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Stockholm | 7.5.2006 | 20:17 
Musik, Mode und Monarchie: Sweden, twelve points!

Smoab, Farkas, Gerlinde

 
 
Das Leiden der kleinen Meerjungfrau
  Starr und unbeweglich saß sie vor mir.
Mit hängenden Schultern und verschränkten Armen.
Mit gesenkten Mundwinkeln und todmüden Augen.
Den genervten Blick mit solch desinteressierter Gefühlskälte von mir abgewandt, dass mir ein leichter Schauer über den Rücken laufen wollte. In der Tat, ihr Gesicht hätte ausdrucksloser gar nicht sein können.

Nein, die Rede ist hier nicht von einer Rockikone nach einer weiteren wilden Partynacht oder einem erschöpften Hollywood-Star. Auch nicht von einer überforderten Mutter oder einer überarbeiteten Supermarktkassiererin. Es geht nicht einmal um einen Menschen. Sondern - plump ausgedrückt - um ein Ding. Allerdings um jenes, das die Kopenhagener ihr Wahrzeichen nennen und in ihrem Ruhm täglich hunderte von Touristen anlockt:
Den lille Havfrue.
Oder auf Deutsch: Die kleine Meerjungfrau.
 
 
 
 
 
Neulich, auf meiner ersten Reise nach Kopenhagen
  Ja, ihr Anblick hat mich enttäuscht. Das gebe ich traurig, aber ehrlich zu.

So groß und wichtig mir die Märchenvorlage von Andersen erscheint, so klein und nichtig wirkte das berühmte Bronzegebilde von Edvard Eriksen auf mich. Nicht dass Eriksen kein guter Bildhauer gewesen wäre und er nicht einst ein feines Stück Kunst im Auftrag der Carlsbergbrauerei geschaffen hätte. Aber die ganze Alltagsszenerie, die sich vor meinen Augen auftat, war einfach nur der größte Stimmungskiller.
 
 
 
 
 
Just another Schauerszenario
  Alle 10 Minuten hielt in der Nähe ein neuer Bus voll mit Touristen, die mit DigiCams, Fotoapparaten und Fotohandies bewaffnet schnurstracks auf die Meerjungfrau losgingen. Einer nach dem anderen kletterte die glitschigen Steine zu ihr hinüber und ließ sich mit dem gezückten "Wow, echt super!"-Daumen ablichten. Manch einer tätschelte noch flüchtig ihre Flosse, aber die meisten verließen schnellstens wieder den Schauplatz, ohne auch nur einen Blick zurück zu der gerade eben noch ach-so-tollen Sehenswürdigkeit zu werfen. Den lille havfrue wird wohl erst dann wieder interessant für sie, wenn sie zu Hause die Bilder Freunden und Verwandten zeigen können. Jetzt muss man aber schnell weiter zu Schloss Amalienborg und die regungslosen Wachen mit den großen Pelzmützen begaffen.
 
 
 
 
 
  Tja, in all diesem Trubel ist nicht viel von der rührenden Tapferkeit im sehnsüchtigen Meerjungfrauen-Blick hinaus ins offene Meer zu spüren. Tatsächlich erschien sie mir plötzlich viel eher wie eine Angestellte des städtischen Tourismusamtes, die dafür engagiert wurde, tagein tagaus von 8:00 bis 20:00 auf dem Felsen zu sitzen und das Geknipse und das Gegrabsche der Touristen stumm zu ertragen. Und nachdem es im dänischen Sommer draußen ja noch viel länger hell ist, hat sie dann wahrscheinlich noch viel längere Arbeitszeiten. Das arme Ding!
 
 
 
"Es war ihr, als ob sie weinen müsste, ...
 
 
... aber die Seejungfrau hat keine Tränen, ...
 
 
... und darum leidet sie weit mehr."
(aus Andersens Märchen)
 
 
Das Kunstwerk im Zeitalter des Tourismus
  Nunja, Mitleid ist nicht wirklich angebracht. Schließlich handelt es sich um nichts weiter als eine 125-Centimeter-hohe Bronzefigur auf einem kahlen Felsen in Kopenhagens Hafen.
(Auch wenn sie währende der letzten 93 Jahre schon häufig Opfer des Vandalismus wurde: Mit Farbe überschüttet, mit Parolen beschmiert, vom Felsen gestoßen und ihres Kopfes oder Armes beraubt.)

Aber immerhin ist sie ein Symbol. Und Symbole sind wichtig und fein. Aber kann es sein, dass der übertriebene Tourismus der Wunderhaftigkeit/Einzigartigkeit/Besonderheit von Wahrzeichen den Todesstoß gibt?
 
 
 
 
 
Touristischer Todesstoß
  Auch wenn mir der ganze Touristenapparat in seiner grässlichen Oberflächlichkeit stets zuwider ist, entkommt man ihm als interessierte/r Kulturreisende/r nie wirklich ganz. Letztendlich sucht man meist doch dieselben Orte wie die großen Reisegruppen auf und muss wohl oder übel die unermüdliche Schön-Schreiberei von Reiseführern ertragen. Und ja, auch ich knippse dann so wie alle anderen meine Fotos.

Einerseits ist es gewiss etwas Gutes, dass es für jede größere Stadt eine Art Standardprogramm gibt, an die sich Fremde ohne einheimische Kontakte halten können. So fährt wohl keiner mit dem Gefühl nach Hause, den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen zu haben. Aber soviel Konformismus und Identitätsvermarktung hinterlässt auch einen bitteren Nachgeschmack.
 
 
 
Das hässliche Entlein und die kleine Meerjungfrau -
ein hübscher Märchenclash am Rande.
 
 
  Mir persönlich erscheinen viel umjubelte Sehenswürdigkeiten jedenfalls plötzlich auch nicht aufregender als ein offensichtlich aufgesetztes Lächeln.

So wie damals auch im Louvre, wo ich nach einem viertelstündigen Kampf durch die dichte Betrachtertraube einen flüchtigen Blick auf die "große" Gioconda (Mona Lisa) erhaschen konnte. Kleinformatiger als gedacht und versteckt hinter im Blitzlichtgewitter spiegelndem Panzerglas, konnte ich jedenfalls nichts mehr von der berühmten Aura um ihr geheimnisvolles Lächeln spüren. Schade!
 
 
 
PS:
  Diese Gedanken sollen natürlich niemanden davon abhalten, nach Kopenhagen zu reisen und diese wirklich wunderhübsche und unglaublich aufregende Stadt kennenzulernen. Ganz im Gegenteil, ich kann die Nordmetropole nur wärmstens als Urlaubsziel empfehlen. Meine Kritik bezieht sich lediglich auf einen Tourismusaspekt, der wie in den meisten anderen Großstädten dieser Welt nunmal leider auch dort zu beobachten ist.
 
 
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