiße auf die Wahrheit, was immer das ist. Was wir brauchen, ist Gelächter."

Brief an Imre Lakatos (1971)
 
 
 
Der schlimmste Feind der Wissenschaft
  Anfang der 60er übersiedelte Feyerabend in die USA. Die Universität von Berkeley wurde zur Heimat und zum Hauptauftrittsort des verhinderten Sängers und Schauspielers (Gesangsstunden nahm er trotzdem noch). Im Gegensatz zu anderen europäischen Gelehrten, die in den USA eine Zeit lang lebten (z.B. Adorno) tauchte er voll in die Vielfalt der Populärkultur ein. Der Opern- und Theaterfan, der er Zeit seines Lebens auch bleiben wird, genoss Musicals, Soap-Operas, James Bond, Fernseh-Krimis, Flipper und Wrestling. Jahrzehnte später sollte diese Erfahrung zu einer Erweiterung seines Dissenz gegen alles Elitäre, auch zur Abneigung gegen den Avantgardismus führen, den er in der Abgehobenheit mit der Wissenschaft vergleichen wird. Eine andere Erfahrung, die keinen unwesentlichen Einfluss auf Feyerabends Werk hatte, waren die Studentenunruhen ab 1968. Berkeley war ein Brennpunkt der Bewegung. Feyerabend nahm daran nicht teil. Im Gegenteil: aufmüpfige Studenten stieß er in den Vorlesungen vor dem Kopf, indem er entweder den Reaktionär heraushängen ließ, oder provokant in der Radikalität links überholte. Fast schon renitent musste der gelehrte "Bühnendarsteller" immer die Gegenposition zum allgemein Vorgetragenen der "revolutionären" Zuhörerschaft im Hörsaal einnehmen, ein permanenter, zynischer Falsifikator der linken Studentenschaft, so weit war man dann doch nicht von Popper entfernt. Gegen Repressionen der Administration schützte er seine aufrührerischen Schüler trotzdem immer wieder.

 Feyerabend war Ehrenmitglied beim Fanclub des Wrestlers Ray Stevens. Vom griechischen Ringen zum Wrestling: "Das ist wie für mich der Übergang vom beschränkenden Verstand zur alles befreienden Vernunft, Hegel, Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems der Philosophie, Seite 13 ..."

So Paul Feyerabend vor einem Kampf von Ray Stevens gegen "die Mumie".
 
 
  "Letzte Woche hielten Mitglieder der Gay Liberation Front in meiner Vorlesung eine Ansprache. Am Ende hielt ich eine mitreißende Rede zugunsten des sexuellen Anarchismus, Ziegen, Inzest und so weiter, die selbst sie aufregte."

Trotz seines Wehklagens um die "Humorlosigkeit" der Linken, war er doch von den Geschehnissen der Zeit in seinem Interesse sehr beeinflusst. Er las von Lenin, Bakunin und Mao. Besonders gut gefiel ihm Daniel Cohn-Bendit. Auch die neu eröffnete Vielfalt der verschiedenen Ethnien und Subkulturen, die sich im Umkreis der Universität einfand, wird nicht ohne Einfluss auf sein späteres Werk sein. Hier wird er auch ein neues Publikum für sein berühmtestes Buch "Against Method" gewinnen. Das Buch erscheint nicht umsonst im Verlag "New Left Books". Obwohl noch immer ein wissenschaftliches Werk, wollte Feyerabend bewusst, wie er vor abratenden Freunden erwähnte, ein Buch für Studienabbrecher oder potenzielle Studienabbrecher schreiben.

Ursprünglich als Projekt einer Doppelausgabe einer theoretischen Auseinandersetzung für und gegen die "Methode" mit seinem engen Freund Imre Lakatos, der noch weiter Poppers Ideen verteidigte, blieb durch Lakatos Tod 1974 nur noch das "Against" über. In "Wider den Methodenzwang" postulierte er, ausgehend von der alten These des Kritischen Rationalismus, den Weg des Widerspruchs zu suchen, den theoretischen Anarchismus, "der zum Fortschritt in jedem Sinne beiträgt, den man sich aussuchen mag". Entgegen einer festgelegenen Methode oder einer feststehenden Theorie der Vernünftigkeit kann es, so die Einleitung zum Buch, nur einen Grundsatz geben, "der sich unter allen Umständen und in allen Stadien der menschlichen Entwicklung vertreten lässt. Es ist der Grundsatz: Anything goes".

 Paul Feyerabend, etwas jünger.
 
 
  Später wird sich Paul Feyerabend über das allzuoft falsche Verständnis des Zitats "Anything goes" und andere aus seinen Werken herausinterpretierte Regeln und Begrifflichkeiten ärgern. Keine neue Regeln sollten hier aufgestellt werden, "Anything goes" war mehr die Essenz einer Zustandsbeschreibung über die Theorie und Wissenschaft. In mehreren Beispielen neuerer und älterer Wissenschaftsgeschichte zeigt "Wider den Methodenzwang", wie "Against Method" in der deutschen Ausgabe übertitelt wird, die Grenzen aller Methodologien auf. Ein Plädoyer für mehr Anarchismus in der Ordnungs-und Regelwelt der Wissenschaft. Das renommierte Wissenschaftsmagazin "Nature" wird ihn auch deswegen viele Jahre später noch als "schlimmsten Feind der Wissenschaft" bezeichnen. Den größten Anhängerkreis gewann das wissenschaftskritische Buch tatsächlich unter Kreisen außerhalb der Wissenschaft. Es waren Sätze wie: "Ein theoretischer Anarchist ist wie ein Geheimagent, der das Spiel der Vernunft mitspielt, um die Autorität der Vernunft (der Wahrheit, der Ehrlichkeit, der Gerechtigkeit usw.) zu untergraben.", die für viele das Buch zu einem weit subversiveren Werk auch außerhalb des Scopes der Wissenschaftskritik erschienen ließ. "Against Method" wurde in mindestens 18 Sprachen übersetzt. Der Erfolg des Buches überraschte ihn selber. Die anfänglich schlechte Kritik der Kollegen aus der Wissenschaft bedrückte Feyerabend trotzdem.

 Paul Feyerabend, etwas älter.
 
 
  "Inzwischen lese ich mit Genuss allerlei historische Klatschgeschichten, z.B., dass ein siegreicher römischer Feldherr als Teil der Siegeszeremonie von einem Sklaven geohrfeigt wurde, um seine Bescheidenheit nicht zu sehr zu verlieren. Das wärer ein nützlicher Zusatz bei Verleihungen von Nobelpreisen, und ich wäre gern bereit, selbst die Watschen auszuteilen."

An Hans Peter Duerr (1983)
 
 
 
  Nach "Against Method" entfernte sich Feyerabend immer mehr von der westlichen Wissenschaft. Fast schon aus Prinzip oder gar einer Methodik heraus lud der "Against Method"-Star und Relativist (so das Label, das für ihn bald gefunden wurde) immer wieder wissenschaftsferne Wissende zu seinen Vorlesungen ein: bekennende Hexen oder bibeltreue Evolutionisten, auch die Thesen des umstrittenen Autors Immanuel Velikovsky (Echnaton war Ödipus, die Erde stand still usw.) einer Persona non Grata auf den verschiedensten wissenschaftlichen Institutionen der damaligen Zeit.

Auch in Europa war er wieder des öfteren tätig. In Zürich unterrichtete er mit einem offenen Seminarkonzept. Für die entstehenden Grünbewegungen der 80er waren viele seiner Studien ein wichtiger theoretischer Input.

1989 veranlasste ihn ein Erdbeben in Kalifornien zur endgültigen Heimkehr nach Europa. Er schrieb an seiner Autobiografie, in der er seine Kindheit und Jugend in der Nazizeit zum ersten Mal zu thematisieren getraute. Während Feyerabend früher nur von einer lästigen Episode sprach, reflektierte er 50 Jahre später über Gefühlslosigkeit, Anpassungsbereitschaft und miterlebte Kriegsverbrechen, die er früher nie erzählt hatte. Es wurde offensichtlich, dass er davor viel verharmlost hatte. 1994, wenige Wochen nach der Beendigung der Autobiografie "Zeitverschwendung" starb Paul Feyerabend an den Folgen eines Gehirntumors. Begraben wurde er ihn Wien, für das er eigentlich Zeit seines Lebens nichts übrig hatte. Der viel ältere Sir Karl Popper überlebte seinen Kritiker um 7 Monate.
 
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