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Stockholm | 20.10.2006 | 15:29 
Musik, Mode und Monarchie: Sweden, twelve points!

Smoab, Farkas, Gerlinde

 
 
Studieren wie im Schlaraffenland?
  Nun, da das Wintersemester 06/07 auch in Österreich richtig in Fahrt kommt, schicke ich ein paar Impressionen aus dem schwedischen Universitätsalltag. Höstterminen (Herbstsemester) hat ja schon Ende August angefangen und eines lernt man als Austauschstudentin hier recht schnell: Eingeplante Kaffeepausen, modulares System und per Du sein mit dem Lehrkörper - Studieren in Schweden funktioniert anders.

Die schwedischen Hochschulen haben zwar bei weitem nicht den Ruf von internationalen Eliteunis wie Harvard, Cambridge oder die französischen Grandes Écoles. Aber im reformfreudigen Sozialstaat, wo das Wort Bildung mittlerweile schon traditionell groß geschrieben wird, muss man sich für sein Studium durchaus nicht schämen. Tatsächlich gehören die Ausbildungsstätten zu den modernsten und am besten ausgestatteten in Europa ... und das sogar ohne Studiengebühren!
 
 
 
(c) Stockholms Universitet / Orasis foto
 
 
Gratis, aber nicht ganz gratis!
  Was sich im ersten Moment wie das studentische Schlaraffenland anhört, muss aber gleich wieder etwas relativiert werden. Schließlich darf man nicht vergessen, dass die Lebenserhaltungskosten im Allgemeinen höher sind als in anderen Ländern und auch Studieren trotzdem nicht ganz gratis ist.

Statt Studiengebühren gibt es die obligatorische Mitgliedschaft im Studentkår (in etwa vergleichbar mit der ÖH), die wiederum einen Mitgliedsbeitrag einhebt. In Stockholm waren das heuer 460 SEK (ca. 49,50 EUR). Doch ehrlich gesagt, zahlt man diesen verhältnismäßig kleinen Beitrag gerne, wenn man bedenkt, welchen Dienstumfang einem der Studentkår dafür anbietet. Endlich hat man das Gefühl, dass das Geld auch wirklich dorthin fließt, wo es hingehört.
 
 
 
Zwangsehe mit dem Studentkår
  Tatsächlich wird ein Großteil des Studentenlebens am Campus von der Studentenvereinigung geregelt und beeinflusst. Das fängt beim billigeren Kopieren an und hört beim Organisieren von Festen auf. Sowohl der allwöchentliche Mittwochspub im Allhuset, wo man Bier gut 10 bis 15 Kronen billiger kaufen kann als in den Stadtlokalen, als auch das jährliche Indiefestival Popaganda wird vom Studentkår veranstaltet.

Als Student hat man natürlich auch die Möglichkeit, selbst bei einer der bestehenden Organisationen aktiv zu werden: Studententheater, politische Vereinigungen, Diskussionsgruppen, Zeitungen, Studentenradio, etc. Oder aber man gründet eine ganz neue Arbeitsgruppe. Zudem bietet einem die Mitgliedschaft noch billigere Essensmöglichkeiten am Campus, Betreuung und Rat (auch im Speziellen wie zum Beispiel für Austauschstudenten) und in Stockholm sogar auch Krankenpflege bei physischen und psychischen Problemen.
 
 
 
Bibliothek der Uni Stockholm
(c) Stockholms Universitet / Orasis foto
 
 
Räumlichkeiten und Bequemlichkeiten
  Auch was die Infrastruktur an den Universitätsgebäuden betrifft, kann man kaum beklagen. Die Hörsäle sind modern eingerichtet und die Sitzbänke sind bequem gepolstert. Es gibt stille Selbststudienräume, wo man in aller Ruhe lernen kann, und genügend Platz in den Computersälen. Für Sprachstudenten in Stockholm gibt es sogar ein Lärostudio, wo man an speziellen PCs mit Lernsoftware und Headsets üben kann.

Es scheint fast so, als sollte das Studieren so angenehm wie nur möglich gestaltet werden.
 
 
 
Vollzeitkurse statt Stundenplan
  Der aber wohl größte Unterschied im Studentenalltag ist der Studienaufbau an sich. Während man sich in Österreich einen eigenen Stundenplan zurechtlegt, setzt man in Schweden auf ein so genanntes "modulares System". Die Kurse werden hintereinander absolviert, nicht nebeneinander. Das heißt, man konzentriert sich in der Regel 3 bis 5 Wochen lang auf eine Lehrveranstaltung und legt gleich im Anschluss eine Prüfung ab. Das Studium soll dadurch mehr in die Tiefe gehen.

Die Lehrveranstaltungen sind zudem so gestaltet, dass vor allem fachliche Praxisnähe, intensives Selbststudium und Teamarbeit gefördert werden sollen. Pro Woche hat man durchschnittlich nur 3 Vorlesungen von jeweils 2 Stunden (wobei eine Stunde aus 45 Minuten Vortrag und 15 Minuten Pause besteht). In der restlichen Zeit widmet man sich der empfohlenen Lektüre oder Projektarbeiten in kleinen Gruppen.

Die richtige Betreuung durch den Lehrkörper wird dabei sehr ernst genommen, auch wenn der Umgang zwischen Professoren und Studenten meist sehr locker und persönlich ist. Man spricht sich stets beim Vornamen an und scherzt in der Kaffeepause auch gerne mal gemeinsam herum.
 
 
 
(c) Stockholms Universitet / Orasis foto
 
 
Also alles besser in Schweden?
  Natürlich nicht! Was sich hier im Großen und Ganzen wie eine (zugegeben recht lange) Lobeshymne an das schwedische Studiensystem anhört, ist nur eine Auflistung der offensichtlichsten Unterschiede und soll durchaus nicht über Nachteile hinwegtäuschen.

Ob Studieren in Schweden nun wirklich besser oder schlechter als in anderen Ländern ist, hängt selbstverständlich im Wesentlichen von den eigenen individuellen Lerngewohnheiten ab.

Jemand, der sich nicht im Team engagieren will und Probleme mit großen Mengen an Pflichtlektüre hat, wird hier wohl seine schwere Not haben. Und auch wer an strenge Hierarchien und an von oben diktierten Leistungsforderungen gewohnt ist, wird mit der schwedischen Selbstständigkeit eventuell zu kämpfen haben. Ein liberales Arbeitsumfeld hat ja nur dann Sinn, wenn man damit auch umgehen kann.
 
 
 
PS: Neue Bildungspolitik?
  Was sich an den Universitäten nun durch den Regierungswechsel konkret ändern wird, ist fraglich. Die Bürgerliche Allianz hat in ihrem Wahlmanifest zwar unter anderem auch einen thematischen Schwerpunkt auf Bildung gesetzt, doch war das neben konkreten Reformsvorschlägen für Grundschulen und Gymnasien hinsichtlich der Universitäten relativ schwammig formuliert.

Die einzig klare Forderung war die neue Bemessungsgrundlage für die Verteilung von finanziellen Mitteln. Anstatt wie bisher nach der Anzahl der positiv absolvierten Studenten zu gehen, sollen nun Erhebungen eingeführt werden, um festzustellen, welche Universitäten die qualitativ höchstwertigen Ausbildungen anbieten. Qualität statt Quantität also laut Statsminister Reinfeldt und seiner Regierung. Wie genau sich das in der Praxis auswirken wird, wird man aber erst noch sehen.
 
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  "Ein weiterer Tag im Paradies"
Ein Artikel im UniSPIEGEL.

Study in Sweden
Informationen rund um das Thema "Studieren in Schweden"
   
 
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