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Wien | 11.7.2007 | 17:22 
Früher: Heermeister der Hegemonie.
Jetzt: Teilzeit-Kalmücken-Khagan.

Gollackner, Gerlinde

 
 
De Bello Civile. Über die Fernsehserie Rom
  Heute (Mittwoch) beginnt im ORF-Fernsehen ja die hochgelobte und hochdisputierte Miniserie "Rom".

Dass die Fernsehserie was taugt, hörte man hierzulande schon recht früh. Generell empfehlen sich gute TV-Serien heutzutage viel schneller über den Globus als im Prä-Internetzeiten. Kommt mir zumindest so vor.

Auf alle Fälle passieren die Empfehlungen zu Sehenswerten immer mehr persönlich und nicht, wie früher über die Berichterstattung aus Zeitschriften, Fernsehen oder Radio.
 
 
 
"Wir empfehlen Rome, weil..."
  "Rome, das ist was für Dich!", berichtete HBO-Abonnent Christian Lehner aus New York.

"Wenn Dir das gefällt, dann musst Du Dir unbedingt Rome ansehen", empfahl DVD-Sammler Holger P. aus Wien.

"Wir empfehlen Ihnen Rome, weil sie diese Produkte gekauft haben", schreibt der marktdominierende Online-Buch-und-DVD-Anbieter meines Vertrauens. Und der muss es ja wissen.

 
 
  "Welche römischen Epoche wird dargestellt? Um was geht es genau? Tragen die Legionäre Kettenhemden oder Spangenrüstungen?", so die Anfragen zu genaueren Beschreibung des Empfohlenen.

"Zeit: Aufstieg bis Tod von Cäsar. Um was es geht: Intrigen, Macht, vor allem um Sex und Gewalt. Rüstungen: Keine Ahnung. Die Details, so liest man, sollen aber sehr authentisch sein. Aber sowas willst auch nur du wissen", so die Antwort der Freunde.
 
 
 
Authentisch?
  Die erste Szene, eine Kampfszene, offenbarte sowohl das Authentische, als auch das Nichtauthentische:

Ja, die Legionäre tragen die für den Zeitraum richtige Lorica Hamata und nicht die spätere aus dem Klischee bekannte Lorica Segmentata.

Nein, es gab zur Zeit Cäsars noch keine Polizeipfeifen, auch keine aus Holz.

Trotzdem, die anachronistische Pfeife in der ersten Szene, verschlechterte nicht die persönliche Meinung über die Serie. Ganz im Gegenteil.
 
 
  Bild: ORF
Authentisch: Lorica Hamata (Kettenhemde)

Anachronistisch: "Polizeipfeife" um den Hals des Offziers
 
 
Sex, Gewalt und Zivilisation
  Tatsächlich war das anachronistische Detail der Polizeipfeife in der durchaus historisch authentisch gestalteten Serie ein starkes Indiz für die Stoßrichtung des 12teiligen Schauspiels.

Die besagte Kampfszene wirkte ganz anders als die bekannten Römer-Barbaren-Schlachtgetümmel aus Film und Fernsehen. Nicht als Kriegsmaschine geriert sich hier die antike Soldatenschaft, das Bild erinnert vielmehr an Polizeieinsätze bei Straßenunruhen.

Und tatsächlich erzählt Rom auch von unserer Zeit und Gesellschaft. Eigentlich nichts Neues. Auf nichts bezieht sich diese, unsere westliche Zivilisation in ihren Wurzeln so sehr, wie auf das alte Römerreich. Und so wurden Erzählungen und Darstellungen über das antike Imperium allzuoft für den Fingerzeig auf heutige Zustände verwendet.

Der Fingerzeig bei Rom ist kein offensichtlicher. Es sind die kleinen Gesten, die Details, die Andeutungen, die die Verbindung zur gesellschaftlichen Situation des Zuschauers herstellen. Auch geht es nicht um den Vergleich der Gegenwart mit der Vergangenheit, viel mehr dient ein überzeichnetes Bild der Vergangenheit zur Vergegenwärtigung.
 
 
 
Markt und Staat
  "Kling gut", meint Niobe, die Ehefrau des bravstrengen republikstreuen Zenturio Vorrenus, als ihr Mann von seiner getätigten Familienvorsorge erzählt, die gerade am Sklavenmarkt auf einen guten Preis wartet, als ob er das Ersparte in vielversprechende Fonds gesteckt hätte.

Und als der aus Asterix und Lateinunterricht bekannte gefangene Gallieranführer Vercingetorix mithilfe einer Würgemaschine öffentlich garrotiert wird, erinnert dies mehr an Berichte über die modernen mechanisch formalisierten Hinrichtungen der Gegenwart. Die neuzeitliche Würgemaschine, bis in die Zwischenkriegszeit auch in Österreich in Verwendung gewesen, ist eine der bewussten Anachronismen, der aus Gründen der Erzählung gewählt wurde: Der Gewaltakt als Staatsakt, der Barbar wird dem Machtmonopol des Staates geopfert. (Tatsächlich wurde Vercingetorix in einem Kerker erdrosselt.)

 Caesar
 
  Bild: ORF
 
 
Der Bellum Civilum
  Die gerade von Jugendschützern kritisierte explizite Darstellung von Sex und Gewalt dient dabei durchaus der Handlung und nicht dem Effekt. Die Großaufnahmen von Geschlechtsorganen und die ausführlichen Coitus-Szenen sind hierbei nicht Inhalt eines "Toll trieben es die alten Römer"-Klischees, sondern verbildlichen verschiedene Funktionalisierungen von Körper und Beziehung in einem größeren zivilisatorischen Gefüge. Nicht nur ein antikes Thema. Gewalt ist nicht nur explizit, sondern allgegenwärtig. Richtig sympathische Charaktere gibt es nicht wirklich. Sogar bei den Liebesgeschichten unter den Akteuren liegt zumindest immer eine Leiche im cella.

Die eigentliche Hauptrolle bei Rom ist die Zivilisation selber, die nicht die Gewalt überwunden hat, sondern vielmehr durch diese erst in ihrer Form existieren kann. Der eigentliche Bürgerkrieg in Rom ist nicht der zwischen Cäsar und Pompejus, sondern der permanente bellum civilum der sich durch alle Schichten der Gesellschaft zieht.

Auch aus dieser Sichtweise sehenswert.
 
fm4 links
  Rom: Heute Mittwoch 11.7.2007 im ORF1 22.10

news.ORF.at: Sex and Crime im alten Rom

tv.ORF.at: Programmhinweis

de bello civile
Cäsars Schrift über den Bürgerkrieg
   
 
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