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Wien | 6.4.2007 | 13:19 
Früher: Heermeister der Hegemonie.
Jetzt: Teilzeit-Kalmücken-Khagan.

Gollackner, Gerlinde

 
 
"Wanderer, geh einfach weiter..."
  Der Film '300' erweist sich tatsächlich als plumpe alte Propagandamaschine. Über Frank Miller, Kleinfamilien, einen Althistoriker, der den Irak-Krieg verteidigt, und eine 2500 Jahre alte, immer wieder aufgeführte Passionsgeschichte.
 
 
 
Ruhig und nett
  Natürlich war Frank Miller ein ruhiger und netter Herr. Und das war auch nicht anders zu erwarten. Der Schöpfer der explizitesten Gewalt, die es im gedruckten Zusammenhang mit Sprechblasen gibt, musste einfach anders sein als Inhalt und Protagonisten seiner Werke. Höflich setzte der Zeichner und Autor sein Autogramm unter die 'Sin City'-Comics, die von Fans und Sammlern ehrfurchtsvoll aus Klarsichtschutzhüllen hervorgezogen werden. Emotion kam dann auf, als ein ramponiertes Hefterl ohne Schutzhülle unter seinen Kugelschreiber gehalten wird. "Ja, das ist ein Comic-Heft. Da merkt man, das es gelesen wird", so der Comic-Autor hocherfreut.

 Frank Miller
 
 
  Beschriebene Szene geschah vor vielen Jahren. Damals waren Comic-Verfilmungen noch weit davon weg, alljährliches Blockbusterthema zu werden. Bekannt war Frank Miller damals vor allem bei einem gerade erwachsen gewordenen Comicleserpublikum. Werke wie 'Watchmen' von Alan Moore oder 'The Black Knight Returns', Millers düstere Batman-Interpretation, brachten Mitte der 80er Jahre neue Sicht- und Erzählweisen über althergebrachte Superheldenmythen. Schon damals waren starke Kontraste in Zeichnung und Geschichte Millers prägnanter Stil. Seinen Batman überzeichnete er als alt gewordenen brutalen zynischen Reaktionär, ganz im Widerspruch zu einem allzeit korrekten und staatstreuen Superman in der gleichen Zeichengeschichte.

 Marv
 
 
  Egal ob Batman, 'Give Me Liberty', Sin City oder eben 300: die Message in Millers Graphic Novels war, dass es keine Botschaften gibt. Klar geglaubte Botschaften bekannter Mythen lösen sich beim Leser in der gleichen Ambivalenz auf, die auch die Protagonisten in den Geschichten charakterlich zeichnet. Und das ist auch der große Unterschied der Comic-Vorlage '300' zur Verfilmung: Die Bewegtbildversion ist im Gegensatz zur Vorlage nur die plumpe Wiederauflage einer Jahrtausende alten Propagandapistole.
 
 
 
 
 
  Die Geschichte von den 300 Spartanern, die sich am Thermopylenpass gegen eine persische Übermacht aufopfern, muss mittlerweile seit fast 2500 Jahren immer wieder herhalten, wenn das Abendland wieder mal verteidigt werden muss. Von dem eigentlichen Ereignis weiß man eigentlich nicht viel. Herodot, der erste Erzähler der Begebenheit, gilt zwar als der erste Historiker, ist aber genau in dieser Rolle, so wie viele seiner Nachfolger, auch als erfinderischer Geist im Umgang mit tatsächlichen Begebenheiten, bekannt. Tatsache ist, dass seit Herodot die Geschichte von den Thermopylen permanente Wiederaufführungen erlebt: In der Fiktion, in der Realität und erst recht in der nachfolgenden propagandistischen Auschlachtung realer Ereignisse.

 
 
Wenige gegen die Horde
  Custers 7. Kavallerie gegen Horden von Sioux, britische Kolonialsoldaten gegen Horden von Zulus oder Inder oder die deutschen Landser gegen Horden von asiatischen Bolschewiken im Kessel von Stalingrad, den Hermann Göring in einer Rede nach der Niederlage mit den Thermopylen gleichsetzte. Die Moral der Geschichte stellt sich immer gleich dar: Wenige Zivilisierte halten eine Flut von vielen, vielen Unterentwickelten auf, der resultierende Heldentod wird im Nachhinein zum endgültigen Triumph der Zivilisation über die Barbarei. So gesehen ist die Schlacht bei den Thermopylen die Passionsgeschichte in einer militanten Vorstellung einer Überlegenheit der westlichen Zivilisation gegenüber anderen Kulturen.

 
 
Spartaner, die zuviel reden
  Der Film folgt in der Erzählung in weiten Bereichen der Comic-Vorlage. Der Unterschied ensteht durch die Ergänzungen, die das ursprüngliche überzeichnete Bild von Frank Miller aufweicht und mit zusätzlichen Botschaften versetzt. Die Lakedaimonier im Film werden neben ihrer Kriegerrolle als Kleinfamilienoberhäupter gezeigt. Väter und Ehemänner stehen so vor dem Wall aus getöteten Persern, der schon im Comic Assoziationen mit den Leichenbergen der Vernichtungslager hervorgerufen hat. Wo die Comic-Vorlage das faschistische Moment des spartanischen Heerhaufens bewusst herauszeichnet, relativiert der Film mit Mitteln zugunsten der Selbstidentifikationmöglichkeiten mit den Protagonisten beim Publikum. Ein anderer Film mit der gleichen Zielrichtung würde die Waffen-SS als harte, aber sympathische Suburbia-Bürgerwehr darstellen. Dazu noch die eigentliche Botschaft, die gerade in der Schlussszene nicht deutlicher zu Wort kommen kann: Man kämpft, so der Appell des spartanischen Anführers vor der siegreichen Schlacht von Platäa, nicht nur für die Freiheit, sondern auch "für die Vernunft". Eine Beifügung, die in der Vorlage natürlich nicht vorkommt. (Überhaupt wird im Film zum lakonisch gehaltenen Comic viel zuviel geplappert).

 Leonidas und sein desperate housewife
 
 
Der Kleinunternehmer als Hoplit
  Woher kommen die propagandistischen Ergänzungen im Film? Anforderungen der Auftragsgeber an die Produktion zugunsten der Publikumsakzeptanz waren sicher ein Faktor. Ein wenig bekannter Einfluss kann in der Rolle des amerikanischen Althistorikers Victor Davis Hanson geortet werden. Der selbstdeklarierte "Neo-Conservative" ist vehementer Befürworter des Irakkrieges und Fachmann für antike Militärgeschichte. Seine Thesen beschränken sich nicht auf die Antike allein. Das Wesen von Gesellschaften, so Hansons Denkweise, ist in ihrer Kriegsführung und umgekehrt erkennbar. Die Überlegenheit des Westens von heute ist für ihn weiters ein Kontinuum seit der griechischen Antike. Die militärische Überlegenheit der Griechen gegenüber nichtwestlichen Völker beruhte für ihn auf der liberalen und kapitalistischen Gesellschaftsform, die für ihn schon damals begonnen hat.

 Auch der großartige Film "Black Hawk Down" arbeitet mit dem Thermopylenmythos ohne in die Propaganda abzurutschen. Zack Snyder ist eben nicht Ridley Scott.
 
 
 
 
  Verkürzt gesagt: 300 Spartaner konnten Hundertausende Perser nur deswegen aufhalten, weil sie republikanische Kleinunternehmer waren. Auch wenn Herr Hansons Interpretation wohl von anderen Kollegen des Faches sicher angezweifelt wird, gelesen wird er. Unter anderem von Kurt Johnstad, dem Drehbuchautor von 300. Durch diesen kam Hanson auch zur Ehre das Vorwort zum Begleitbuch zu schreiben. Egal, wie weit die Inspiration des Althistorikers auf das Drehbuch tatsächlich war, oder ob es tatsächlich, wie schon vorgeworfen, einen Zusammenhang mit den tatsächlichen Spannungen des Westens mit dem Iran gibt, zumindest Victor Davis Hanson sieht die Schlacht bei den Thermopylen noch nicht beendet. In seinem Weblog schreibt er unter dem Titel The Twenty-Five Hundred Years' War:

"Fairly or not, Westerners have always viewed their relations with Persia in terms of freedom versus despotism, of individual citizens at Thermopylae fighting the coerced hordes of Xerxes' subjects."

So manche Wanderer sollten alte Leichen lieber einfach liegen lassen.

 Abu Ghraib: auch hier ein Wall aus orientalischen Leibern
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  Christian Fuchs über '300'
   
 
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