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Stockholm | 2.7.2006 | 11:18 
Musik, Mode und Monarchie: Sweden, twelve points!

Smoab, Farkas, Gerlinde

 
 
FeedBack. KissBack.
  "Ein Kuss klingt nicht so laut wie eine Kanone. Aber das Echo lebt länger."
~ "Der Professor beim Frühstück" von
Oliver Wendell Holmes

Ganz nüchtern betrachtet kann der Begriff "Kuss" als eine durch die Lippen erfolgende Berührung eines Menschen oder Gegenstands definiert werden.

Aber ein Kuss kann (unter anderem) dick, flüchtig, peinlich, innig, leidenschaftlich, lieblich, schmackhaft oder zärtlich sein, auf die Lippen, die Stirn, die Wange oder den Bauch erfolgen und als Gruß oder Zeichen der Freundschaft, Liebe oder sexuellen Zuneigung gedeutet werden. In Anbetracht der vielfältigen Ausprägungen und Bandbreite an Bedeutungen erweist sich diese eindimensionale Sichtweise daher als höchst unbefriedigend.

Aus biologischer Sicht ist der Kuss eine Handlung im Rahmen des menschlichen Paarungsverhaltens.
Aus kultureller Sicht ein ungemein starkes Symbol.
Und aus meiner Sicht ein ideales Feedbacksystem.
 
 
Der Kuss als Feedback-System
  "Ein Kuss ist wie jeder Kuss, aber die Liebenden werden trotzdem nie müde."
~ Fidel Castro

In der Schaltungstechnik versteht man unter dem Ausdruck "Feedback" einen Prozess, bei dem das Ausgangssignal wiederum als Eingangssignal dient. Ein Programmierer mag den Ausgang auch als Return-Value einer Funktion und den Eingang als Parameter sehen.

Grafisch kann man ein solches System folgendermaßen stilisieren:
 
 
 
 
 
  Auch ein inniger Kuss entspricht diesem Schema, wenn man wie folgt für die Variablen in der Grafik einsetzt:

x = Emotionen/Intentionen von Person A
y = Emotionen/Intentionen von Person B
A = Kuss von Person A
B = Kuss von Person B
By = As Interpretation der Emotionen/Intentionen von Person B
 
 
 
  Diese Wertekonstellation entspricht dem Prozess Küssen aus der Sicht von Person A, die diesen Prozess hier auch initiiert.

Die dazu motivierenden Emotionen (Liebe?) und Intentionen (Liebesbeweis?) sollen als in verschlüsselter Form vorliegendes Eingangssignal x verstanden werden. Der Verschlüsselungscharakter beruht auf den subjektiven Charakter dieses Wertes. Je nach Persönlichkeit und Verhaltensweise von Person A kann x in verschiedenen Ausprägungen vorliegen. (Ist A schüchtern oder stürmisch? Küsst A aus Liebe oder aus Gewohnheit oder weil A an das Geld von B kommen will?) Darauf folgt die Kussaktion seitens Person A (A in der Grafik), die Person B ihrerseits dekodiert, interpretiert und reflektiert. B empfängt also As Handlung, versucht dessen dahinter liegende Gefühle und Absichten zu erkennen und reagiert anschließend entsprechend seiner/ihrer Erkenntnisse und eigenen Emotionen sowie Intentionen (y). In unserer Grafik wird der Kuss erwidert (B), was bei A wiederum den Interpretationsprozess mit Ergebnis By auslöst. Es wird eine Art Kreislauf geschlossen, der theoretisch in einer Endlosschleife enden könnte. Der ideale Kuss wäre im Sinne der perfekten Rückkopplung ergo eine unendlich lange Handlung.
 
 
 
  Diese Blackbox-Betrachtung des Kusses ignoriert natürlich etliche in Realität auftretende Einflussfaktoren. Dennoch kann man auch in natura sehr gut dieses System à la "Actio est reactio est reactio est reactio etc." beobachten. De facto küsst man sich ja nur dann leidenschaftlich, wenn der Partner es ebenso tut. Man wiederholt und variiert ein und dieselbe Handlung und wiederholt und variiert somit die Reaktion des anderen, die einen selbst wiederum in der eigenen Handlung bestärkt (oder aber auch verunsichert).
 
 
 
 
 
Der Kuss im Computerzeitalter
  "Programmieren ist wie Küssen: Man kann darüber reden, man kann es beschreiben, aber man weiß erst was es bedeutet, wenn man es getan hat."
~ Andrée Beaulieu-Green

Küssen ist schon seit Anbeginn unserer Kultur ein Teil unseres sozialen Handelns. Wissenschaft, Kunst und andere Disziplinen haben ein beachtliches kulturelles Erbe darauf aufgebaut. William Shakespeares "Romeo und Julia", Gustav Klimts "Der Kuss" und Victor Felmings "Vom Winde verweht" sind nur wenige Beispiele dafür, welch großartige Denkmäler dieser Geste gesetzt wurden und sie somit zu einem der stärksten Symbole unserer Gesellschaft festigten.
 
 
 
  Seit dem Aufbruch ins Zeitalter der Moderne sind auch Technologie und ihre Entwicklung ein "Hot Topic" und nehmen mittlerweile ebenfalls einen auch symbolischen Charakter in unserer Gesellschaft ein. Aber wie sieht da nun der Bezug zum Kuss aus? Wird Prinz Technik gar eines Tages König Kuss vom Thron stürzen? Zukunftsvisionen und Utopien meinen, dass Computer und andere technische Errungenschaften einen immer größeren Stellenwert für die Menschen einnehmen werden. Manche sind sogar der Ansicht, dass die Maschine ihn (teilweise) ersetzen wird.

Gibt es also Grund zur Mechanophobie? Wird der Kuss in einer technikdeterministischen Zukunft aussterben, sich nur verändern oder weiterhin in klassischer Ausprägung bestehen bleiben? Werden sogar künstliche Intelligenzen den Kuss übernehmen?

"Nun bekommst du keine Küsse mehr, denn sonst küsse ich dich tot."
~ "Die Schneekönigin" von
Hans Christian Andersen

 
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