fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Berlin | 28.10.2004 | 15:08 
East of the West. Zwischen Prager Frühling, Steirischem Herbst und Brandenburger Tor.

Gollackner, Marc, Reiser

 
 
Der Protest der Anderen
  Ina Deter! Bettina Wegener! Die Helden meiner - äh - richtig! Mutter. Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehört ein blauer VW Käfer mit Fetzendach. Ich auf dem Rücksitz. Sonne auf den Armen. Wind im Haar. Draußen: Pinien. Drinnen: Der Geruch nach heißem Kunstleder. Und meine Mutter, die lautstark "Neue Männer braucht das Land" von Ina Deter mitsingt. Was hatte ich damals mit Männern - mal abgesehen von den obligatorischen Bekanntschaften mit Gleichaltrigen am FKK Campingplatz - schon am Hut? Nichts. Mit deutscher Frauenpolitik noch weniger. Unter "Weg mit dem Paragraphen 218" stellte ich mir unerklärlicherweise immer einen alten Mann mit Gehgestell vor.
 
 
Ob blond, ob braun, ob henna...
 
 
Wie bitte?
  Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich gerade Zeuge eines deutschen Protestsongs werde - mein verständnisloser Blick wäre ihm/ihr Gewiss gewesen. Doch auch heute fällt es schwer zu definieren, was denn das eigentlich sein soll - so ein Protestsong. Gitarre, lange Haare und politische Texte? Die Schmetterlinge? Die goldenen Zitronen?
 
 
 
  Nicht viel leichter scheint es George Lindt, dem Kopf von Lieblingslied Records, der für so charmante Veröffentlichungen wie die Doppel-CD "Liebe und Herzschmerz" verantwortlich ist, gefallen zu sein. Sein neuester Wurf Protestsongs.de, widmet sich dem deutschen Protestsong von 1944 bis heute. Zwei CDs von denen eine das "Hier und Jetzt" mit Rocko Schamoni, Jan Delay den Lassie Singers aber auch Xavier Naidoo behandelt während die andere, namens "Bleibende Werte" sich mit der Zeit vor der Wende befasst. Da gibt es den guten, alten Söllner mit "Hey Staat", Nena, natürlich Ton, Steine, Scherben aber auch Nicole und als ältestes Stück "Lili Marleen" in der Version von Lucie Mannheim. Gleich mitgeliefert wird ein hübsches Booklet, in dem man einiges über die Geschichte erfährt und u.a. nachlesen kann, warum auch Otto Waalkes mit dem Song Dupschek vertreten ist.

Aus aktuellem Anlass traf ich George Lindt im Cafe Marietta, um vielleicht wenigsten eine Ahnung zu bekommen, was denn das eigentlich sein soll - so ein Protestsong.

 
 
Interview
  Lieblingslied hat ja schon zwei Doppel CDs namens "Familienangelegenheiten" und "Liebe und Herzschmerz" herausgebracht. Was war bei Protestsongs.de anders?
Protestsongs.de war sicher die aufwändigste CD, die ich jemals produziert habe. Ich hatte ganze 200-300 Songs, die alle unverzichtbar waren. Da hätte ich eine Riesen-CD-Box machen können. Aber das hätte erstens keiner gekauft und zweitens wahrscheinlich kaum einer geschafft sich durchzuhören.
Hinzu kam noch, für sich selbst zu definieren: "Was ist ein Protestsong eigentlich?" Weil allgemein geht das nicht. Das ist für jeden etwas anderes. Da hab ich mir gedacht: Lieber konsequent scheitern als eine 10 CD-Box zu machen und sich immer noch vorwerfen lassen zu müssen, dass etwas fehlt.
 
 
 
  Wie hast du denn dann für dich persönlich Protestsongs definiert?
Subjektiv und inkonsequent. Also auf der einen Seite hab ich Songs genommen, wo ich gesagt habe, die sind nicht nur für Außenstehende, sondern auch für mich ein MUSS, wie z.B. Ton, Steine, Scherben oder Nicole mit "Ein bisschen Frieden". Gerade dieser Song von Nicole war mir halt wichtig, weil es der erste Schlager ist, der eine politisch eindeutige Aussage hat. Aus Kalkül heraus zwar, aber trotzdem ein politischer Song ist und auch noch ein internationaler Erfolg war. Deswegen hab ich auch die Version mit den Strophen in verschiedenen Sprachen genommen. Auf der anderen Seite hätte ich ja eigentlich so weitermachen müssen im Tracklisting. Dass man sich sozusagen an diesen "MUSS-Faktoren", wie ich das jetzt mal nenne, weiterorientiert, aber dann bin ich irgendwie oft auch in die Subjektivität geschlittert.

 Wie eine Blume am Winterbeginn, so wie
ein Feuer im eisigen Wind...
 
 
  Was wären denn diese MUSS Faktoren gewesen?
Na die MUSS Faktoren wären natürlich welche, die erfolgreich gewesen sind und vielleicht in den Charts waren. Oder die für eine bestimmte Szene Hymnen darstellen. Wie "Macht kaputt, was euch kaputt macht" oder "Keine Macht für Niemand", um bei Ton Steine Scherben zu bleiben. Auch Nena mit "99 Luftballons" und Konstantin Wecker - ich sag mal, dass sind so Sachen, an denen man überhaupt nicht vorbeikommt. Aber bei manchen anderen hab ich halt einfach gedacht, ich will jetzt die nehmen, die mich ansprechen. Ich hatte auch keine Lust, dass jetzt so richtig zu begründen. Ich hab mir die Lieder ja ganz oft selber aufgenommen und so gehört und versucht die zu fühlen - auch wenn das kitschig klingt - und nachzuleben. Manchmal gab's da irgendwie so Sachen, wo ich gedacht hab, ne das geht nicht.

 Ton Steine Scherben, 1972
 
 
  Dann gab's einen Prozess wo ich dachte: "Das ist jetzt aber auch alles so Ernst." Weil gerade in Deutschland ist es ja immer schwierig, dass du, wenn du was mit Politik und Deutsch machst, immer sofort total patriotisch bist - wenn nicht sogar Nazi. Und da muss ich sagen hatte ich wirklich Angst. Ich saß dann zu Hause und hab gedacht: "Wenn du das machst, wirst vielleicht in den Kritiken als Nazi abgestempelt." Es gab sogar ein berühmtes deutsches Musikmagazin, das, nachdem sie die CD bekamen, gesagt hat: "Das Cover sähe nazimäßig aus".
Deshalb dachte ich es muss vielleicht auch ein bisschen ironisiert werden und habe Otto, Funny van Dannen und Helge Schneider draufgenommen, die offensichtlich natürlich erstmal lustig sind, aber trotzdem, finde ich, nicht weniger inhaltsstark.

 Stimmt. Weiße Tauben - die internationalen Insignien der Neonazi Szene.
 
 
  Das klingt nach viel Arbeit. Wie lange hast du dafür gebraucht?
Es hat 2 Jahre gedauert. Was aber auch daran lag, dass sich die CD permanent verändert hat. Erstens durch Diskussionen, die ich mit Bekannten und Freunden hatte und dann auch durch Äußerlichkeiten. Wie, dass der eine nicht drauf wollte, wenn der andere drauf ist. Natürlich lizenzrechtliche Probleme und auch finanzielle. Es gab Leute, die wollten soviel Geld haben, dass ich sagen musste: "Nö, das kann ich mir nicht leisten." Da muss man auch marketingtechnisch denken - das ist ja keine Kuschelrock. Diese CD hat einfach kein spezielles Zielpublikum. Sie ist generationsübergreifend. Weil welche Leute hören schon Ernst Busch, Joseph Beuys, Nena, Nicole, die Ärzte und Jan Delay genauso gerne. Und dadurch ist sie logischerweise auch genreübergreifend. Da wird ja vor keiner Musikrichtung halt gemacht. Was ich total spannend finde, aber irgendwie merk ich immer, wie konservativ die Leute sind.

 Mensch Knitterface der Film ist aus nimm' die Raketen mit nach Haus !
 
 
  Gibt es denn in Deutschland so etwas wie eine Tradition des Protestsongs?
Das frag ich mich auch.
 
 
 
  Und wie ist das Verhältnis zwischen Ost- und Westsongs auf der CD?
Weswegen ich wirklich oft kritisiert werde ist, dass zu wenige Songs aus der DDR drauf sind. Aber ich bin aus dem Westen, deswegen hab ich da natürlich eine westliche Sicht drauf. Die erste Frage, die ich mir gestellt habe, ist: Was ist ein Protestsong im Osten überhaupt gewesen. Das heißt: Kann man Songs, die im Osten veröffentlicht wurden und durch eine Zensur gegangen sind, wirklich guten Gewissens als Protestsongs bezeichnen? Das ist so der Hauptknackpunkt gewesen. Da gab es natürlich diese Kassetten-Undergroundkultur, wo viele Sachen entstanden sind. Die konnte man aber soundtechnisch beim bestem Willen nicht auf CD bringen. Ein zusätzlicher Punkt war, dass auch oft unter Pseudonymen aufgenommen wurde und ich deshalb große Problem hatte zu recherchieren, wer da wer gewesen ist.

 Nicht drauf: Renft. Laut Eigendefinition das "Dream Team des Ost-Rock".
 
 
  Naja, wenn das jemand aus dem Osten gemacht hätte, sehe es wahrscheinlich anders aus...
Aber das ist für mich fast der wichtigste Punkt! Es ist jetzt nicht wichtig, die CD wirklich so oft zu verkaufen. In dem Punkt ist es mir echt nur wichtig, dass sie sich so auf Null Null finanziert. Wichtig wäre mir eigentlich, dass 'ne Diskussion stattfindet. Das zum Thema zu machen. Um in SPEX-Sprache zu sprechen: "Einen Diskurs entstehen zu lassen." Ob's das gibt, inwiefern es das gibt und was für eine Tradition das hat. Meinetwegen können mich die Menschen auch als Arschloch beschimpfen, als Wessi-Sau. Hauptsache, sie setzen sich mit dem Thema auseinender. Der glücklichste Moment für mich wäre, wenn einer sagt: "Hier, so ist sie besser, als Doppel CD" und mir seine eigenen hinstellt, das fänd ich toll.
 
 
 
  Irgendwelche Lieder, denen du immer noch hinterhertrauerst?
Mhm.. ja ich wollte Wolf Biermann haben - unbedingt eigentlich. Aber Wolf Biermann war laut Auskunft der Plattenfirma nur über eine geheimnisvolle Faxnummer zu erreichen. Irgendwann kam das Originalfax mit der Lizenzanfrage zurück. Handschriftlich eingefügt war lediglich die Frage, wie viel man an dieser CD verdienen könne. Auf die Antwort, dass es die "handelsüblichen Prozentsätze" gäbe, kam keine Antwort mehr, auch mehrere Nachfragen via Fax blieben bis heute unbeantwortet.
Dann hätte ich gerne etwas von "Wir sind Helden" gehabt, aber das ging lizenzrechtlich nicht. Die haben 'ne ziemlich ätzende Plattenfirma - wenn ich das mal so sagen darf - so nach dem Motto, die sind jetzt ganz hip und wir wollen die jetzt nicht auf ne Compilation bringen, die vielleicht nur 6000 Stück verkauft. Das find ich schon ein bisschen traurig. Aber so im Großen und Ganzen bin ich zufrieden - außer natürlich, dass ich gerne viel, viel mehr Songs drauf gehabt hätte.

 Der alte Wolf Biermann...
fm4 links
  lieblingslied-records.de

Theoriekeule
Günther Jacob "Was ist ein Protestsong?"
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick