fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 29.12.2007 | 11:31 
Früher: Heermeister der Hegemonie.
Jetzt: Teilzeit-Kalmücken-Khagan.

Gollackner, Gerlinde

 
 
Rewind'07: Ausländerkinder, Leitkultur und das Römische Reich
  Es waren zwei Kinder mit beschränkter Aufenthaltsgenehmigung, die die Gemüter hierzulande im vergangenen Jahr am meisten bewegt hatten. Bei dem einen staunte das Publikum über den makellosen oberösterreichischen Dialekt, dem anderen Einwandererkind wurde ein Vorname, wie aus einer chinesischen Speisekarte, per Internetplesbizit verpasst. Arigona Zogaj und Pandababy "Fu Long" (was sprach denn gegen "Karli" oder "Seppi"?) sind die beliebtesten Ausländerkinder des Jahres.
 
 
Integrationsunwillig
  Zugegeben: Das ist ein sehr bei den schwarzen Bambusbärenohren herbeigezogener Vergleich. Man könnte den Vergleich von Familie Panda und Familie Zogaj aber auch noch weiter bemühen: Auf der einen Seite dringend für die Tourismusbranche benötigte rare Facharbeiter (Beruf "Selbstdarsteller") aus dem Fernen Osten, auf der anderen Seite eben "nur" Kosovaren. Aber der wichtigste Unterschied zwischen Arigona und "Fu Long": Das Bärenkind ist absolut "integrationsunwillig".

Das Problem mit der "Integration" - und vor allem der oft geforderten "Willigkeit" dazu - liegt eigentlich schon im Wort. "Integration" bei sozialen Prozessen versteht sich nicht als Eingliederung einer Minderheit unter einer Mehrheit, sondern strebt das Neue im Ganzen an. Das was hierzulande mit "Integration" verwechselt wird ist "Assimilation". Das ist das, was die bösen Borgs bei Raumschiff Enterprise machen. Klingt auch sehr unsympathisch.

 
 
Leitkultur?
  So gesehen besteht bei richtiger Integration auch eine Bringschuld, also ebenfalls ein "Wille zur Integration" der oft zitierten "Leitkultur". Also nicht nur die Fremden Oberösterreichisch lernen lassen, sondern auch selber mal Bambus statt Schnitzel essen. Und eigentlich sollte niemand niemanden bei der "Integration" etwas schuldig bleiben. Sie passiert ohnehin, ohne Zutun, ohne Zwang und ohne Willigkeit. Bei der Sprache, beim Essen (Schnitzel z.B.), bei allem was menschlichen Brauch und Kultur ausmachen. Ohne Austausch und Integration würden wir uns alle noch ordentlich mesolithisch die Hinterteile abfrieren.

 
 
The Decline of ... was denn eigentlich?
  Die Leitkulturverfechter jeglicher Klassenzugehörigkeit (man merke sich: Der eigene Kultivierungsgrad steht immer außer Frage) will hier zumindest gute von schlechten Einflüssen getrennt sehen. Schließlich gilt es die eigene gute und deswegend von eher leitende Kultur zu bewahren und/oder zumindest nicht zu schwächen. Was diese genau ist, wird dann zumeist sehr ungenau umschrieben: "europäisch", "westlich", hin und wieder wird auch noch das Wort "Abendland" beschworen. Begriffe, die alles offen lassen. Sind Sprachen mit kyrilischen Zeichen noch europäisch? Gehört da die Türkei noch dazu? Wie weit in den Osten geht der Westen eigentlich? Ist Bratislava schon Morgenland?

In der Diskussion über die "Leitkultur" kommt dann unvermeidlich die Sprache auf das "Römische Reich" auf dessen Ruinen unsere Zivilisation aufgebaut wurde. Ein altes Historiengemälde. Überhaupt ist das, was wir gesichert von den Alten Römern haben, vor allem eine Sammlung von falsch tradierten Bildern. Dabei könnte man beim Thema "Integration" sehr wohl etwas von der römischen Geschichte lernen: Der Erfolg der antiken Hegemonie beruhte vor allem auf der Fähigkeit integrative Prozesse zuzulassen.
 
 
 
"Freunde, Bürger, Römer!"
  Die Kultur, auf das sich das Abendland noch immer zu berufen mag, war vor allem ein riesiger kultureller Melting Pot, der seine Grenzen relativ offen gestaltete. Auch die "Völkerwanderung", historisches Vorbild für alle Abendlanduntergangsbilder, wird heutzutage von Althistorikern ganz anders bewertet. Gewandert wurde eigentlich gar nicht soviel, untergegangen erst recht nicht. Die, die gewandert sind, sind erst nachher zu Völkern geworden. Und wie kann etwas untergegangen sein, auf dem heute noch aufgebaut wird? Rom wurde nicht nur nicht an einem Tag gebaut, sondern auch nicht zerstört und eigentlich besteht es noch immer. Der Untergang der fortschrittlichen und recht komfortablen altrömischen Infrastruktur (Thermen, Straßen, Aquädukte usw.) hatte wahrscheinlich weniger mit Zerstörung durch Fremde, als mit schlechter werdender Wartung zu tun, was nur bedingt mit dem Einfluss der Zuwanderer zu tun hatte (zum Beispiel wurde gerade unter den sprichwörtlichen Vandalen Infrastruktur in Nordafrika eher ausgebaut).

"Nicht Gotensturm, noch Hunnenfahrt, Rom ging unter durch mehr Privat statt Staat"

(Vom barbarischen Theoderich ist übrigens überliefert, dass er sich über die alteingessenen Römer aufregte, die die gemeinnützige Wasserleitung ständig für die privaten Gärten abzapften).

 
 
"FreundInnen, BürgerInnen, ÖsterreicherInnen!"
  An einem bewegten Teil der besagten offenen Grenzen lagen die römischen Provinzen, die später unser Staatsgebiet ausmachen sollten. Und tatsächlich lässt sich, wenn überhaupt, österreichische "Leitkultur" in der Tradition eines Raums ständigen Austausches, permanter integrativer Prozesse ausmachen. Kelten, Römer, Langobarden, Juden, Slawen, Bajuwaren (das germanische "Mischlingsvolk" schlechthin), Alemannen, Awaren, Ungarn, Kumanen, Türken, Wiener Ziegelböhm, Sudeten, Siebenbürger, Yugos und Ex-Yugos, deutsche Numerus-Clausus-Flüchtlinge, alle trugen und tragen mit bei zu der kulturellen Melange, die österreichischen Brauch, Essen, Sprache und Kultur immer ausgemacht hat.

Hier lässt es sich eigentlich gut integrieren. Und das sollte in guter österreichischer Tradition stehen. Dafür muss man gar nicht makellos oberösterreichischen Dialekt sprechen lernen. Und das gilt nicht nur für 15-jährige Mädchen. Zugegeben: Beim Pandabären bin ich mir dabei nicht so sicher. Den würde ich zurückschicken (dorthin wo der Bambus wächst).
 
fm4 links
  Weiterführendes zu Angeschnittenen

Wikipedia: Integration (Soziologie)

Die Sprache der österreichischen Küche - Ein Spiegelbild sprachlicher und kultureller Kontakte

Wikipedia: Ethnogenese
Gute Leseliste zum Thema "Völkerwanderung", Ethnogenese, Transformation des Römischen Reiches. Empfehle die Bücher von Geary, Wolfram und Pohl. Weiters noch: Verena Postel: Die Ursprünge Europas/ Migration und Integration im frühen Mittelalter/ 2004 Kohlhammer
   
fm4 links
  Rewind '08
Alle Jahresrückblicks-Geschichten auf einen Blick.
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick