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Wien | 7.11.2006 | 02:19 
Früher: Heermeister der Hegemonie.
Jetzt: Teilzeit-Kalmücken-Khagan.

Gollackner, Gerlinde

 
 
Ist Borat politisch unkorrekt? Was ist eigentlich Political Correctness?
  Preface: ARRRGHHL. Die diskutieren schon drüber!!!

Es ist nämlich so: ein Artikel über die Anti-Political-Correctness liegt mir schon seit einiger Zeit über der Tastatur. Seit fast zwei Jahren nämlich. Das weiß auch FM4-Webchefin Ute Hölzl. Stress, Faulheit oder einfach günstige Momente verpasst, es ist bis jetzt nie dazu gekommen.

Anlässlich des Borat-Films hat die gute Ute wieder mal höflich nachgefragt. Dieser Artikel war schon angeschrieben. Und jetzt erst entdecke ich folgende rege Diskussion unter Fuchsen's Borat-Artikel. Auch gut. So aber jetzt:
 
 
 
"Niice!!!"
  Der Sagdiyev Borat, der ja immer schon hochgelobt wurde, ist nun durch den Kinofilm auch bekanntlich weltbekannt. Box-Office-Erfolg und durchgehendes Lob der Kritik, mehr Preis und Ehr' konnte sich der kasachische Avatar von Sacha Baron Cohen wohl nicht erwarten. Und wie es mit einer Ausweitung des Zielpublikums weit über die "Donnerstag Nacht" und der Special-Interests-Gruppe unter den HBO-Abonnenten einhergeht, ist auch die Bandbreite der Lobzuordnungen von Groß und Klein sehr weit gefasst. Vom exotischen Blödler bis zur aufklärerischen Projektion des hochgebildeten und -intellektuellen Cohen reicht die Typisierung des kasachischen Reporters. Eines kommt dabei immer wieder: Borat, egal ob jetzt im Film oder vormals im TV, sei so ("herrlich", "radikal", "unglaublich") politisch unkorrekt. Nichts trifft es weniger.
 
 
 
 
 
Borat's Mindset
  Folgendes ist bekannt: In einer früheren Jobdescription war der kasachische Journalist "Nr 2" Zigeunerfänger. Frauen ordnet er im tradierten kasachischen Kastensystem unter Mann, Pferd, Hund und knapp über "Krutzouli" (irgendein obskures Kleinviech) ein, ansonsten daseinsberechtigt für "Sexytime" oder hinter dem Pflug. Die Usbeken und insbesondere die Juden haben auch ihren besonderen Platz im Weltbild vom Herrn Sagdiyev (laut myspaceprofil ist der Heimatort von Borat ja "3 miles north of fence to jewtown".

Tatsächlich scheinen alle diese bekannten Fakten gegen die scheinbaren Regeln des Politisch Korrekten zu verstoßen.

Nur, was ist das Regelwerk des Politisch Korrekten?

Und wer hat wohl dieses aufgestellt?
 
 
 
Was ist Political Correctness?
  Dazu ein kleines Erlebnis, das mir vor einigen Jahren widerfahren ist:

Damals, in der Privatwirtschaft arbeitend, belauschte ich meinen jungen Vorgesetzten dabei, wie er einem deutschen Berater ein österreichisches Radiophänomen näher bringen wollte:

"Grissemann und Stermann sind deswegen auch so gut, weil sie Sachen sagen, wie sie eben sind. Die sagen dann einfach: der ist schwul. Die schimpfen einfach ohne sich Vorschriften machen zu lassen. Sind eben voll gegen diese Politische Korrektheit".

Die Political Correctness, so hören wir heraus, macht Vorschriften. Vorschriften, die Schimpfen verbietet und die freie Meinungsäußerung überhaupt einzuschränken strebt. Eine freie Meinungsäußerung, die eigentlich nur Dinge benennen will, "wie sie eben sind". Neger sind schwarz, deswegen sind sie Neger ("sagen sie auch selber").

Auf die eigenartige Rezeption von Grissemann/Stermann soll hier nicht weiters eingegangen werden. Zitat Blumenau unter Fuchsen's Geschichte:"Seit wann nimmt erstklassige Satire denn nicht in Kauf von Arschlöchern bewußt mißverstanden zu werden?"
 
 
 
Wer bestimmt die Political Correctness?
  Dazu aus dem Webforum einer Tageszeitung unter einer Borat-Rezension:

"...Seit es mit der politischen Korrektheit auf die Spitze getrieben wurde, sprießen solche Sendungen wie Schwammerl aus den Boden, damit die politisch korrekte Linke auch mal lachen darf ohne dass dabei mit den Finger auf sie gezeigt wird. Wehe aber in irgendeinen Kuhdorf werden mal sexistische, ausländerfeindlich oder antisemitische Witze gemacht..."

Ein anderes Post im gleichen Forum der, als linksliberal geltenden Zeitung:

"...Die ganze Wahrheit ueber "Linke politische Korrektheit":
Wuerde ein Oesterreicher oder Deutscher dasselbe tun wie Cohen, jedoch Kasachstan mit Israel oder den USA ersetzen und sich dann juedischen oder amerikanischen Klischees und Vorurteilen bedienen, dann wuerde der Standard keine Lobeshymnen ueber so einen Film singen und jene hier, die den Borat-Film so genial finden wuerden naseruempfend ihre Faschismus-Keulen auspacken und kraefig drauflos schlagen..."


Die Linken also, so lesen wir heraus, sind die Systemerhalter der allbeherrschenden Political Correctness und des "Tugendterrors". Die linke Kulturhegemonie, die 68er oder bewusst ungenau definiert: die faschismuskeulenden "Gutmenschen".

 Schwuchtel
 
 
Wer ist Anti-PC und gegen Gutmenschen?
  Wenn die Linken als Urheber und Erhalter des Systems PC gelten, sind deswegen nur Rechte und Konservative dagegen?

Mitnichten. Einige Beispiele aus meinen Bekanntenkreis:

Ein Sozialarbeiter, der mit Migranten arbeitet, schimpft auf Gutmenschen.

Ein Vater aus der selbstverwalteten Kindergruppe, mit Anspruch auf Vermittlung von alternativen Erziehungsmethoden, äußert sich gegen die "neue" Political Correctness.

Ein anderer Vater wirft hinterm Rücken gerade diesem diese Zuschreibung vor.

...Das ist schon seit Jahren derartig unaushaltbarer dummer Mainstream- auch bei Leuten, die sonst ganz ok sind- dass ich es schon fast nicht mehr bemerke. Danke für die Erinnerung...

so Boris Jordan unter Fuchsen's Geschichte.

Dagegen deklariert sich interessanterweise und als Ausnahmefall ein konservativ-intellektueller Freund von mir mittlerweile als Anti-Anti-PC, unter anderem weil ihn das Gutmenschen-Bashing in seinen Gesinnungsumfeld schon seit geraumer Zeit langweilt und nervt.
 
 
 
Ein Gespenst geht noch immer um
  Die "Herrschaft" der Political Correctness also dauert scheinbar nicht nur an, sondern hat sich anscheinend in Gewicht und Ziel ausgeweitet. "Sprachpolizei" und "Denkverbote" schreiben sich in dieser Hinsicht weiter fort, Faschismus wird ohne Gegenwehr gekeult, alles hervorgebracht und aufrecht erhalten vom Mainstream, vom Zeitgeist oder einfach von Oben.

Dabei ist die oft beklagte "Herrschaft" der Political Correctness immer so real gewesen, wie die Protokolle der Weisen von Zion oder die Prieuré de Sion. Auch wenn der Glauben daran ähnlich verbreitet zu sein scheint, wie der an die Wahrheiten im Da-Vinci-Code.

"Jedenfalls hat auf Nachfrage noch kein PC-Opfer eine einflußreiche Institution oder Person genannt, die diesen, glaubt man den auflagenstarken Publikationen der deutschen Intelligenz. flächendeckenden Terror ausübt."

schrieb Diedrich Diederichsen in seinem Buch "Politische Korrekturen".
 
 
 
Die vergessene Diskussion
  "Politische Korrekturen" und andere Diskussionen über Anti-PC und diverse Backlashes sind eigentlich genauso alt wie FM4. Mittlerweile ist Diskussion verschwunden, so sehr ist tatsächlich der Glauben an die "Herrschaft" der Political Correctness dummer Mainstream geworden.

Diederichsen, der ehemalige Pop-und Gegenkultur-Exeget Nr 1, geht 1996 in seinem Buch unter anderem sehr genau dem Begriff Political Correctness in den Ursprüngen nach. Verkürzt nacherzählt, wurde taktisch von rechts zur Unterdrückung hochstilisiert, was eigentlich gegen Unterdrückung einstand.

"Das Denken von 68 ist so mittlerweile an allem Schuld, in Deutschland, Frankreich und in den USA, obwohl es in allen drei Ländern natürlich völlig andere Gedanken waren, die zu dem für die Rechte so albtraumhaften Datum in den respektiven Ländern gedacht worden war. Man ist sich aber einig, daß nur eine Zurücknahme der 68 in Bewegung gesetzten Entwicklungen eine Rückkehr zur "Normalität" ermöglicht"

so Diederichsen 1996 über die Ursachen zur Genese der PC-Verschwörungstheorie in "Politische Korrekturen".

 Neger
 
 
Der Selbstläufer
  Fast 40 Jahre nach 1968, fast 20 Jahre nach Beginn der PC-Verschwörungstheorie ist das Politisch Unkorrekte zum nervigen Selbstläufer geworden. Kein Kulturkampf kann hier noch wirklich Antrieb sein, denn

Ist eigentlich niemand aufgefallen, dass Anti-PC seit über zehn Jahren die Komiker-Norm und nicht etwa eine gewagte Grenzüberschreitung ist?

so Robert Rotifer in der erwähnten Debatte.

Der Anti-PC-Dissident, egal ob Komiker oder nicht, führt einen permanten Widerstandskampf gegen einen nicht vorhandenen Unterdrücker, schwimmt unentwegt gegen virtuelle Ströme an. Eine Spiegelfechterei, die mittlerweile anscheinend viel einfachere Beweggründe hat: der Gestus der Rebellion, den auch die wiedererrungene Hegemonie der "Normalität" wie Antikörper inkorporieren musste, um gegen die Krankheit zu bestehen. Ursprünglich von den Rechten gerade von den 68ern übernommen, um deren Geist für immer abzuschaffen, geht es hier gar nicht so um Inhalte. Geht es auch um die Ausbreitung diverser Gesten von der Oberfläche Rock'N'Roll auf die verschiedensten Zielgruppen, denn

"wird ein bestimmter Teil der Popkultur nicht überhaupt erst massenkompatibel, wenn die falschen Leute an den falschen Stellen klatschen? und ist gleichzeitig die Abgrenzung von den falschen Klatschern nicht schon obsolet/kaum mehr möglich? (Cobain war doch der letzte, der an den Bedenken darüber noch gestorben ist). "

so Christian Fuchs.

So gesehen ist so manches Ankämpfen gegen die Political-Correctness-Diktatur nichts anderes als die banalisierte Punk-Attitüde des Spießers. Das ist die Normalität.
 
 
 
Und Borat?
  Dazu nur noch Thomas Edlinger:

Denn Borat ist zwar der reine Tor aus dem Wilden Osten, aber er überaffirmiert die westlichen Klischees über den rückständigen Osten derartig, dass sie eher auf die Urheber zurückfallen als das rassistische Verdikt einer kulturellen Überlegenheit tatsächlich bestätigen. Ähnlich verhält es sich mit Borat's Sexismus, Rassismus und, ganz offensichtlich, seinem Antisemitismus: hirnrissiger gehts' nicht, der große Diktator lässt grüßen. außerdem ist Borat ja seinerseits zwar selbst eben Ausdruck von Stereotypen über den Osten, er bringt aber umgekehrt auch den Herrenmenschen im Westen - in seinen Spielarten zwischen dumpfen Nationalismus beim Rodeo und repressiver Toleranz in "liberalen" US-Zirkeln - zum Sprechen und Ausagieren. Insofern ist Borat also eher korrekt inkorrekt, er teilt aus und stellt aus, ohne eindeutig den - tatsächlich reaktionären - angeblich PC-Verfolgten Futter zu geben. zwar ist Cohen vielleicht auch nicht der große Aufklärer, wie eine über's Ziel hinausschießende Presse auch geschrieben hat, dazu ist er einfach auch zu sehr am Gag und am Leerlauf des Sinns seiner Komik interessiert. trotzdem: kann sich irgendjemand durch ihn im Ernst darin bestätigt fühlen, dass man nicht durch die USA fliegen kann, weil ja die Juden am 11. September schon einmal ein Flugzeug vom Himmel geholt haben?

I like!!!

 
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