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Wien | 2.2.2005 | 23:03 
Früher: Heermeister der Hegemonie.
Jetzt: Teilzeit-Kalmücken-Khagan.

Gollackner, Gerlinde

 
 
Abseits der Piste
  Nicola musste sehr lachen. "Sag den Satz bitte noch einmal!" Ich musste kurz nachdenken, welcher Satz sie so erheitert hatte: "Also, ich meinte, dass ich seit drei Wochen der Rennleiter des größten Abfahrtsrennen der Welt bin". Natürlich war hier nicht die Rede von einem "tatsächlichen" Abfahrtsrennen, sondern von der Ski Challenge'05. Wem dieser Titel noch nicht bekannt ist: die Ski Challenge'05 ist ein 3-D-Computerspiel, das der ORF mit der Entwicklerfirma Greentube gebastelt hat und dem p.t. User gratis zum Download zur Verfügung stellt. Aus der Perspektive des Rennläufers können die simulierten Rennstrecken von Kitzbühel und Bormio hinunter gejagt werden. Mittlerweile verzeichnet das Spiel über eine halbe Million Downloads: Die Disziplin Abfahrt wurde zumindest virtuell zum Breitensport. Für besonders Eifrige gibt es dazu noch einen Onlinewettkampfmodus: bis zu 25 000 Teilnehmer wettstreiten dabei wöchentlich um Bestzeit und Preise. Deswegen also das "größte Abfahrtsrennen der Welt". Und eine meiner Aufgaben beim Projekt ist, so gesehen, die "Rennleitung".
 
 
Die Ex-Skirennläuferin
  Nicola musste, wie gesagt, sehr lachen. Sie kennt "echte" Rennleiter zur Genüge. Hineingeboren in eine prominente Skifamilie kennt sie die Gebräuche des alpinsportindustriellen Komplex seit der Wiege. Die ehemalige Abfahrtsläuferin mit Stockerlplätze im Weltcup und staatliche Skilehrerin kennt das System sozusagen von innen. Das abendliche Gespräch drehte sich vorher schon um die enge Verschränkung von Skiindustrie, Leistungssport, Wintertourismus und Medien und möglichen Alternativen abseits davon. Kurz, aber unverständlich gesagt:Es ging um Hegemonie vs Multitude in einem alpinen Szenario. Als ehemaliger Akteurin dieser Hegemonie sucht Nicola seit langem schon die Vielfalt abseits der Mainstreampiste, doch das ist eine andere Geschichte.


 Nicola
 
 
Greentube: Die Köpfe hinter der Ski Challenge'05
 
 
Die Spielefirma
  In der Mitte der 90er, wie allerorts und eigentlich nirgends die Blase der New Economy zu wachsen begann, hatte die Spielerfirma Greentube ihre Anfänge. 5 Studenten, allesamt multiplayerbegeisterte Powergamer, beschlossen das Spiel zum Beruf zu machen. Ihre Idee damals: Spieler, die gerne Doom2 oder Descent im Netzwerk spielen, eine Plattform im Internet zu bieten. Was heute aus dem Onlinealltag nicht mehr wegzudenken ist, war damals neu. Trotzdem, das Geschäft wollte trotz Wachstum des Spielemarktes und der Internetblase nicht anspringen: Große Firmen, wie Microsoft, erreichten mit ihren Plattformen mehr User oder die User organisierten sich einfach selber zum kollaborativen Spiele über das Internet.

Auf alle Fälle wurde die Strategie geändert: weg von der Nähe zu den Titeln der großen Gamesindustrie, hin zur Eigenentwicklung von kleinen, feinen Onlinemultiplayerspielen. Die Konzentration auf die Nische, auf lokale Besonderheiten und vor allem das Festhalten an der Priorität des Produkts vor dem Marketing, brachte auch den ersten Erfolg: Webschnapsen. Mit dieser Kompetenz wurden sie auch bald Partner von ORF.at, entwickelten dabei zum Beispiel den Onlinequiz, der jetzt auch in der erneuerten FM4-Variante verfügbar ist.

 
 
Vom Fernsehen zum Spiel, vom Spiel zum Fernsehen
  Anfang letzten Jahres schlugen die Greentube ORF.at das Konzept der Ski Challenge'05 vor. Die Idee dahinter war, mit Hilfe eines Computerspiels, eine neue interaktive Verbindung zum Fernsehen zu schaffen. Versuche und Ideen das alte Narrenkasterl feedbacktauglich zu machen, gab und gibt es ja viele. Das Auswählen des Krimi-Finale per Telefon, das Voting per SMS, das Aussuchen von Kameraeinstellungen bei einem Formel 1 Rennen, das Steuern eines Spiels im TV per Telefontasten, alles mehr oder minder erfolgreiche Ansätze zum Thema Interaktivität im TV, die aber alle eines gemeinsam hatten: Alle Aktionen waren weiter von Sendezeiten abhängig. Bis auf die Technologie und die Schnelligkeit unterliegt die Interaktion des Rezipienten mit dem Medium dem gleichen Prinzip, wie einstmals die Kasperlpost oder eine Programmbeschwerde beim Kundendienst (was ja beides durchaus wichtig und seine Berechtigung hat). Die FM4-Website nach diesem Ansatz der Medienkonvergenz würde nur aus Streaming, Sendeschema und einem Chat bestehen, der immer nur dann aufgedreht wird, wenn das dazugehörige Diskussionsthema im Radio läuft.

 
 
Die Kitzbühel Strecke noch in Rohform
 
 
Keine Ehrfurcht vorm Steilhang
  Die Greentube brachte also die Idee, ein prominentes Fernseherlebnis (Skiabfahrt in Kitzbühel), durch ein breit gestreutes Computerspiel auf einer ganz anderen Ebene erlebbar zu machen. Weiters sollen diese Erlebnisse der User (die persönlichen Abfahrten) medial im Fernsehen darstellbar sein. Die Abfahrt von Kitzbühel hatte schon allein wegen der bekannten Bilder seinen Reiz für die Umsetzung in einem Game. Die kollektive visuelle Erfahrung einer seit Kindheitstagen bekannten Fernsehübertragung soll durch das Spiel eine persönliche Dimension bekommen. Gerade die mediale Rezeption des Skirennsports in Österreich lebt von der Ehrfurcht des Publikums vor der Kombination von übermenschlichen Stars ("der Herminator") und unmenschlicher Natur ("die härteste Abfahrt der Welt"). "Es ist schon gut, wenn die Leute jetzt einfach durch Nachvollziehbarkeit Respekt statt Ehrfurcht haben, den ganzen Zirkus dadurch lockerer sehen können", meint Ex-Abfahrtsläuferin Nicola. Oder einfacher gesagt: In der Hocke den Steilhang hinunterspringen, soll nicht nur Maier, Miller und Co vorbehalten sein.

Die Anforderungen für die Verbindung von fernsehtauglichen Bildern und Massenereignis waren nicht leicht zu bewältigen: Auf der einen Seite musste die 3-D-Darstellung genügend Qualität aufweisen, um die Analogie zum Fernsehbild nachvollziehbar zu machen, auf der anderen Seite sollte das Spiel auch auf Computer laufen, die nicht über die neueste Grafikkarte verfügen, das Installationsfile musste klein genug, um auch per Modem in relativ kurzer Zeit übertragen zu werden, die Steuerung bewusst einfach gehalten werden, ohne das Erlebnis einzuschränken.

 
 
Wider den Konsolenzwang
  Für Eberhard Dürrschmid, Geschäftsführer der Greentube, hat diese Anforderung noch eine andere weitreichendere Bedeutung: Die großen Gameanbieter arbeiten mittlerweile eng mit der Hardware-Industrie zusammen und schränken dadurch die Entscheidungsfreiheit des Spielers immer mehr ein. "Entweder man rüstet für neue Spiele jährlich seinen Pc neu auf oder man muss sich eine Konsole kaufen. User, die da nicht mitziehen wollen, werden im Regen gelassen.", so der Spieleentwickler. Er sieht seine Chance als kleiner Spieleanbieter gerade darin, den Mechanismen der großen Spielevertriebe fern zu bleiben. "Gerade das Internet bietet für die kleinen Anbieter immer mehr Möglichkeiten, Spiele an den User zu bringen, ohne sich in die Abhängigkeit großer Konzerne zu bringen."

Für die Entwicklung von Ski Challenge'05 bedeutete dies allerdings erschwerte Bedingungen: man konnte sich keiner der herkömmlichen 3-D-Engines bedienen, sondern musste alles von der Pike auf selber programmieren. Eine Aufgabe, die jetzt im Rückblick als gelungen zu bezeichnen ist. Alle Beteiligten waren selber überrascht vom durchschlagenden Erfolg des Spiels.

 
 
 
 
Ski Challenge auch mit FM4 Inside
  Ein nicht unwichtiger Faktor des Spiel stammt von FM4: die Musik zum Spiel. Aus dem Soundpark erwählte Trishes den Soundtrack zum Spiel. audiomatix stellte mit seinem Track 'The Code Pt.1' die Breaks und die Bassline zur Bestzeitjagd in Kitzbühel und Bormio. Als Dank haben wir für ihn speziell Edelwiser-Carver im Soundparklook anfertigen lassen.

 
 
 
Die Soundpark-audiomatix-Ski (Einzelstück) Design by Pia.
 
 
  Und irgendwie schließt sich hier auch der Kreis zu einer kleinen persönlichen Geschichte. Vor vier Jahren ging ich von FM4 weg, um nicht mehr nur über Spiele zu berichten, sondern auch selber welche zu gestalten. Ein Kindheitstraum, und außerdem lockte die New Economy. Daraus wurde natürlich nix und ich befand mich plötzlich in einer Welt mit gar seltsamen Gebräuchen und Eigenarten, aber ohne jeglichen Sinn für das Spielerische des Lebens. Es ist die Ironie des persönlichen Schicksals, dass ich einstmals auszog um, um die Passion zur Profession zu machen. Aber erst jetzt, quasi zurückgekehrt (zu ORF.at, wo viele alte Kollegen arbeiten), unvermutet die Passion von selber zur Profession kam. Das ist vielleicht auch gut so.
 
 
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