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Stockholm | 12.9.2005 | 19:45 
Musik, Mode und Monarchie: Sweden, twelve points!

Smoab, Farkas, Gerlinde

 
 
Meine aktuellste große Stockholm-Lektion:
  Die Schweden, zumindest die in Stockholm, sind ein richtiges Anti-Couch-Potato-Volk. Unerschütterlich unternehmungsfreudig und stets voller Tatendrang.

Fast ein/e jede/r scheint ein Musikinstrument zu beherrschen oder sonst irgendwie kreativ unterwegs zu sein. Sei es nun literarisch, zeichnerisch, fotografisch, näherisch oder grafisch. Oder man ist aktives Mitglied in einem der zahlreichen Jugendvereine und Aktivistengruppierungen, die unermüdlich über Ideale philosophieren, Missstände diskutieren und neue Projekte für eine bessere Welt initiieren.
 
 
 
 
 
  OK, natürlich wird hier auch viel fern gesehen und Computer gezockt. Aber soweit ich weiß, geht der Schwede dafür anschließend brav ins Fitnessstudio, um das Sitzpolster abzutrainieren. Wie käme auch sonst das Klischee (?) von den hübschen Schweden zustande?

Jedenfalls ist dieser besagte unermüdliche und ausgelebte Tatendrang ein wichtiger Bestandteil der schwedischen Jugend. Man redet nicht nur, sondern tut auch was. Wirklich DIY vom Feinsten!
 
 
 
Lava
  Hier in Stockholm gibt es ein großes Gebäude, das man Kulturhuset (das Kulturhaus) nennt. Dieses beherbergt zahlreiche Institutionen wie Serieteket (eine Comicbibliothek), Läsesalongen (eine auf Kunst, Film und Jugendkultur spezialisierte Bücherei) und Rum för Barn (eine Kinderbücherei und -werkstatt), die mit ihren Veranstaltungen maßgeblich dafür sorgen, dass der Stadtjugend nicht langweilig wird.

Besonders erwähnenswert ist hier das Jugendzentrum Lava. Vor allem wenn es um DIY-Jugendliche geht, denn Lava hat es sich zur Aufgabe gemacht, aus passiven Zeitkillerm aktive Jungmenschen zu machen. Zum Beispiel mit Fanzines ...

 
 
 
 
Schon mal von Fanzines gehört?
  Fanzines sind schick.
Fanzines sind trash.
Fanzines sind selbsthergestellte Magazine von Fans für Fans, von Freaks für Freaks oder von Geeks für Geeks.

Also kreative Ausdrucksblüten auf dem Nährboden verschiedenster Subkulturen, welche in persönlichster Art und Weise jene Perspektiven aufs Druckpapier bringen, die man kaum oder gar nicht in kommerziellen Printmedien findet.
 
 
 
 
 
  Oft sind das in der Mitte gefaltete und geheftete A4-Kopien. Selbstgebastelte Schrift-und Bild-Collagenkunstwerke in Mini-Auflagen von meist weniger als 50 Stück. Billig, unprofessionell und verdammt aufregend!
 
 
 
 
 
  Thematisch decken diese Minizeitschriften ein kaum einzuschränkendes Themenspektrum ab: Musik, Film, Sport, Computerspiele, politische Meinungen, humorvolle Alltagsansichten, eigene Ideen und Ideale oder was auch immer dem Fanzinisten in den Sinn kommen mag.

Ebenso vielfältig sind die stilistischen Ausdrucksformen. Alles ist vertreten. Von Poesie bis Sachtext und Interview, von Photographie bis Comic.
 
 
 
 
 
Nun die Lava-Connection.
  Das Lava-Jugendzentrum unterstützt schon seit Jahren kreative Jugendliche dabei, sich in Form von solchen Fanzines auszudrücken. Papier, Stifte, Schere, Kelber, Kopierer, Workshops, helfende Hände und interessierte Leser - das alles kann man hier finden.
 
 
 
Achtung! Hier entsteht gerade ein Fanzine!
 
 
  Und gerade sogar noch ein kleines bisschen mehr. Nämlich:
 
 
 
Fanzinerad
  So der Titel der aktuellen Fanzine-Ausstellung, die eine imponierende Sammlung an schwedischen DIY-Heften aus den Jahren 1990 bis 2005 zeigt. 220 Covers zum Anschauen und mehr als 150 Exemplare zum gemütlichen Lesen in der kuscheligen Couch.
 
 
 
 
 
  Fanzinerad ist eine Ausstellung, die einem zeigt, wie wichtig es ist, jungen Menschen eine kreative Spielwiese zu geben.

Eine Retrospektive, die versteht, dass Jugendliche nicht nur immer blind vorgefertigte Meinungen konsumieren wollen, sondern der Welt mit kritischen Gedanken gegenüberstehen.

Eine Inspiration, die einem ordentlich die Finger kribbeln lässt, gleich zu Papier, Stift und Schere zu greifen und sich selbst ans Werk zu gehen.
(Und daür ist ja, wie gesagt, bestens in Lava gesorgt!)

 
 
Come on! Do it yourself!
 
 
  Fanzinerad versteht, was in Zeiten des immer stärkeren Streben nach Professionalität in jeglichen Lebensbereichen (von Volkshochschulkursen bis hin zur eigenen Website) immer mehr in Vergessenheit gerät: Es ist die Message die zählt, nicht die Verpackung!
 
 
 
 
 
  Das, was manche nämlich eine Verschwendung an Papier und Zeit nennen, ist in Wahrheit eine faszinierende Art, sich konstruktiv mit Themen auseinander zu setzen und sich einen fundierten Standpunkt zu bilden. Oder um es vielleicht mehr im Guerillastil auszudrücken: Diese "Do It Yourself!"-Attitüde ist ein selbstbewusster Weg aus einer denkfaulen Meinungsdikatur.

"I wanna produce my own culture! I don't wanna be entertained!", heißt es im amerikanischen Papertiger-Film, der im Rahmen der Ausstellung gezeigt wird. Ganz offensichtlich spiegelt dieser Satz auch die Denkweise vieler junger SchwedInnen (und hoffentlich auch ÖsterreicherInnen) wieder. Und das finde ich richtig gut!

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  Website der Ausstellung Fanzinerad
(leider nur in Schwedisch)
   
 
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