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Wien | 13.10.2008 | 01:04 
Früher: Heermeister der Hegemonie.
Jetzt: Teilzeit-Kalmücken-Khagan.

Gollackner, Gerlinde

 
 
Ausgerechnet Island
  Im besten Fall wird Island der Inhalt einer kuriosen kleinen Fußnote sein. Einen Blick in die Geschichtsbücher der Zukunft würden jetzt ja viele werfen wollen. Im besten Fall liest man dann in der Fußnote, beim Kapitel über die große Wirtschaftskrise Ende der 2000-Nuller Jahre, vom Inselstaat, der knapp am Staatsbankrott vorbeigeschrammt ist. Im aller-aller-allerschlimmsten Falle beginnt das ganze Kapitel gleich mit Island. Zu grauslich, dies überhaupt weiter anzudenken.
 
 
Inselleben
  Auf alle Fälle gibt die Krise der Isländer eine gute Fabel ab in der schwierigen Narration des Gesamtschlamassels, das niemand zur Zeit richtig zu erzählen vermag. Wie konnte das Eiland im Norden mit seinem 300 000 Einwohner an den Rand des wirtschaftlichen Totalzusammenbruchs geraten?

Island war bisher eher bekannt für Fisch und Geysire. Fisch für den Export, die Geothermik für eine recht autarke Energieversorgung. Mit beiden hätte man ein angenehmes Inselleben außerhalb der EU führen können. Hätte vielleicht so sein können, wenn Island, und hier beginnt die Fabel, nicht beschlossen hätte, sich einen größeren Anteil an der Welt zu sichern.

 
 
Die Krise
  Die Krise der Isländer nennt in der Kurzfassung viel global Bekanntes:

Ein Wirtschaftwachstum wie auf Amphetamin. Die ganze Insel auf Kaufrausch: Luxusautos, Firmenanteile im Ausland und englische Fußballklubs. Gekauft natürlich auf Pump. Irgendwann kamen die ersten Zweifel am Finanzsystem. Inflation war ohnehin ein immer wiederkehrendes Thema. Konkrete Anzeichen für das Platzen der isländischen Blase gab es zum ersten Mal am Anfang des Jahres.
 
 
 
  Wie es soweit kommen konnte? Vielleicht waren es die hohen Zinsen, die das Interesse ausländischer Investoren auf Isländische Bankgeschäfte lenkte. Vielleicht waren es die steigenden Fischpreise. Als Nicht-EU-Land, das sich an keine Fangquote halten muss, wurde die Leitindustrie der Insel immer einträglicher. Vielleicht war es aber auch Björgólfur Thor Björgólfsson.
 
 
 
Die Björgólfur-Saga
  Björgólfur Thor Björgólfsson ist, wie der Name sagt, der Sohn eines anderen Björgólfur. Sein Vater Björgólfur Guðmundsson stammt aus einer alten Unternehmerfamilie. Als Björgólfur senior Ende der 80er Jahre in einen Finanzskandal verwickelt war, studierte Björgólfur junior gerade in den USA Wirtschaft. Verlockend wäre es jetzt, einen Vergleich zu alten nordischen Geschichten wie der von Erik dem Roten und seinem Sohn, dem Amerikaentdecker Leif Erikson, zu bringen. Jedenfalls, mit dem in Island für alle Geschäfte versauten Familiennamen beschlossen Vater und Sohn, ihr Businessglück außerhalb der Insel zu suchen. Wie Erik und Leif einst in Grönland und Vinland versuchten Vater und Sohn Björgólfur ihr Unternehmungsglück im Privatisierungswahnsinn im Russland der 90er Jahre. Mit einer Brauerei, die sich dann auf Alkopops spezialisierte, gelang das Unternehmen. Später wurde die Alkoholfirma gut und teuer an Heineken verkauft.

 Björgólfur Thor Björgólfsson
 
 
  Das Geld aus dem Verkauf wurde in Island reinvestiert. Erfolg ist das beste Waschprogramm für einen besuldeten Namen. Unter anderem beteiligte man sich an der Landsbanki, einer der großen Krisenbanken, die jetzt unter staatlicher Kontrolle stehen. Weitere Investments folgten in diversen anderen Branchen. Und Vater Björgólfur, ein ehemaliger Fußballer, leistete sich zu all den neuen Geschäften auch noch West Ham United. Björgólfur Thor Björgólfson war nicht der einzige isländische Entrepreneur, der in jungen Jahren sein persönliches finanzielles Glück machte. Er war und ist aber bei weitem der reichste. 16% von allem, was in Island an Ware oder Dienstleistung produziert wird, könnte er einfach kaufen. Und das würde man auch gern selber können.
 
 
 
Björgólfur statt Björk
  Vielleicht war früher einmal Björk das Vorbild vieler junger Isländer gewesen. In das Möchtegern-Bewusstsein einer neueren Generation prägte sich eher die Saga von Björgólfur Thor Björgólfson ein. Bei einer Bevölkerung in der Größe einer größeren österreichischen Landeshauptstadt kann die außergewöhnliche Geschichte eines Einzelnen schon viel bewirken. Zeitgleich mit dem Aufstieg der jungen isländischen Entrepreneure schwenkte die Politik von skandinavischer Staastkontrolle immer mehr in Richtung uneingeschränkter Marktwirtschaft. Die richtige Vorraussetzung für kreditbedingte Goldrauschstimmung. Das Ende der Fabel erleben wir jetzt gerade mit. "Gott segne Island".

 Nicht reich genug.
 
 
  Und die Moral von der Geschicht? Die ist nicht auf die Insel beschränkt. Betroffen sind britische Sparkonten, schwedische Bekleidungsfirmen, West Ham United und anscheinend auch österreichische Banken. Und deswegen auch wieder mal wir alle. Interessante Zeiten sind schon ein Fluch.
 
fm4 links
  Zur Island-Krise

Die Isländische Kreditblase auf orf.at

Über Björgólfsson auf forbes.com

Über einen weiteren Entrepreneur auf times.com
   
 
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