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Wien | 9.11.2004 | 03:03 
Früher: Heermeister der Hegemonie.
Jetzt: Teilzeit-Kalmücken-Khagan.

Gollackner, Gerlinde

 
 
Give me Democracy...
  Am Donnerstag verwies ich auf nebenstehende Karte (Fullsize)

Was wäre wenn das US-Wahlergebnis nicht blau/rot nach den gewonnenen Bundesstaaten, sondern nach den Stimmenverhältnis aufgeschlüsselt wäre. Zugleich erwähnte ich kurz, das manche "unserer" Bilder von der amerikanischen Demokratie so nicht stimmen. Dies nicht weiter zu erläutern, wirkte, wie auch User "sophisticated" richtig anmerkte, ein bißchen "zeigefingrig". Der Zeigefinger sollte hier weiter ausgeführt werden.
 
 
Eine sehr verkürzte Geschichte der amerikanischen Demokratie
  Das Zwei-Parteien-System entstand sowohl aus dem Geiste eine Demokratie fern des kleinlichen Parteienstreits zu schaffen, als auch gerade aus dem Streit unzähliger Parteien. George Washington mochte keine Parteien. Und tatsächlich wurde in der jungen Demokratie aller Parteienstreit bald durch die Dominanz einer fast allmächtigen Staatspartei aufgelöst. Diese waren die Republikaner und sind nicht mit den Republikanern von heute zu verwechseln, denn nach vielen Spaltungen und Veränderungen nannten sich die Republikaner von damals plötzlich Demokraten (die alten Republikaner werden heute zur historischen Eindeutigkeit auch Democrats-Republicans genannt). Die Republikaner von heute, die sich auch die Grand Old Party nennen, sind die jüngeren der beiden Parteien. Das Erscheinen dieser neuen Republikaner führte auch zur großen, traumatischen Teilung des Landes, die zum Bürgerkrieg führte. Die Demokraten des Südens riefen die Sezession aus, als der bevölkerungsreiche Norden den ersten Republikaner, also den politischen Urahnen von George W. Bush, zum Präsidenten wählte, dieser hiess Abraham Lincoln und gilt bis heute als Sinnbild für Emanzipation von unterdrückten Minderheiten, Gleichberechtigung und liberalen Geist, alles Tugenden, die eigentlich heute den Demokraten zugeschrieben werden.

 Abraham Lincoln, Sklavenbefreier und
politischer Vorfahre von George W. Bush
 
 
Republikaner vs Demokraten:Es war mal ganz anders rum

Blau: Republicans
Grün: (Southern) Democrats
 
 
  Übrigens wurde damals auch gegen den ersten republikanischen Präsidenten in New York City heftig demonstriert. Wie dieses Jahr während des Wahlkampfes gegen Bush, gingen auch 1863 die Massen gegen Lincoln auf die Strasse. Bei den Draft Riots wurde nicht nur gegen den Präsidenten geschimpft, sondern nebenher Dixie-Hymnen intoniert, die Sezession ausgerufen und Neger gelyncht. Verkürzt gesagt: die heute als konservativ geltenden Republikaner war die Partei der Sklavenbefreiung, die heute als liberal geltenden Demokraten waren die Sklavenhalterpartei. Nach dem Sieg des Nordens gab es von 1876-1948 das Phänomen des "Solid South": Südliche Bundesstaaten, wie Texas (wo Bush Gouverneur war) wählten zur Abgrenzung vom Norden durchgehend die Demokraten. Es waren auch demokratische Politiker, die die sogenannten Jim-Crow-Gesetze zur Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung aufrecht erhielten. Es waren die demokratischen Bundesstaaten des Südens, in denen bis ins letzte Jahrhundert Lynchmorde an Schwarze geduldet wurden.

 Lynchmord an Sam Hose
 
 
  Mitte des letzten Jahrhunderts begann sich so manches bei den Demokraten zu ändern. Sie wurden "liberaler", man näherte sich sogar der Bürgerechtsbewegung an. Dies galt natürlich nicht für die rassistischen Demokraten des Südens. Übrigens gab es bei der Präsidentschaftswahl 1968 das letzte Mal eine dritte Partei neben Republikaner und Demokraten, die Elektoren gewinnen konnte: der ehemalige Demokrat George Wallace konnte mit einer rechten Splitterpartei, die für die Beibehaltung der Diskrimierung der Schwarzen eintrat, 5 Bundesstaaten für sich gewinnen (Viele Jahre später wird der gleiche George Wallace, der eigenhändig Schwarze von Schulen abwies, eine totale Kehrtwende machen, sich bei allen Schwarzen Mitbürger entschuldigen und als Gouverneur vom Hardcore-Südstaat Alabama bewusst viele Schwarze in politische Ämter befördern, aber das ist eine andere Geschichte...). Nixon erkannte die ideologische Spaltung des Gegners und gewann durch die sogenannte "Southern Strategy" den Süden nachhaltig für die Republikaner, indem er die konservativen Themen der Demokraten besetzte. Dies gilt bis heute. Die letzten zwei Präsidenten der Demokraten verdankten ihren Wahlsieg unter anderem dessen, das sie Südstaatler (Carter aus Georgia, Clinton aus Arkansas) waren. Weiters gibt es noch immer den demokratischen Brauch, dass Kandidat für den Vice-President immer aus dem Süden kommt, wenn der hauptkandidat aus dem Norden ist (siehe Edwards aus Georgia)

 Republikaner Nixon gewann durch seine "Southern Strategy" den Süden (hier mit Südstaatler Elvis)
 
 
Die eigentlichen Leitthemen
  Wir sehen: das Flip-Flopping ist keine Unterstellung der Republikaner an John Kerry, sondern ein historisches Prinzip der amerikanischen Parteienlandschaft. Links-Rechts, Konservativ-Liberal halten in der Einschätzung der beiden Pole der amerikanischen Demokratie historisch nicht stand. Die eigentlichen Leithemen sind ohnehin andere:

Individualism Rules The Nation
Schon die alten Republikaner (also die Vorläufer der Demokraten) definierten sich als Opposition zu einer verstärkten Macht einer Zentralregierung. Dahinter steckt sowohl die amerikanische Urangst der ersten Zeit vor einer Transformation der jungen Republik in eine Monarchie (wie in Frankreich bei Napoleon geschehen) als auch die Verehrung der heilige Kuh der Individualität. Die Sezession wurde vom Süden zur Erhaltung der Individualität der Bundestaaten ausgerufen, die Republikaner im Norden starteten darauf die größte staatliche Intervention in der amerikanischen Geschichte, der Krieg zur Erhaltung der Union. Die letzten großen staatlichen Interventionen gingen vom Demokraten Jimmy Carter aus (z.B.: Antitrustgesetze gegen die übermächtig gewordene Telefongesellschaft, nicht unwichtig für die Entwicklung des Internets), während Republikaner von Reagan bis Dubyah das Motto Individualität durch Besetzen von einer Reihe von Themen von deregulierten freien Markt bis zum uneingeschränkten Waffenbesitz sehr erfolgreich besetzen.


 Johnny Reb bläst zum Angriff für den Individualismus
 
 
  One Nation under a Protestant God
Um wieder auf den Bürgerkrieg zurück zu kommen: Die Sklavenbefreier im Norden agierten zumeist aus einer radikalen religiösen Überzeugung heraus. Nicht zu vergessen beruht der Gründungsmythos der USA aus der historischen Tatsache, dass Siedlungen diverser evangelikaler Sekten der Anfang der 13 Provinzen waren, jede mit einer eigenen rigiden Vorstellung, wie Gesellschaft auszusehen hatte. Man darf nicht ausser acht lassen, dass der Protestantismus sich auch in Europa nur als Herrschaftsreligion durchsetzen konnte, der politischen Macht also nie fern war (Luther-Kurfürsten usw., eine andere Geschichte) und nicht unbedingt durch Werte, wie Toleranz(Anm. an die protestantischen Leser: bin selber Protestant). Dies mussten vor allem die heidnischen Ureinwohner erleben, die von der demokratischen USA tendentzell immer härter verfolgt wurden, als von Briten und Franzosen. Die Republikaner, aus religiösen Bewegungen des Nordens entstanden, finden ihre fundamentalistische christliche Kernwählerschicht übrigens im sogenannten Bible Belt des Südens.

 Der Bible Belt
 
 
  Die Verbindung der beiden scheinbar konträren Themen Individualismus und Religion scheint die Killerapplikation der Republikaner bei den Wahlen gewesen zu sein. Beide Themen dürften auch am besten die Hauptzielgruppe beider Parteien getroffen zu haben: die Mittelschicht. Bei dieser Mittelschicht handelt es sich aber nicht mehr um eine demografisch und vom Mindset zuordenbare Gruppe, praktisch jeder kann sich angesprochen fühlen. Solange jemand drüber und und vor allem jemand drunter ist, ist man Mittelschicht. Vom White Trash im Trailerpark über die Bevölkerung von Suburbia bis zu den besserverdienenden Tax-Republicans, "Mittelschicht" ist das Zauberwort zur Befriedung der Klassenunterschiede.
 
 
 
Und nun endlich zur europäischen Kritik
  Zu allererst zur Kritik am amerikanischen Mehrheitswahlsystem: Dies ist vor allem nichts amerikanisches. Auch in Europa hat das Mehrheitswahlrecht Tradition beim britischen Unterhaus Tradition. Weiters wird auch der deutsche Bundestag zum Teil nach dem sogenannten "First-Past-The-Post"-Prinzip, wie die Amerikaner die Mehrheitswahl nennen, erstellt. Das amerikanische Elektorensystem hat gewiss veraltete historische Hintergründe. Ein Grund zur Beibehaltung des Systems liegt aber auch im Bestreben schwächere Bundesstaaten (vor allem die ländlicheren) zu stärken. Dies sollte uns auch vom föderalen Prinzip der unsrigen Republik bekannt sein und erst recht von der EU. Das Al Gore bei der vorletzten Wahl, trotz Stimmenmehrheit verloren hat, wird oft als Beispiel für die Schwäche des Systems dargestellt. Gerade in Österreich sollte man aber nicht vergessen, dass es gar nicht so lange her ist, dass einmal die zweitschwächste Parlamentspartei nach einer Verhältniswahl den Kanzler stellte. Beide Konsequenzen einer Wahl waren nach den Spielregeln der jeweiligen Form der repräsentativen Demokratie zulässig.


 Die United States of Europe. Auch hier ist die Eigenständigkeit der Bundestaaten durch föderale Grundsätze geschützt
 
 
Alles Mitte
  Als weitere Schwäche des Mehrheitswahlsystems gegenüber der Verhältniswahl wird die Förderung eines Zweiparteiensystems gesehen, dass kleinere Parteien und ihre speziellen Standpunkte benachteiligt werden . Gerade das historische Flip-Flopping von Republikanern und Demokraten um die politische Mitte (auch wenn es beim rechten Bush immer nur ein Lippenbekenntnis war) zeigt ein System auf, dem Grundideologien und Visionen abhanden gekommen sind. Auf der anderen Seite des Atlantiks ist es aber auch in Ländern mit Verhältniswahlrecht und Repräsentationen von kleinen Parteien nicht viel anders. Man sehe sich die Ansprache aller 4 Parlamentsparteien hier zu Lande an . Auch hier reiten alle um die Mitte und versuchen die Mittelschicht anzusprechen, egal wie vage diese definiert ist. Linke und rechte Regierungsparteien in Europa teilen sich ähnliche Programme, desgleichen ihre Oppositionen. Ohnehin wird überall beschworen, wie unmodern die Einteilung in Links und Rechts, oder gar in Konservativ und Progressiv ist. So relativ gesehen ist der nun nachhaltig gesetzte Konservativismus in den USA das Wesen, an dem die Welt modern genesen wird.
 
 
 
Und die Religion
  Unverständlich wird dann immer noch der Stellenwert der Religion in der US-Demokratie. Vor kurzer Zeit wurden auch hierzulande eine Kakophonie verschiedenster Stimmen gegen die Aufnahme der ach so islamischen Türkei in die EU laut, gegen ein Land also, das sicher mehr laizistische Praxis hat, als das postfeudale Österreich. Die taktische Rückkehr von vormals atheistischen Politikern in den Schoss der Kirche, Politiker bei Kaiserseligsprechungen, Wallfahrten, Gottesdank nach erfolgreichen Wahlen soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Aber auch die europaweite Diskussion, ob das Christentum in den offiziellen Gründungsmythos aufgenommen werden soll, stellt den alten Kontinent nicht soweit weg von den nachfahren der Pilgerväter.

 
 
  Soviel zur europäischen Kritik am gar nicht so fernen amerikanischen System. Das Schlusswort bleibt dem Amerikaner Dave aus dem Forum der Vorgängergeschichte, und vieles dabei ist trotzdem auch hier allzu bekannt:

Bush is a jock and a partyboy. He's the one who is crashing daddys porsche in a drunken rage on Saturday night after the football game. He is the one having the kegger at the summer cabin while his parents are on vacation in Cancun.

He is the one bullying the outsiders and intellectuals in high school. The one who pushes the handicapped kids into their lockers and high fives his jock friends.

He is the fratboy who thnks anyone who varies from his norm of experience is less than human. The one who goes through things similar to Abu Ghraib in order to join his fraternity and then revels in his chance to inflict the same kind of humiliation on the next round of candidates.

He and his crew are the ones that have nothing but disrespect fro anyone who doesnt belong, and immediately views outsiders as less valuable.

There is a massive culture of rightwing cool. You can see it in almost any teen coming of age movie, the ones where the geeky outsider falls inlove with the cheerleader/promqueen but doesnt have a chance in hell because he isn't cool enough.

The american culture you consume here in Austria doesn't begin to portray the reality of the American Heartland. This election does.


 
 
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